Architektur Moderner als Beton

Schön und ökologisch sinnvoll: Afrika besinnt sich auf die traditionelle Technik der Lehm-Architektur - und Architekten aus Mexiko und Italien machen mit.

Von Jonathan Fischer

Wer eine der Einfallstraßen in eine westafrikanische Großstadt nimmt, dessen Sinne werden von bemalten Sammeltaxis, Trauben bunter Mofas, prächtigen Stoffen, Obstverkäufern und Handy-Werbung überwältigt - als wolle die Stadt mit Farbe wettmachen, was ihrer Architektur an Attraktivität fehlt. Denn ob Bamako, Ouagadougou oder Niamey: Es regiert der Beton. Der trostloseste, zweckmäßigste Baustil, ein vordergründig billiger Sieg der Moderne.

Wo, fragt man sich, bleibt die große Bau-Tradition der Sahel-Zone? Immerhin zählen die islamische Altstadt von Djenné, die bis zu 600 Jahre alten Moscheen von Timbuktu oder das historische Zentrum von Agadez zum Unesco-Weltkulturerbe. Sie sind allesamt aus Lehm gebaut. Und der Beweis, dass man mit diesem lokal geförderten Material nicht nur anspruchsvolle Ästhetik, sondern auch eine Jahrhunderte überdauernde Architektur schaffen kann. Nur sind die Vorteile dieses Baustoffs offensichtlich in Vergessenheit geraten.

"Viele Afrikaner", sagt Boubacar Kourmansse, "halten nichts von Häusern aus Lehm: Sie gelten ihnen als altmodisch, rückständig: Busch-Vergangenheit." Die Augen des Maurermeisters mit dem sonnengegerbten Gesicht blitzen auf: "Dabei ist er moderner als jeder Beton. Lehm ist gesünder für den Körper und die Gesundheit. Tagsüber hält er kühl, und nachts gibt er die Wärme wieder ab." Kourmansse blättert Fotos auf seinem Handy auf. Museen in Washington und Südkorea haben ihn zur Errichtung von Lehmbauten einfliegen lassen. Nach dem Abzug der Islamisten aus Timbuktu hat er zusammen mit der malischen Lehm-Architektin Mariam Sy mitgeholfen, die zu Weltkulturdenkmalen erklärten Moscheen und Mausoleen zu renovieren. Und dann kümmert er sich noch um die Lehmmoschee seines Heimatorts Djenné, die größte ihrer Art in ganz Westafrika. Jedes Jahr nach der Regenzeit leitet er mit seinem Maurer-Team die Renovierungsarbeiten - zusammen mit Hunderten Freiwilligen. Der Lehmbau, sagt der Mann, der im traditionellen Gewand aus Damast gekleidet ist, beschränke sich heute aber längst nicht mehr auf die Pflege der Vergangenheit.

"Wenn Popstars Lehmhäuser haben, dann wollen sie plötzlich andere auch".

Boubacar Kourmansse hat zwei Tagesreisen entlang des Nigers südlich nach Bamako zurückgelegt, um sich im Garten des Tamana-Hotels mit einem berühmten Architekten zu treffen, João Caeiro. Der Mexikaner ist weltweit für seine Bauten bekannt: Unter Verwendung von Naturmaterialien wie Erde, Bambus und Kalkstein hat er in seiner Heimat Oaxaca, in Guatemala, Ghana und Mosambik Wohnhäuser und Gemeindezentren errichtet. Sein nächstes Vorzeigeprojekt soll in einem Dorf im Süden Malis entstehen: Ein Museum für Westafrikas Kultur des Indigo-Färbens - erbaut selbstverständlich in moderner "Banco"- oder Lehmbau-Architektur. Dort sollen auch Bildungseinrichtungen einziehen, unter anderem Malis erste Schule für Lehmbau. "Bisher wird alles Wissen informell vom Meister auf die Schüler übertragen", sagt Kourmannse, der die Gebäude mit seinem Team errichten soll. Bis zur Elfenbeinküste rufe man ihn, um den Nachwuchs zu schulen. Nur die Regierung vor Ort bevorzuge immer noch chinesische Beton-Architekten. "Die Menschen fangen erst langsam an zu verstehen, welchen Schatz wir mit dieser Technik besitzen."

Der Ort für das geplante Indigo-Museum, Siby, 50 Kilometer südlich von Bamako, liegt inmitten einer Postkarten-Landschaft aus bizarren Felsformationen. Dort gibt es bereits ein Bewusstsein für die Rückbesinnung auf lokale Bautraditionen: Seit 2014 veranstaltet das Kulturzentrum Bougou Saba jeden Februar das "Bogo Ja"-Festival, einen Wettbewerb um die schönsten Hausbemalungen: Erlaubt sind nur Erd- und Pflanzenfarben, teilnehmen kann jeder Einwohner mit einem Lehmhaus. Zum Wettbewerb und den begleitenden Festen kommen dann auch Malier und Touristen bis aus Bamako angereist. "Über den Stolz, als Künstler anerkannt zu werden, hat der Lehmbau vor Ort einen neuen Stellenwert bekommen", sagt Odile Vandermeeren, eine junge belgisch-malische Architektin, die zusammen mit ihrer Kollegin Mariam Sy "FACT Sahel +", ein Netzwerk von im Sahel arbeitenden Lehmbau-Architekten, Baumeistern und Künstlern gegründet hat.

In Siby tritt dieses Netzwerk als Mitveranstalter auf. Kinder dürfen Miniaturhäuser aus Lehm gestalten, während ein Forum einheimische Architekten, Maurermeister und Unternehmer zusammenbringt. Vandermeeren schwärmt von einer Renaissance des Lehmbaus. Der kollektive Elan sei beeindruckend. Die Herausforderungen allerdings auch: "Der Lehmbau hat sich seit Jahrtausenden kaum weiterentwickelt. Jetzt experimentieren wir mit neuen Materialien. Etwa der Beimengung von Pflanzenfasern. Oder gebrannten Erdkacheln auf dem Putz, die den Lehm gegen die Erosion der Regenzeit schützen".

40 Prozent der Weltbevölkerung leben bis heute in Lehmbauten. Das Material ist keineswegs rückständig

Dass Lehm der Baustoff der Zukunft ist - daran lässt die Architektin mit dem Büro in Bamakos Villenviertel Badialabougou keinen Zweifel. 40 Prozent des menschlichen Kohlendioxid-Ausstoßes werden von der Bauindustrie verursacht. Lehm, erklärt Vandermeeren, könne die ökologische Bilanz wesentlich verbessern. "Das Material wird lokal gewonnen und zerfällt wieder. Außerdem erspart es oft eine Klimaanlage." Auf der Webseite von Mariam Sys Firma Architerre sieht man überaus modern wirkende Lehmbau-Residenzen, die sofort jedes Vorurteil des Altbackenen widerlegen. Vandermeeren selbst hat mit einer von ihr gebauten Schneiderschule in Niamey, eine Kombination aus Stahl und Lehm, neue Standards gesetzt. "Solche Projekte können einen Schneeball-Effekt schaffen", sagt sie. Dazu diene auch der jährliche Architekten-Wettbewerb von FACT Sahel +, der den weltweit ausgeschriebenen "Terra Awards" für Lehmbau angegliedert ist. Gerade plane man eine Online-Kampagne mit westafrikanischen Popstars. Die Idee: Berühmte Sängerinnen wie Rokia Traoré steuern einen Song bei und reden über, nun ja: Lehm. "Wir wollen", sagt Vandermeeren, "diesen Baustoff wieder sexy machen." Denn letztlich laufe auch das Bauen über Emotionen. "Wenn Popstars Lehmhäuser haben, dann wollen sie plötzlich andere auch".

Unter Leitung von Miriam Sy und Boubacar Kourmansse setzt FACT Sahel + auf die Macht des Marktes. Je mehr gebaut werde, desto günstiger entwickelten sich die Preise, und desto bereitwilliger seien Staat und Unternehmer zu investieren: "Wir können von der Regierung nicht viel erwarten", sagt Kourmansse. "Trotzdem bemühen wir uns, sowohl Minister wie auch die einfachen Menschen von unserer Sache zu überzeugen - denn letztlich profitieren Arme wie Reiche von Lehmbauten." Lehm, doziert er, gehöre zu den ältesten Baustoffen der Menschheit. Seit der Sesshaftwerdung des Menschen im Nahen Osten im zehnten Jahrtausend vor Christus hätten sich die grundlegenden Techniken gehalten: das Bauen mit Strohlehm, das Aufeinanderstapeln von Lehmklumpen, zwischen zwei Planken festgedrückter Stampflehm, oder auch "Adobe", der in Handpressen vor Ort gefertigte, luftgetrocknete Lehmziegel. 40 Prozent der Weltbevölkerung leben bis heute in Lehmbauten. Wie aber kann man ihnen eine Wertschätzung dieses Materials vermitteln?

"Africa Bougous" zeigt, wie es geht. Die malisch-italienische Organisation hat mit moderner Architektur und uralter Bautechnik den Alltag einiger malischer Dörfer revolutioniert. Kati im Süden Malis ist vor allem als Militärlager bekannt. Doch in der Kleinstadt gibt es nun dank Africa Bougous auch eine Behindertenschule, einen Internet-Workshop und ein Jugendzentrum. "Wir verbinden Architektur immer mit einem gesellschaftlichen Auftrag", sagt der federführende italienische Architekt Emilio Caravatti. In Monza unterhält er mit seinem Bruder und den beiden Ehefrauen ein Architekturbüro, das auf soziale Intervention - etwa beim Bau von Gefängnissen oder Bibliotheken - setzt. Seine Leidenschaft aber gehört Mali und Africa Bougous. "Bougous" bedeutet in der Bambara-Sprache ein Haus aus Lehmziegeln. Caravatti leitet den Verein mit zwei Maliern, Lazare Konate und Emile Coulibaly.

Hier braucht man keine Klimaanlage, denn Lehm hält tagsüber kühl und nachts warm: das Innere der Schneiderschule in Niamey.

(Foto: Gustave Deghilage)

Im Toyota-Jeep geht es durch die umliegenden Dörfer, auf durchlöcherten Pisten, die zur Regenzeit nicht einmal mit einem Vierradantrieb passierbar sind. Zwischen strohgedeckten Rundhütten tauchen immer wieder Laterit- oder Lehmgebäude mit Metalldach und eleganten nubischen Rundbögen auf: Dorfschulen. Und dann das Raumschiff einer Krankenstation in N'golofolo: Caravatti hatte sie im Jahr 2006 als zwei nebeneinanderliegende Lehmröhren entworfen. Das überstehende Vordach und die Belüftungslöcher erzeugen zusammen mit dem Lehm selbst bei 38 Grad angenehm kühle Raumtemperaturen. Inzwischen hat das örtliche Komitee den Bau erweitert, zu vier Röhren, sowie einem Gemeinschaftscafé und Medikamentenlager.

"Der Lehmbau bringt die Menschen zusammen", sagt Emile Coulibaly. "Nachdem einige Maurermeister zwei Dutzend Bewohner angelernt hatten, zogen sie die Gebäude in Eigenverantwortung hoch und unterhalten sie bis heute." Lehm schaffe außerdem Arbeitsplätze: Einige der angelernten Maurer machten sich mit eigenen Betrieben selbständig. Andere fanden Arbeit in umliegenden Städten. Es ist eine Hoffnungsgeschichte, die weit über diese Gegend hinausreicht: Afrika entdeckt Antworten auf die architektonischen Herausforderungen der Zukunft - vor Ort, im eigenen Boden.