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"Alma":Dem Herzen der Welt lauschen

Die Nobelpreis-Jury lobte ihn als „Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase“: Jean-Marie Gustave Le Clézio.

(Foto: laif)

Am 13. April wird der Literaturnoblepreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio achtzig Jahre alt. In seinem neuen Roman kehrt er nach Mauritius zurück. Er hat sich dafür gleich zwei Erzähler erfunden.

Der französische Nobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio ist der große Sinnsucher unter den Schreibenden seiner Generation. "Alle Wurzeln weisen weit zurück", hat er 2009 in einem Interview gesagt. Das ist nicht traditionalistisch gemeint oder als engstirniger Verweis auf Vorstellungen wie die einer Nation oder eines Landes. Vielmehr zielt Le Clézio auf eine Idee von umfassender Ganzheit und Einheit, die er oft an Orten wie Wüsten, Unterwasserwelten oder Inselwäldern findet. Dabei hat er zugleich ein Gespür für die Risslinien der Zivilisation, macht sich auf die Suche nach Landschaften, die auf den ersten Blick unberührt wirken, beim genauen Hinsehen aber umso deutlicher die Spuren der Geschichte und gesellschaftlicher Brüche zeigen.

Seine Vorfahren verließen nach der Französischen Revolution die Bretagne und wanderten nach Mauritius aus. Le Clézio selbst, der in Nizza geboren wurde, war Zeit seines Lebens unterwegs, seinen Vater, der als Arzt in Nigeria arbeitete, lernte er erst mit acht Jahren kennen. So verwundert es nicht, dass auch seine Figuren oft Reisende sind, Menschen, die sich der Erfahrung von Fremdheit aussetzen oder auf die Suche nach ihrer eigenen Vergangenheit begeben, die sich in einsamen Gegenden verlieren oder auf eine Insel zurückkehren, wo sie mit Erinnerungsresten, nicht selten auch mit traumatischen Erfahrungen konfrontiert werden. In dem Novellenband "Sturm" etwa (2014; dt. 2017) ist es ein Journalist und Schriftsteller, der als junger Kriegsfotograf in Vietnam eine Massenvergewaltigung beobachtet. Für sein Nichtstun wird er vor Gericht verurteilt, die Bilder des Verbrechens lassen ihn fortan nicht mehr los.

Allerdings führen Le Clézios Expeditionen nicht nur zu intensiven Naturbeschreibungen, hinter dem Wunsch nach dem Unbekannten lauert immer auch der Kitsch des Ursprünglichen. Hinzu kommt ein sehr einfaches Schwarz-Weiß-Denken, das der Gegenwart die Vergangenheit oder das vermeintlich Ursprüngliche oft recht plan gegenübersetzt und diese Gegenwart fortwährend mit einem kritischen Raunen begleitet, nach dem an jeder Ecke ein Investor oder ein Großhotelier wartet und Touristen "moderne Raubritter" sind.

Er sehnt sich nach intensiven Begegnungen und sieht überall nur Plastiktüten, Shoppingmalls

In seinem neuen Roman "Alma" kehrt Le Clézio zurück nach Mauritius, jener Insel im Indischen Ozean, die eng mit seiner Familiengeschichte verwoben ist und die er schon in früheren Romanen umkreist hat. Dschungel, Meeresküsten, Lagunen - die Mischung aus feuchter Hitze und Gerüchen ist die immer wahrnehmbare Atmosphäre, durch die sich seine Figuren bewegen. Le Clézio hat sich zwei Erzähler ausgedacht, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Der eine ist ein alter, gut situierter Europäer, sehr reflektiert und ganz auf die Vergangenheit ausgerichtet. Auf der Suche nach Spuren seiner Familie reist er Mitte der Neunzigerjahre nach Mauritius. Dieser Jérémie Felsen weiß bei seiner Ankunft nur so viel, dass er Teil einer Dynastie einst mächtiger Plantagenbesitzer ist.

Der andere Erzähler, Dominique, genannt Dodo, gehört gleichsam zum verdrängten Zweig derselben Familie. In seiner Jugend hat er sich eine schwere Krankheit zugezogen, die ihm den Körper zerfrisst. Mit durchlöcherten Schuhen und von den Kindern beschimpft, wandert er als Obdachloser über die Insel. Später schickt Le Clézio ihn nach Paris, wo er ein Leben zwischen Clochards führt.

Dodo ist die weitaus interessantere Erzählstimme. Die Krankheit hat ihm auch seine Augenlider zerstört, sodass er nicht mehr schlafen kann und immer denselben Tag erlebt, Vergangenheit und Gegenwart unauflöslich verschmelzen. Dodos Berichte verbindet Le Clézio mit der Geschichte des großen flugunfähigen Vogels gleichen Namens, den es nur auf Mauritius gab und der im 17. Jahrhundert innerhalb weniger Jahrzehnte durch Jagd und durch eingeschleppte Ratten und Schweine ausgerottet wurde.

"Es ist wahr, man kann zu verträumt sein / zum Überleben", hat die Dichterin Silke Scheuermann einmal über den Dodo geschrieben. Als solcherart verträumte Menschen, die sich mit der durchökonomisierten Gegenwart nicht abfinden wollen, hat Le Clézio von jeher viele seiner Figuren angelegt. Das verleiht ihnen ihre bisweilen intensive erzählerische Kraft. Leider lässt sich ihr Autor aber zugleich von einer Vorstellung von Traum anregen, die eher an Träumerei erinnert denn an konzentrierte Traumarbeit.

In ihrer Begründung für den Nobelpreis würdigte die Stockholmer Jury Le Clézio damals als "Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase". Das hört sich, selbst für eine Jurybegründung, ungewohnt schwülstig an, aber die Formulierung trifft ungewollt etwas; so ähnlich klingt Le Clézio an seinen schlechteren Stellen selbst. Oft sind es die Schlusspassagen seiner Geschichten, in denen er die zuvor erzählerisch ausgefalteten Szenerien und Details zu poesiealbumstauglichen Sätzen zusammenschnurren lässt.

In seinem Erzählungsband "Der Yama-Baum" zum Beispiel (2011, dt. 2013) führt eine Geschichte von Aufbruch und Flucht nicht nur bis zu den Grenzzäunen von Melilla, sondern mündet auch in Sätzen wie "Für sie wird er die Freiheit auf der anderen Seite des Meeres erobern." In einer anderen Erzählung bekommt die Hauptfigur am Ende einer Liaison, die für sie nur aus Abhängigkeit und Verletzungen besteht, ein Kind. Und der Erzähler sinniert: "Das Leben ist unbeständig wie die Wolken, die über sie herziehen."

Auch "Alma" ist nicht frei von solchen Sätzen. "Das Leben ist kurz, und diese Insel ist unendlich", heißt es einmal. Andernorts will eine Figur "dem Herzen der Welt lauschen" und im Urwald "jeden Baum, jeden Strauch, jede Liane" kennenlernen, dazu noch alle Legenden und alle Geister. Dieser Hang zur naturlobenden Sentenz verdankt sich neben anderem Le Clézios Entschluss, seinen Roman als Geschichte eines Verfalls anzulegen. Je tiefer Jérémie auf seinen Recherchen in die Vegetation, die Historie der Insel und seine eigene Vergangenheit vordringt, desto mehr sehnt er sich nach einer intensiven Begegnung mit der Natur und mit anderen Menschen. Stattdessen sieht er überall nur Shopping Malls, Hotelbauten, Plastiktüten, lamentiert über die Containerschiffe und über die Jumbojets, die über ihn hinwegrauschen, "mit einer Ladung von Touristen" an Bord.

Das ist schade, denn "Alma" ist auch ein Buch über die verdrängte Geschichte der Insel, über die koloniale Vergangenheit und die postkoloniale Gegenwart. Vor allem die Verbrechen der Sklaverei werden immer wieder in den Blick genommen. Nicht zuletzt über die Figur Dodos, der als Außenseiter gezeichnet ist, aber gleichzeitig über die Kunst verfügt, immerzu im Präsens zu reden und mit seiner Sprache, die durchsetzt ist von kreolischen Einsprengseln und fluiden Verbindungen, die Gegenwart tatsächlich anders wahrzunehmen, verschoben und jenseits aller Ein-deutigkeit. Aber leider gelingt es Le Clézio nicht, diese analytische Schicht und die -Suche nach dem Ursprung auszubalan-cieren.

J. M. G. Le Clézio: Alma. Roman. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 356 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 09.04.2020

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