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Architektur:Louis Vuitton übernimmt den Louvre des Volks

Und Paris ist äußerst froh, dass der Modekonzern die angeblich 158 Millionen Euro teure Renovierung des leeren Museums bezahlen wird. Der Architekt für das Bauprojekt ist auch diesmal wieder Frank Gehry.

Die Szene spielte sich in der großen Veranda des proustisch anmutenden Jardin d'Acclimatation im Bois de Boulogne ab: Staatspräsident François Hollande lächelt, die Pariser Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo strahlt, der LVMH-Konzernchef Bernard Arnault triumphiert. Vor versammelter Presse hat er das aktuelle Projekt seiner Fondation Louis Vuitton vorgestellt. In der Ruine des 2005 geschlossenen Musée des Arts et Traditions populaires (ATP), unmittelbar neben dem vor drei Jahren eingeweihten spektakulären Vuitton-Museumsgebäude von Frank Gehry gelegen, wird der Luxuskonzern ein neues Zentrum für Kunsthandwerk einrichten, das "Maison LVMH - Arts, Traditions, Patrimoine". Bernard Arnault, dem der benachbarte Altbau ein Dorn im Auge war, hat als Architekten wiederum Frank Gehry verpflichtet, der extra nach Paris angereist war, um zu versprechen, dass er diesmal aber kein verschachteltes Wolkenkuckucksheim entwerfen werde, sondern sich an die strengen Formen des Sechzigerjahre-Baus vom Le-Corbusier-Schüler Jean Dubuisson halte.

Die Umbaukosten von angeblich 158 Millionen Euro übernimmt LVMH allein

Die Umbaukosten von angeblich 158 Millionen Euro übernimmt LVMH allein. Dem Staat und der Stadt fällt ein Stein vom Herzen: Die Stadtregierung hatte das ATP-Museum, diesen "Louvre des Volks", schon vor Längerem an den Staat abgegeben. Dieser hatte nach dem Abtransport der völkerkundlichen Sammlung ins Marseiller MuCEM auch keine Verwendung mehr dafür und kein Geld für eine Gebäudesanierung. Abreißen konnte man es aber auch nicht, es steht unter Denkmalschutz. So vergammelte das asbestverseuchte Ding, bis nun der reiche private Retter den Behörden die Last abnahm.

LVMH sei ein Musterbeispiel französischer Luxusqualität und könne das an diesem Ort noch einmal beweisen, schwärmte der Staatspräsident. Im Bois de Boulogne entstehe nun ein neues Kulturviertel von internationaler Bedeutung, jubelte die Bürgermeisterin. Am vergangenen Wochenende hat die Fondation Louis Vuitton gerade ihre Ausstellung der Schtschukin-Sammlung mit 1,2 Millionen Eintritten geschlossen. Und Bernard Arnault setzte bei der Präsentation des neuen Projekts noch eins drauf an Selbstgewissheit. Ja, so sei das nun mal, erklärte er mit Seitenblick auf seine Nachbarn auf dem Podium: Private seien da einfach flexibler und könnten manchmal mehr erreichen als die öffentlichen Institutionen mit ihrem schweren Verwaltungsapparat. Die Politiker blickten freundlich verlegen.

Auf ihrer Miene lag aber ebenfalls eine Spur von Stolz. In fünfzig Jahren wird das "Maison LVMH" an die Stadt Paris zurückgehen. Wo die Öffentlichkeit nicht mehr aktiv mitgestalten kann, duckt sie sich, wartet ab und ist überzeugt, die Zeit arbeite für sie. Die Strategie des diskreten Zur-Seite-Tretens wird in Paris mit einem wahren Gespür für privatwirtschaftliche Konkurrenzlogik praktiziert. Denn zwei private kulturelle Großakteure wetteifern gegenwärtig um den Glanz in der Stadt. Der Industrielle und Kunstsammler François Pinault wird in zwei Jahren seine Sammlung in der vom Architekten Tadao Ando umgebauten ehemaligen Handelsbörse installieren. Da wollte LVMH nicht zurückbleiben.

Die Stadt hat gelernt, diesen Wettkampf der Ambitionen für sich zu nutzen. Das Lächeln der Bürgermeisterin hatte also Nebenbedeutung. Jene, dass sie sich das Pokern zu eigen gemacht hat.

© SZ vom 15.03.2017

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