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Anke Stelling:Szene-Mensch,

Anke Stellings Erzählungen in dem Band "Grundlagenforschung" über diese laschen Zufälle, die sich zum Schicksal auftürmen.

Von Catrin Lorch

Cover für das Literatur Spezial

Anke Stelling: Grundlagenforschung. Erzählungen. Verbrecher, Berlin 2020. 192 Seiten, 20 Euro.

Begegnen drei Skelette im Wald drei Prinzen auf der Jagd. Rufen sie: "Was ihr seid waren wir. Was wir sind werdet ihr sein." Die Szene ist ein Lieblingsmotiv der Kunst - Vanitas, das Wissen um Tod und Ewigkeit, mitten im Leben. Künstler haben daraus Wandteppiche geknüpft, Kirchenbilder gemalt, Lieder komponiert. Die 14 Erzählungen, die Anke Stelling unter dem Titel "Grundlagenforschung" zusammengefasst hat, handeln von nichts anderem: von Königen und Skeletten.

Sie heißen Claudia, Sandra, Chrisse, Varut, Simone und Micha, bundesrepublikanische Mitbürger, ganz normale Leute. Und das Ahnen und Wissen um die Endlichkeit aller Verhältnisse hat Anke Stelling übersetzt in die Sätze, die man am Fahrradständer vor der Kita hört oder bei sehr langen Telefonaten zwischen Freundinnen: "Wir wollen das, was jetzt kommt, nicht mehr hören. Wissen sowieso schon, wie das geendet hat; alle wissen's." Was alle wissen? Dass es nicht gut ausgehen wird, schon vor dem Tod. Claudia zum Beispiel. Als sie Heiner acht Wochen lang kennt, wird sie schwanger von ihm, "Husband Material", "ein Szene-Mensch, aber auf die angenehme Art". Ein gut aussehender Ernährer, der den Unterhalt für seine Exfrau und deren Kinder verdient und Claudia bei Eisenmangel mit Feldsalat füttert. Das wird nicht gut ausgehen, denkt man, während sich Claudia noch freut, wie schön das aussieht, wenn Heiner den Säugling auf dem Unterarm trägt. Aber wie genau geht sie eigentlich aus, die Geschichte? Die Erzählung "Feldsalat" lässt Claudia zurück in der gewaltigen Müdigkeit einer Mutter, deren Mann immer auf Tour oder Tournee ist, wenn um halbsechs die Kleinen vor dem Bett stehen. Doch wo steckt das Ereignis, das Erlebnis? Oder geht es um die Figuren? Heiner ist ja, kaum da, schon wieder aus dem Text verschwunden, die Kinder kaum sichtbar und - "apropros, wer ist eigentlich Claudia?" Anke Stelling lässt eine Leerstelle: "Arbeit war ihr Stichwort, sie hat immer viel gearbeitet. Einen IQ von erstaunlicher Zahl. Ach, weißt du was, der Einfachheit halber bin ich mal die Clau-dia. Mit mir kenn ich mich aus. Hab viel gearbeitet, irgendwas, das Heiner aufhorchen ließ. Blondes, schulterlanges Haar, durchdringende Stimme. Siebenunddreißigtausend Trefffer bei Google!" Schon egal, ob da "Anke" steht, "Claudia" oder "Ich". Die Autorin verteilt Namen, Beruf und Familienstand an ihre Figuren, als setze sie Kreuzchen in ein Formular.

Von der Sandkastenliebe bis zur dritten Ex: "Wir sind immer alle trotzdem noch befreundet."

"Der Einfachheit halber", das klingt zudem praktisch und zupackend. Es sind solche Floskeln, denen man nachhören sollte, sie markieren den Moment, in dem alles seinen Lauf nimmt. Die Abfolge der Lebensalter unumkehrbar einsetzt, die Stelling neu abgrenzt, sie reichen jetzt von der "Sandkastenliebe" zum "Husband Material" und "der Ex" (mit den Ausdifferenzierungen "der zweiten Ex", "der dritten Ex" und der "psychotischen Ex") .

Die Autorin erzählt noch zügiger als in ihren Romanen, die als verstörend dichte Beschreibungen der Gegenwart gefeiert wurden. Man kann den jeweils nur ein Dutzend Seiten langen Lebensberichten in dieser Geschwindigkeit kaum folgen - und soll es wohl auch nicht: Ständig neue Gesichter, neue Verhältnisse. "Das ist mein Ex-Mann", sagt Toffi zu Svenja. "Wir sind immer alle trotzdem noch befreundet. Genau wie Tom und Susu. Und Biggi und Lars." Man trifft sich im Privaten, in Ferienhäusern, auf Bauernhöfen. Mal ist man eifersüchtig. Dann wieder würfeln alle aus, wer in welchem Bett schläft.

Das Resultat der so diffusen wie rasanten Erzählweise ist die totale Auflösung. Weswegen man die knapp zweihundert Seiten am besten in einem Rutsch liest. Als Kapitel eines Panoptikums gewinnen die kammerspielkühlen Erzählungen noch einmal. Würde man durchzählen, es wären so viele Plots enthalten, dass es für ein ganzes Regal Romane reichen würde aber - da ist Anke Stelling konsequent -, nichts, das man "Schicksal" nennt.

Ihr liegt zu viel an der Wirklichkeit. An all den Unentschlossenheiten, den laschen Zufällen, den To-Do-Listen und Erwartungen, die das ausmachen, das man doch so sehnsüchtig gerne als "existenziell" begreifen würde. Das Leben. Am Ende des Bandes taucht übrigens Claudia wieder auf, ein Jahrzehnt ist vergangen, als "die zweite Ex" wimmelt sie am Telefon "die dritte Ex" ab. Aber es deutet sich - endlich - ein Ausweg an aus diesen Verhältnissen: weil das Skelett sich aufmacht, mit den Prinzen zu reden.

© SZ vom 13.10.2020

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