Alben der Woche"Wer dauernd kifft, wird zwangsläufig Neurechter"

Die "Antilopen Gang" liefert politische Positionierung mit Humor, die "Pet Shop Boys" Hedonismus mit Hirn und Bufiman ein käsiges Synthie-Revival mit tiefen Emotionen. Was es im Pop nicht alles gibt.

Die Pop-Debütantin der Woche heißt Tara Nome Doyle und kommt aus Berlin-Kreuzberg. Auf ihrem ersten Album "Alchemy" (Martin Hossbach) kostet die 22-jährige Songwriterin ihre Stimme auf eine Weise aus, wie man schon lange keine Sängerin mehr ihre Stimme hat auskosten hören. Der Produzent David Specht, sonst Bassist der Band Isolation Berlin, hat die Gitarren, Klaviere, Besen-Percussionen und Hall-Effekte ins absolut richtige Verhältnis gemischt. Und doch hört man auf diesem Album eben zuvorderst diese suchende Stimme, die oft erst aus dem Moment heraus zu entscheiden scheint, mit welchem Ton es weitergeht. Improvisation ist nicht der richtige Ausdruck. Eingebung? Eher. Nicht alle Melodien prägen sich ein. Aber "Neon Woods" und "Heathens" sind Ohrwürmer. In letzterem Stück thematisiert Tara Nome Doyle "die Leere und Verwirrung, die verlorener Glaube nach sich bringen kann". Spiritualismus aus der Generation der digital Aufgewachsenen - wer hätte das gedacht? Von Jan Kedves

Bild: Repro: SZ 24. Januar 2020, 05:142020-01-24 05:14:09 © sz.de/biaz