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Amerikanische Literatur :Mit den Augen des Sohnes

Der amerikanische Schriftsteller Richard Ford hat ein Doppel-Porträt seiner Eltern geschrieben. Ein schmales und zurückhaltendes, ein großes und bewegendes Buch über das unverwechselbare Glück der Familie.

Von Frauke Meyer-Gosau

"Zwischen ihnen": Richard Ford mit seinen Eltern Parker Carroll und Edna, 1945 in New Orleans.

(Foto: Hanser Berlin)

Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich" - der berühmte erste Satz aus Leo Tolstois Roman "Anna Karenina" bringt auf den Punkt, weshalb das Familienleben bis heute Stoff für oft genug dickleibige Romane liefert. Das Unglück derjenigen, deren Existenz von dieser Lebensform bestimmt wird, geht offenbar nicht aus, eine glückliche Familie erscheint demgegenüber nachgerade langweilig. Richard Ford allerdings würde dem kaum zustimmen, jedenfalls nicht, was seine eigene Familien-Erfahrung anlangt. Nach großen gesellschaftsanalytischen Romanen wie "Unabhängigkeitstag" (1995) oder "Die Lage des Landes" (2007) hat er jetzt ein Doppel-Porträt seiner Eltern veröffentlicht, und darin geht es vor allem um Glück: um das Glück, das seine Eltern miteinander teilten, und dasjenige, das er selbst als ihr Sohn empfand. "Zwischen ihnen" heißt das Buch und bezeichnet damit Richard Fords eigene Position: die des Sohnes zwischen dem Handlungsreisenden Parker Carrol Ford und seiner Frau Edna, die ihren Mann 15 Jahre lang auf seinen Touren durch den Süden der USA begleitet hatte, bis sie zu ihrer eigenen Überraschung im Sommer 1943 doch noch schwanger wurde.

Siebzehn Jahre alt war Edna gewesen, als sie Carrol Ende der Zwanzigerjahre zum ersten Mal sah, "im Lebensmittelladen von Hot Springs, wo sie mit ihren Eltern lebte". Er war sieben Jahre älter als sie, ein "Obst- und Gemüsemann", sie verkaufte Zigarren in dem Hotel, in dem ihre Mutter und ihr Stiefvater arbeiteten. Beide kamen aus Arkansas, vom Land, aus Familien, die jede für sich einen Roman wert gewesen wären: Carrols Vater hatte seinen nicht unerheblichen Besitz verspekuliert und sich daraufhin eines Nachts vergiftet, Ednas Mutter war erst 14 gewesen, als sie sie geboren hatte, und lebte nun mit dem geschäftlich erfolgreichen, hypermobilen Hallodri Bennie zusammen; ihre hübsche Tochter gab sie als ihre Schwester aus.

Für Edna wie für Carrol war die Ehe die Rettung, raus aus der verknacksten Familienwelt, raus aus der Kleinstadt, ab auf die Straße und auf weiten Wegen durch den Süden. Für die Wäschestärke-Firma "Faultless" aus Kansas City fuhren sie im kleinen firmeneigenen Ford über Land, hatten zwar eine Zweizimmerwohnung in Little Rock, aber "eigentlich lebten sie on the road": in Hotels in Memphis, Pensacola und Birmingham oder im geliebten New Orleans. Er verkaufte seine Ware an Läden und Händler, sie, alles andere als eine vorbildliche Hausfrau, gab jungen Mädchen Kurse im Wäschestärken, sie "arbeiteten Hand in Hand". Bis 1944 in Jackson, Mississippi, ihr Sohn Richard geboren wurde und das Reiseleben ein abruptes Ende fand. Von nun an blieb Edna, abgesehen von zeitweiligen Versuchen, mit dem kleinen Sohn an Bord das frühere Reiseleben wieder aufzunehmen, zu Hause in Jackson, das "im Mittelpunkt seines Reviers" lag: zwischen Alabama, Nord-Louisiana, Süd-Arkansas. Am Montagmorgen fuhr der Vater davon, am Freitagabend kam er wieder nach Hause, von Frau und Sohn sehnlich erwartet.

Damit fängt das Buch auch an: "Irgendwo tief in meiner Kindheit kommt mein Vater an einem Freitagabend von seiner Tour nach Hause. Er ist ein Handlungsreisender. Es ist 1951 oder 52. Er hat unförmige Pakete in weißem Metzgerpapier dabei, gekochte Shrimps oder Tamales oder eine Pinte Austern, die er aus Louisiana mitgebracht hat. Als er das speckige Papier aufschlägt, steigt von den Shrimps und Tamales heißer Dampf empor" - die Rückkehr des Vaters: ein Glück, ein kleines, sich regelmäßig wiederholendes Fest. Denn eigentlich lebt diese Familie ja nur ausnahmsweise, an den Wochenenden, zusammen. Und allzu lange hält auch dieses gemeinsame Leben nicht an. Richard Ford ist 16 Jahre alt - ein Pubertierender mit Schulproblemen, der wegen des Diebstahls von Auto-Ersatzteilen auch schon mit der Polizei in Kontakt gekommen ist -, als der Vater an seinem zweiten Herzinfarkt stirbt. Von nun an sind Mutter und Sohn miteinander allein, doch 1962 geht Richard Ford zum Studium an die Michigan State University, und auch ihre Zweisamkeit endet.

Richard Ford

Richard Ford, geboren 1944.

(Foto: AP)

Ganz sicher wäre ein herausragender Autor wie Richard Ford in der Lage gewesen, die Geschichte der Eltern und ihres Sohnes in einen Roman zu verwandeln, doch das wollte er nicht. Vielleicht, weil beide ihm zu nah waren, vielleicht, weil er die freie Erfindung nicht dort eintreten lassen wollte, wo es Lücken im Faktengeflecht der Lebensgeschichten gab - ganz sicher aber aus Liebe und Respekt: Ford will über diese Biografien nicht verfügen, seine Eltern nicht zum Objekt seiner Erfindungskraft machen. Sie sollen für sich stehen.

So muss er oft sagen, was alles ihm unklar ist. "Vom frühen Leben meiner Mutter weiß ich nicht viel", heißt es dann, "wofür sie sich als junges Mädchen begeisterte, was sie dachte oder hoffte, hat sie mir nie erzählt." Und andere Belege als das Erzählte gab es nicht: "Es gab keine Briefe, keine Tagebücher, keine auf der Rückseite beschrifteten Fotos. Das hielten sie nicht für nötig."

Richard Ford: Zwischen ihnen. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2017. 144 Seiten, 18 Euro. E-Book 13,99 Euro.

So stehen sie nun hier nebeneinander, zwei Figuren wie auf leicht verblassten, in den Farben der Fünfziger- und Sechzigerjahre kolorierten Fotografien - ihr Sohn, nun selbst älter, als die Eltern geworden sind, lässt Diskretion walten, Dezenz, Zurückhaltung. Und doch blitzen in einzelnen Erinnerungen Szenen von großer Leuchtkraft auf, wenn etwa der schwere, eigentlich so freundliche und liebenswerte Vater einen seiner Wutanfälle erleidet und den Sohn nach einem Streit über einen zu groß geratenen Tannenbaum vermöbelt, "eine Tracht Prügel, an die ich lieber gar nicht so genau zurückdenke, so plötzlich und hemmungslos war sie". Oder wenn wir mit den Augen des Kindes Richard sehen, wie der Vater die Mutter in New Orleans nach einem nächtlichen Streit voller Wut an eine Hauswand presst. Und auch, wenn sie, schwer krebskrank, kurz vor ihrem Tod im Jahr 1981 bei einem Besuch im Haus ihres Sohnes plötzlich die Hoffnung fasst, nicht allein in ihrem weit entfernten Wohnort sterben zu müssen. Er bietet ihr an, bei ihm zu wohnen, wenn sie allein nicht mehr zurechtkommt: "In dem Augenblick sah ich in den Augen meiner Mutter ein Licht. Eine Art Licht jedenfalls. Anerkennung. Zugeständnis, Bereitwilligkeit. Eine andere Art Aufschub." Doch dann relativiert er sein Angebot wieder, verschiebt es in eine ungefähre Zukunft. Und augenblicklich verschwindet das Licht.

All dies macht schließlich sichtbar, weshalb auch glückliche Familien einander keinesfalls gleichen und ihr Glück ganz und gar nichts Langweiliges an sich hat. Es ist unverwechselbar. Und es ist, nicht anders als das Unglück, etwas durch und durch Gemischtes - voller Lebendigkeit eben.

© SZ vom 19.08.2017

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