Architektur Dreieck, Viereck, Achteck

Der chinesisch-amerikanische Architekt Ieoh Ming Pei gilt als Meister der geometrischen Urformen. In der ganzen Welt hat er gebaut. Am Mittwoch wird er 100 Jahre alt.

Von Gottfried Knapp

Wenn wir dem chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei zum 100. Geburtstag gratulieren, dann nicht nur, weil dieser Mann in einem manchmal recht aufreibenden Gewerbe ein biblisches Alter erreicht hat, sondern auch weil er auf einzigartige Weise die Weisheit des Buddhismus mit den dezidiert modernen Formen des Internationalen Stils versöhnen, ja kreativ verschmelzen konnte. Als Sohn eines leitenden Bankangestellten in China geboren, hat Pei in der historischen Gartenstadt Suzhou von seinem Großvater die Lehre des Konfuzius wie eine Botschaft empfangen. Seine westliche Bildung aber hat er von amerikanischen Missionaren in einem Internat in Shanghai erhalten.

Der Wunsch, Häuser zu errichten, die sich über das chinesische Normalmaß erheben, konnte damals aber nur in den USA erfüllt werden. Also fuhr Pei 1935 nach Boston, wo er sich am "Massachusetts Institute of Technology" (MIT) einschrieb. Dort muss die Begegnung mit dem Architekten Le Corbusier wie eine Erleuchtung für ihn gewirkt haben. Über ein Stipendium kam er nach Harvard, wo ein anderer Urvater der Moderne, Walter Gropius, ihm die Erfahrungen vermittelte, die er als Pionier des Neuen Bauens brauchte. Als Chefentwerfer eines Immobilien-Unternehmens hat Pei sich dann die stereometrisch klaren Formen erarbeitet, die er vorzeigen konnte, als er mit seinen eigenen Firmen immer prominentere Aufträge erhielt.

Die aufgerauten Betonkuben des National Center for Atmospheric Research in Boulder, Colorado, die er mit dem Rot der benachbarten Felsen hatte einfärben lassen, verschafften Pei 1961 internationales Ansehen. Beim Erweiterungsbau der National Gallery of Art in Washington setzte er dann erstmals ein Bauwerk ganz aus geometrischen Urformen zusammen. Er schob mehrere Raumkuben mit dreieckigen Grundrissen ineinander und um eine gläsern überwölbte Halle herum, öffnete den Blick zwischen den geschlossenen Blöcken aber immer wieder hinaus ins Freie. So ergab sich eine höchst abwechslungsreicher Raumfolge, die sich vom schwerfälligen Pomp des Altbaus lebendig abhob.

Nach diesem auch von Museumsleuten gelobten Bau wurde Pei überall auf der Welt dorthin eingeladen, wo größere Ausstellungshäuser geplant waren. Neben Hochhäusern, denen er jeweils einen elegant harten Zuschnitt verpasste, wurden also Museumsbauten sein Spezialgebiet. In Paris sind seine Pläne für den Hof des Louvre jahrelang wüst bekämpft worden. Als die Glaspyramide aber stand, und die neu geschaffenen Wege im Untergrund die Zuschauermassen auf wunderbare Weise auf die Flügel des Gebäudes verteilten, war der Jubel groß. Da wollte auch Berlin nicht mehr hintanstehen. Und so durfte Pei auf dem kümmerlich kleinen Reststück hinter dem Zeughaus für das Deutsche Historische Museum einen Anbau ertüfteln, der zwar kaum Raum für Sonderausstellungen bereitstellt, aber mit der schwebenden gläsernen Spirale der davorgesetzten Wendeltreppe die Besucher entzückt.

Im Museum für Islamische Kunst in Doha im Emirat Katar hat Pei eine fast religiöse Übersteigerung geometrischer Grundformen erreicht. Auf einer eigens angelegten künstlichen Insel erhebt sich eine Stufenpyramide, deren einzelne Stockwerke abwechselnd einen quadratischen oder achteckigen Grundriss haben. Das alles überragende zentrale Gewölbe aber wird durch sieben übereinandergesetzte und jeweils gegeneinander verschobene Achtecke gebildet, die mit abstrakt-modernen Formen die Illusion einer arabischen Kuppel erzeugen.

Wie harmonisch sich der Lebensweg von Ieoh Ming Pei am Ende gerundet hat, machen zwei besonders spektakuläre Bauten in China klar: Für die Bank of China, die sein Vater mitaufgebaut hatte, konnte Pei Jahrzehnte später die große Zentrale in Hongkong errichten; und in Suzhou, seiner geistigen Heimat, durfte er die Schätze des Kunstmuseums in einen kristallinen Schrein verpacken.