Archäologie Mithraeum

(Foto: Daniel Leal-Olivas/AFP)

Mitten in London wurde in den Fünfzigerjahren ein Mithras-Tempel aus römischer Zeit entdeckt. Jetzt kann man ihn besuchen.

Von Alexander Menden

Um ein Haar wäre einer der bedeutendsten Londoner archäologischen Funde des 20. Jahrhunderts auf dem Schutt gelandet. Als man 1954 bei Bauarbeiten im Bankenviertel die Fundamente eines Mithrastempels aus dem Zweiten Jahrhundert entdeckte, retteten ihn nur das große Medieninteresse und eine Intervention Winston Churchills. Die Kultstätte des Mithras, einer geheimnisumwitterten Gottheit, der vor allem Soldaten und Händler huldigten, wurde in die Queen Victoria Street umgesiedelt. Dort gammelte sie mehr als ein halbes Jahrhundert lang unbeachtet vor sich hin.

Jetzt ist das Londoner Mithraeum wieder an seinem ursprünglichen Standort zu sehen, und seine Präsentation könnte nicht beeindruckender sein. Das von Norman Foster gestaltete neue europäische Hauptquartier des Medienunternehmens Bloomberg beherbergt ein eigenes Museum, in dem die rekonstruierten Grundmauern des Mithraeums von der kommenden Woche an frei zugänglich sein werden. In einer beispielhaften private-public-partnership haben Bloomberg und Archäologen des Museum of London nicht nur die Reste des Tempels in seiner originalen Ausrichtung wiederaufgebaut, sondern sie erstmals auch historisch kontextualisiert: Im Atrium ist eine Auswahl der Artefakte ausgestellt, die man während der Bauarbeiten zum Bloomberg-Gebäude barg - darunter eine Sandale, Pfeilspitzen, Öllampen und ein Phallus-Amulett, wie es viele Legionäre zur Abwehr von Unheil trugen. Sie alle zeugen von der Popularität des Mithras-Kultes bei Armeeangehörigen.

Über einen mit schwarzem Marmor verkleideten Treppenschacht steigt man in einen schummrigen Vorraum, in dem auf Touchscreens die wichtigsten Funde erklärt werden - darunter das Haupt einer Mithras-Statue sowie eine Bleiplakette mit der Taurochtonie, der zentralen Darstellung des jungen Mithras, der einen Bullen schlachtet. Ein Stockwerk tiefer betritt der Besucher das Allerheiligste, einen lang gestreckten Raum, der erst allmählich erleuchtet wird. Außer einer in Plexiglas gefrästen Taurochtonie in der Apsis hat man sich auf die Steine beschränkt, die 1954 gefunden wurden - sie sprechen für sich.