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Anselm Kiefers Installation im Pariser Panthéon:Mohn und Gedächtnis

Macron attends ceremony marking the end of World War I

Der französische Präsiden Emmanuel Macron vor dem Sarg des Autors Maurice Genevoix im Panthéon.

(Foto: F. Mori/REUTERS)

Auf Einladung des Präsidenten: Der deutsche Künstler Anselm Kiefer hat eine Installation für den Schriftsteller Maurice Genevoix im Panthéon geschaffen.

Von JOSEPH HANIMANN

Aufklärungsphilosophen, Revolutionäre, Armeegeneräle der Ersten Republik und des Empire, Wissenschaftler, Schriftsteller wie Victor Hugo, Émile Zola, André Malraux, Politiker aus allen Phasen der Republik und Widerstandskämpfer gegen die deutsche NS-Besatzung sind im Pariser Panthéon beigesetzt worden. Bisher aber so gut wie kein Veteranen des Ersten Weltkriegs. Diese Lücke im Nationaltempel der "Grands Hommes" darf jetzt als geschlossen gelten: Zusammen mit den sterblichen Resten des Schriftstellers Maurice Genevoix zog im Beisein von Emmanuel Macron jene Veteranenschar ins Panthéon ein, denen der Autor im Zyklus "Die von 14" gehuldigt hat. Macron wollte diese Überführung und er verband sie prominent mit einem Auftrag an zwei zeitgenössische Künstler, Anselm Kiefer und den Komponisten Pascal Dusapin. Zum ersten Mal seit 1924 wird damit im Panthéon wieder ein staatliches Auftragswerk dauerhaft installiert.

Bedurfte der Schriftsteller Genevoix aber solch künstlerischer Beihilfe? Der 1890 Geborene schilderte in "Die von 14" den Soldatenalltag auf Augenhöhe der Frontgräben. Er war selbst im April 1915 schwer verletzt worden. Schlamm, Kälte, Ahnungslosigkeit, Langeweile, Blut, Todesangst und halbherziger Heldenmut bestimmen sein Buch. So schildert er etwa, wie er drei deutsche Soldaten von hinten erschoss. Kampfbereitschaft? Eher Selbstbetrug. Sein erstes Buch "Vor Verdun" wurde 1916 zensiert. Später wurden seine Erinnerungen zur Pflichtlektüre zahlreicher Generationen französischer Schüler. Im Unterschied zu Henri Barbusse, Roland Dorgelès und anderen großen Schriftstellern jenes Kriegs zeigte Genevoix keine politische Orientierung. Selbst in der Feuerhölle ließ er beim Anblick eines Grashalms oder der sinkenden Sonne auch Momente kurzen Soldatenglücks durchscheinen.

Verminte Geschichte hat den Künstler Anselm Kiefer als Thema nie geschreckt. "Heroische Sinnbilder", "Verbrannte Erde" und allerlei deutsche Mythologeme bearbeitete er mit Sand, Stroh, Asche, Drahtstücken und Öl auf Jute. In der Neutralität von Museumssälen verfliegt das Pathos - ganz anders ist das jedoch im Pariser Panthéon. Sechs große Vitrinen sind dort in Chor und Seitenschiff auf Steinsockeln fest installiert worden. Schlimmes war zu befürchten. Kiefers schwere Symbolik inmitten der allegorischen Statuen aus den Anfängen der Republik, vor den Wandfresken mit der Pariser Stadtpatronin Sankt Genoveva, mit Karl dem Großen, Johanna von Orléans, Ludwig dem Heiligen? Da konnte sich das Bedeutungsecho doch nur überschlagen. Doch die sechs Glaskästen stehen da, als wäre das schon lange ihr Platz. Der visuelle Schallraum von Soufflots Monumentalgewölbe schluckt alle symbolische Überlast.

Macron, dieser gedenkfreudigste Präsident seit Mitterrand, könnte sich hier übernommen haben

"Mohn und Gedächtnis" heißt nach Paul Celans frühem Gedichtzyklus einer der Glaskästen, in dem aus Betontrümmern und Stacheldraht dürre Mohnblumen sprießen. "Oh Halme ihr Halme oh Halme der Nacht - pour Maurice Genevoix" schrieb Kiefer, ebenfalls nach Celan, in eine andere Glasvitrine. Ein mit Gewehren bestücktes Bataillon wackliger Fahrräder ist darin zu sehen, das über ein Getreidefeld zum Angriff auffährt. Eine über Asphaltruinen schwebende Prozession leerer Frauen- und Kinderkleider, aufgetürmte Buchfolianten aus Blei vor finsterem Schneehimmel, eine wie zur Giftgasskulptur erstarrte Bleiwolke bilden den Inhalt der anderen Vitrinen. Zwei temporär aufgestellte Großformatbilder ergänzen das Ensemble, dazu Zitate aus Genevoix' Buch "Vor Verdun", in denen Kiefer das Kontemplative, Zweifelnde, manchmal fast schon Besänftigte heraushebt. Dieser Autor habe in den Abgrund des Grauens geblickt, sich aber nie süchtig wie Ernst Jünger oder zynisch daran ergötzt, erklärt der Künstler.

Die Klangwolken der Komposition "In nomine lucis" von Pascal Dusapin für A-Cappella-Chor, die wie ein Wandergesang aus 70 Lautsprechern im Gewölbe schweben, sind nicht als Begleitmusik zu diesen Installationen gedacht. Sie sind ein eigenständiges Werk. Wie aus dem Nichts erklingt mehrmals pro Stunde eine kurze Chorsequenz, deren Anordnung auf 120 Tonspuren durch einen Logarithmus zu immer neuen Figuren gemischt wird. In den Gesangspausen fallen aus einer anderen Lautsprecherserie trocken die Namen von 15 000 Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg, wie Tropfen aus einem nicht versiegen wollenden Erinnerungsreservoir.

Dusapins wie Kiefers Beitrag sind eindrucksvoll. Macron, dieser gedenkfreudigste Präsident seit Mitterrand, könnte sich mit diesen Aufträgen aber übernommen haben. Er wollte mit der Überführung von Genevoix und "denen von 14" Willensstärke im Kampf und Tapferkeit beim Trauern feiern. Doch werden im Panthéon auch Forscher, Erfinder, Entdecker, Visionäre geehrt. Werden die Besucher auch in fünfzig Jahren noch mit einem so geballten Gedenken der "Grande Guerre" konfrontiert sein wollen? Für den jüngst im Pariser Grand Palais, im Centre Pompidou und in der Nationalbibliothek gefeierten Kiefer, der sich seit einem Jahr fast ausschließlich mit diesem Thema befasste, ist es gewiss ein krönender Anerkennungsbeweis. Für Macron ist es eine gewagte Wette auf die Zukunft.

© SZ vom 13.11.2020
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