Architektur Die neue Offenheit

Im ersten Stock des Medizinhistorischen Museums blickt der Besucher nicht nur auf die Altstadt, sondern auch auf den organisch wirkenden Neubau.

(Foto: Marcus Ebener)

Das Medizinhistorische Museum in Ingolstadt erhält mit dem Erweiterungsbau des Architekten Volker Staab ein freundliches Foyer, ein besseres Depot, ein Café - und Barrierefreiheit

Von Yvonne Poppek

Natürlich ist es nur ein Fenster. Genauer gesagt: ein Panoramafenster. Aber dieses Fenster im neuen Erweiterungsbau des medizinhistorischen Museums Ingolstadt erzählt viel über diese Institution, über das Selbstverständnis des Hauses, das seit 2008 von Marion Ruisinger geleitet wird. Es erzählt von Durchlässigkeit, Offenheit, Geschichtsbewusstsein, der Verankerung in der Stadt und dem Willen zur Kommunikation. Ruisinger sagt dazu: "Das ist der Blick, den ich haben wollte." Es ist jener vom ersten Stock des Gebäudes auf die Alte Anatomie mit botanischem Garten, auf Münster und Universität - ein Überblick also über das alte akademische Dreieck.

"Foyergebäude", so lautet nun der Name des Erweiterungsbaus, der sich zurückhaltend und elegant in die Häuserzeile in der Anatomiestraße direkt an das 1723 als medizinische Fakultät der Universität Ingolstadt errichtete Museum anschmiegt. Der Entwurf dazu stammt von dem renommierten Berliner Architekturbüro Staab Architekten. Volker Staabs Ideen hatten sich 2012 in einem Wettbewerb gegen vier weitere Entwürfe durchgesetzt. An diesem Samstag, 23. Juli, wird der fertige Bau eröffnet.

Für das Museum wird sich durch das Foyergebäude einiges ändern - zum Positiven. Es behebt vieles, was Ruisinger als mangelhaft, manchmal sogar als "Gau" bezeichnet. Da wäre zunächst einmal die Barrierefreiheit, die nun erstmals gewährleistet ist und damit sozusagen einen Treppenwitz beendet für eine Einrichtung, die sich ausgerechnet mit dem menschlichen Körper befasst. Hinzu kommt, dass es nun auch ein Foyer gibt wie auch eine Garderobe, Schließfächer, Besuchertoiletten, ein Café. Und auch das Depot wird nicht mehr in alten Bädern untergebracht sein, sondern in modernen Räumen. Kurzum: Das Museum hat einen zeitgemäßen Standard erreicht.

Neben dem Defizitausgleich erfüllt der Neubau weitere Anforderungen, die das Museumsteam stellte: Eine Sonderausstellungsfläche wurde integriert, ebenso ein Seminarraum, hinzu kommen Büros. "Mir war wichtig, dass das Museum später die Abläufe unterstützt", sagt die Leiterin. Und noch ein Aspekt kam hinzu: "Die Alte Anatomie bleibt die Hauptperson." Zurückhaltung und Pragmatismus waren also ausschlaggebende Punkte - bei einem Kostenrahmen von 5,2 Millionen Euro.

Diese Kriterien erfüllte das Architekturbüro Staab. Es fügte den Komplex so in die enge Lücke zwischen Anatomie und Berufsschule Marienheim, dass er zwar den zeitgemäßen selbstbewussten Auftritt garantiert, aber dennoch dem Barockgebäude nebenan den Vortritt lässt. Tatsächlich ist es erstaunlich, wie anpassungsfähig und zugleich offen sich der Baukörper präsentiert. Zur Straße hin öffnet sich das Foyergebäude mit einer großen Fensterfront. Eingefasst ist diese von einer Fassade aus braungefärbten Metall, dessen Struktur an etwas Organisches denken lässt, an Baumrinde etwa oder an Muskelfasern. Optisch etwas Natürliches wird hier mit dem haptisch Kühlen, ja Sterilen verschmolzen. Diese Eigenheiten bilden das architektonische Pendant zur Beziehung von Körper und Medizin.

Im Inneren wird diese Idee fortgesetzt mit einer Mischung aus warmem, hellen Holz, hohen, weißen Wänden, sehr klaren, abgezirkelten Formen. Vom einladenden Foyer samt Café führt eine Treppe in den ersten Stock zu den Ausstellungsräumen. Rechts ist die neue Sonderausstellungsfläche zu finden, auf der nun die Geschichte des Hauses präsentiert wird mit der Schau "Die Alte Anatomie. Ein Gebäude im Wandel. 1723-2016". Links ist die Verbindung zur Dauerausstellung im Altbau geschaffen, die derzeit aber wegen der Sanierung der Alten Anatomie geschlossen ist. Und geradeaus eröffnet das Panoramafenster den Blick auf das akademische Dreieck. Hier werden Vergangenheit und Gegenwart zusammengeführt. Selbstverständlich und dabei zurückhaltend.

Eröffnung: Samstag, 23. Juli, 11 Uhr, Museumsfest, 15 Uhr. Öffnungszeiten von 26. Juli bis 5. Oktober, Di. bis So., 10-17 Uhr, Eintritt frei