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Amerikanische Literatur:Der schwarze Exodus

Erstmals auf Deutsch: In William Melvin Kelleys großartigem Roman "Ein anderer Takt" aus dem Jahr 1962 schlägt der Puls der Bürgerrechtsbe­wegung.

Es kann kaum ein Zufall sein, dass William Melvin Kelley die Handlung seines erstmals 1962 erschienenen Romans "Ein anderer Takt" ins Jahr 1957 legte. Denn während die späten Fünfzigerjaher hierzulande eher an Staubsaugerwerbung und Wirtschaftswunder denken lassen, höchstens noch an Sputnik-Schock und Kalten Krieg, war es für den gesamten globalen Süden eine schicksalhafte Zeit. 1957 erlangte Ghana unter Kwame Nkrumah die Unabhängigkeit vom Britischen Empire und stieß eine Welle von Dekolonisierungen an, die in kürzester Zeit den ganzen Kontinent erfassen sollte. Und nicht nur weltgeschichtlich, sondern auch weltliterarisch war einiges los.

In England etwa sorgte der großartige, in einem stilisierten Karibik-Patois geschriebene Roman "The Lonely Londoners" ("Die Taugenichtse") von Sam Selvon für Furore. In Brasilien erkundete João Guimarães Rosa in seinem Jahrhundertepos "Grande Sertão" die Grenzen der Sprache. In Frankreich gewann der Martinikaner Édouard Glissant mit seinem Debütroman "Die Sturzflut" als erster schwarzer Schriftsteller den Prix Renaudot. Und der Heinemann-Verlag in London brachte trotz ökonomischer Bedenken den bis heute bedeutendsten afrikanischen Roman heraus, Chinua Achebes "Alles zerfällt".

Auch in "Ein anderer Takt" zerfällt die alte Ordnung, ohne dass irgendjemand weiß, was genau an ihre Stelle treten könnte. Alles beginnt damit, dass die gesamte schwarze Bevölkerung eines Bundesstaats im "tiefen Süden" der USA von einem Tag auf den anderen beschließt, sich ein für allemal aus dem Staub zu machen. Den Staat hat Kelley samt Hauptstadt und Wahlspruch erfunden. Dort, wo der Atlas zwischen Alabama und Mississippi eine Falte wirft, nistet sich das fiktive Territorium ein, "im Norden begrenzt durch Tennessee, im Süden durch den Golf von Mexiko".

William Melvin Kelley

Erzähler der Revolten: William Melvin Kelley 1967 in Paris.

(Foto: Gail L. Anderson)

Der Exodus der Schwarzen erscheint umso mysteriöser, als es keine klaren Absprachen gibt, keine Flugblätter, keinen Aufruf übers Radio. Ebenso wenig ist ein Anführer der Bewegung auszumachen, nicht einmal der schweigsame Farmer Tucker Caliban, der vor seiner Landflucht zehn Tonnen Salz auf seinen Feldern verteilt, seine Kuh und sein Pferd erschießt und die vom berühmten Südstaatengeneral Willson geerbte Standuhr mit einer Axt in tausend Stücke haut.

Enttäuscht von den Rückschlägen der Bürgerrechtsbewegung verließ Kelley die USA

Der Rest des Romans erzählt von den vergeblichen Versuchen der Weißen, sich einen Reim auf das "bedeutsame Ereignis" zu machen. Sind es Wahnsinn, Verzweiflung oder Rachegefühle, welche die Flucht der Schwarzen antreiben? Werden diese versuchen, sich in den Nachbarstaaten niederzulassen, ziehen sie weiter in den Norden oder verschwinden sie gleich ganz aus dem Land? Wir werden es nicht erfahren, denn die Motive bleiben letztlich so unergründlich wie die vorbeiziehenden schwarzen Gestalten, die ihre Unlesbarkeit gut sichtbar auf ihren Gesichtern tragen, "verkniffen wie das Innere von Zitronen".

In wechselnden Perspektiven entfaltet Kelley ein Kaleidoskop weißer Unfähigkeit, mit dem Skandal schwarzer Selbstbestimmung umzugehen. Das Reizvolle dieser erzählerischen Ausrichtung ist, dass kaum hartgesottene Rassisten zu Wort kommen, sondern vor allem die Wohlgesinnten, Verständnisbereiten. Kelley führt so höchst raffiniert vor, wie hartnäckig die Ideologie weißer Vorherrschaft selbst in den vermeintlich fortschrittlichen Milieus anständiger Bürgerlichkeit nistet.

Zu dem, was die weißen Figuren nicht verstehen, nicht verstehen können, legt Kelley dann doch wenigstens Fährten aus. Denn nicht nur das Jahr 1957, sondern auch eine lange Rückblende am Anfang des Romans stellt das Geschehen in einen Zusammenhang mit der Geschichte des schwarzen Widerstands gegen Versklavung, Vergewaltigung, Folter und Mord - eine Geschichte, die in den Vereinigten Staaten nicht nur von Weißen lange verdrängt und totgeschwiegen wurde.

William Melvin Kelley: Ein anderer Takt. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2019. 304 Seiten, 22 Euro.

Aus der reißerischen Erzählung einer der Männer, die den schwarzen Exodus staunend verfolgen, erfahren wir von "dem Afrikaner", einem direkten Vorfahren des störrischen Farmers, der sein Feld versalzen hat. Hundert Jahre zuvor, so die Legende, flüchtet ein furchterregend gigantischer afrikanischer Gefangener direkt vom Sklavenschiff in die umgebende Sumpflandschaft. Zuvor hatte er seinem Auktionator kurzerhand den Kopf vom Körper geschlagen, mit seinen Ketten, die er raffte, "wie eine Frau die Röcke rafft, wenn sie in einen Wagen steigt". Von dort aus organisiert er den gewaltsamen Widerstand gegen die Sklavenhaltergesellschaft, bis er schließlich nach einer langen Hetzjagd von den Schergen seines Käufers gestellt und ermordet wird. Das Kleinkind, das er die ganze Zeit über bei sich trägt, geht als Sklave in den Bestand des weißen Großgrundbesitzers über und wird von diesem auf den Namen "Caliban" getauft.

Diese Geschichte der "Marronage", des flüchtigen Widerstands, ist transnational und transatlantisch. Sie hat ihren Ursprung auf den innerafrikanischen Sklavenrouten und zieht sich über die Meutereien und Selbstmordattentate auf den Sklavenschiffen, die Revolten auf den karibischen Plantagen, die brasilianischen Quilombos und die haitianische Revolution bis hin zu den Sklavenaufständen und der Underground-Railroad im Süden der USA.

Zuweilen trägt dieser Widerstand filmreife Namen wie Harriet Tubman oder Nate Turner, aber der größte Teil der Geschichte ist so namenlos wie der unbezähmbare Afrikaner und Kelleys erfundener Bundesstaat. Darin, dass der gerade mal 24-jährige William Melvin Kelley zu einer Zeit, als dies noch alles andere als selbstverständlich war, diese Geschichte literarisch anzapfte, liegt der kaum zu überschätzende Wert dieses Buches.

Kelley sollte übrigens später seine transatlantisch aufgeladene Fluchtfiktion gewissermaßen selbst in die Tat umsetzen, als er, enttäuscht von den Rückschlägen der Bürgerrechtsbewegung und geschockt von Malcolm X' Ermordung, zunächst nach Paris zog. Von dort sollte es ursprünglich nach Senegal weitergehen, man entschied sich dann aber doch auf Wunsch der Verwandten in den Staaten für das näher gelegene Jamaika. 1977 kehrte Kelley in die USA zurück, wo er bis zu seinem Tod vor zwei Jahren lebte und an einem renommierten College im Bundesstaat New York kreatives Schreiben unterrichtete. An seinen Erfolg mit "Ein anderer Takt" konnte er nicht wieder anknüpfen. Umso schöner, dass man das Buch jetzt in deutscher Sprache erstmals entdecken kann.

© SZ vom 30.10.2019

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