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Architektur:Die Modernität alter Steine

Musée de la Romanité à Nîmes

Bei einer Straßenrenovierung in Nîmes stieß man auf die Reste eines Römerhauses, darin das prächtige Pentheus-Mosaik.

(Foto: Musée de la Romanité à Nîmes)

Ein neues Römermuseum in Nîmes schafft die Begegnung von Archäologie und Architektur. Ein Schleier aus weiß getönten Glasplättchen auf den Fassaden lässt den Bau scheinbar schweben.

Von Joseph Hanimann

Bauherren fürchten sich davor: Man könnte beim Graben auf archäologische Funde stoßen. Auf ungewisse Zeit übernähmen dann die Archäologen das Kommando, und die Aushubbagger würden auf den Abstellplatz gefahren.

In Frankreich schreibt das Gesetz zur "Präventivarchäologie" seit 2001 bei allen größeren Bauprojekten prinzipiell Vorsondierungen auf dem Gelände vor. Und an Orten wie der alten Römerstadt Nîmes kann man sich so gut wie sicher sein, dass schon bei den ersten Spatenstichen etwas zum Vorschein kommt. So stieß man vor ein paar Jahren bei einer Straßenrenovierung auf die Reste eines Römerhauses mit zwei prächtigen Mosaiken aus dem 2. Jahrhundert, dem Achilles- und dem Pentheus-Mosaik, die laut Fachleuten neben jenen von Pompeji zu den schönsten erhaltenen Exemplaren gehören. Die Straßenrenovierung mag in Nîmes durch diese Funde in Verzug geraten sein. Das seit Jahrzehnten sich dahinschleppende Projekt eines Museumsneubaus für die archäologische Sammlung der Stadt wurde jedoch erheblich beschleunigt. Das 9000 Quadratmeter umfassende Musée de la Romanité von der Pariser Architektin Elizabeth de Portzamparc ist am 2. Juni feierlich eingeweiht worden.

Mit der römischen Kampfarena, in besserem Erhaltungszustand als das Kolosseum in Rom, dem praktisch intakten Tempel "Maison Carrée" und den übrigen Bauwerken aus der Römerzeit wird Nîmes manchmal das "kleine Rom" Frankreichs genannt. Die Stierkampf-Stadt tritt mit diesem Schatz in diesem Sommer als Kandidatin zur Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe an. Statt auf Historisierung setzt sie aber auf Konfrontation mit der zeitgenössischen Architektur. Unmittelbar neben dem Maison Carré hat der Brite Norman Foster 1993 das zeitgenössische Kunstmuseum Carré d'Art gebaut. So wollte sich auch das neue Römermuseum neben der antiken Kampfarena nicht einfach wegducken.

Gegenüber dem ovalen Steinkoloss mit seinen 60 Arkaden, der vom Spätmittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert zu einer befestigten Stadt in der Stadt geworden war mit Wohnhäusern, Straßen und Kirchen im Inneren, scheint der rechteckige Museumsbau zu schweben. Er trägt auf allen Fassaden einen horizontal gewellten Schleier aus weiß getönten Glasplättchen, der aussieht, als wäre er im Erdgeschoß leicht nach oben gerutscht. Darunter ist die nackte Glasfront des Eingangsbereichs sichtbar. Auch in den oberen Partien ist der Schleier an einzelnen Stellen aufgeschlitzt. Auf den ersten Blick wirkt das wie zeitgenössischer Architekten-Hokuspokus. Beim Rundgang verrät der Fremdkörper aber doch eine gewisse innere Logik, denn er erschließt sich ganz aus dem städtischen Umfeld.

Braucht die zeitgenössische Architektur so viel archäologische Legitimierung?

Die ehemalige römische Stadtmauer, die ihn unterirdisch durchquert, bildet die Zentralachse des neuen Museums. Ein öffentlicher Durchgang führt auf dieser Achse von der Straße her in den Hinterhof, wo längs der freigelegten Mauerreste ein archäologischer Garten angelegt wurde. Auch im Inneren dient dieser aus den meisten Sälen einsehbare Durchgang als Orientierungshilfe für die Museumsbesucher, die sich sonst in den Mezzaninen, Nischen, Zellen und Verbindungstreppen des Museums leicht verlieren könnten. Ein getrennter Aufgang führt überdies direkt aufs Dach zu einem öffentlich zugänglichen Platz mit berauschendem Rundblick auf die Umgebung. Trotz seines umständlichen Grundmusters mit doppelter Rundtreppe und ineinander verkeilten schiefen Ebenen erweist sich der Bau als überzeugendes dynamisches Gegenstück zum städtischen Ruhepol der Römerarena.

Nur: Wie viel archäologische Legitimierung braucht die zeitgenössische Architektur in historischen Städten? In einem Hof des Museums suggerieren ein paar in die Wand montierte Steinbrocken einen antiken Ziergiebel. Sie stammen vom Tempel, den Kaiser Augustus über einer Quelle aus vorrömischer Zeit hatte errichten lassen. Auf 16 Meter Höhe in die sonst leere Betonwand montiert, wirken sie aber eher kurios als grandios. Moderne Architektur braucht keinen Materialfetischismus. Überzeugender als durch die Verwendung antiker Versatzstücke wäre sie durch klugen und sensiblen Dialog mit dem Vorhandenen in ihrer eigenen Materialsprache.

Die römische Antike erlebt im französischen Mittelmeerraum gerade eine wahre Renaissance

Dies zumal, als die Präsentation der 5000 Exponate aus der Museumssammlung konsequent auf historische Distanzierung angelegt ist. Neben seinen prächtigen Mosaiken ist das Museum vor allem für seine zahlreichen Steininschriften auch aus vorrömischer Zeit bekannt. Die ursprünglich gallischen Stadtbewohner suchten ihre schriftlose Sprache nach frühen Kontakten mit der hellenischen Kultur auf Grabsteinen, Ritual- und Monumentaltafeln in griechische Schriftzeichen zu übersetzen. Mehr als ein Dutzend Stelen mit gallisch-griechischen Inschriften bezeugen im Museum, dass Nîmes schon Kulturstadt war, bevor es unter Augustus und Tiberius als "Colonia Augusta Nemausus" zu strahlen begann. Die römische Antike erlebt im französischen Mittelmeerraum aber eine wahre Renaissance. Das Antikenmuseum in Arles bekam mit Henri Cirianis schlichtem Dreiecksbau schon vor 20 Jahren ein neues Gebäude. Das 2013 eingeweihte Mucem von Rudy Ricciotti in Marseille, in dem das römische Erbe ebenfalls stark ist, hat Weltruf erlangt. Und ein neues regionales Antikenmuseum von Norman Foster ist in Narbonne fürs Jahr 2020 angesagt. In den meisten Fällen vermag die zeitgenössische Architektur sich gegen die alten Steine zu behaupten, sofern sie sich nicht zu sehr mit extravaganten Schleiern aufplustert.

© SZ vom 08.06.2018
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