Alice Munro "Glaub nie, dass du besonders schlau bist!"

Im Verlauf des halbstündigen Videos widersteht man allerdings schwer dem Eindruck, es sei vielleicht ein anderes Märchen von Andersen für sie noch wichtiger gewesen: das vom hässlichen jungen Entlein. Nur für sich selbst schrieb sie anfangs und verhehlte es, so gut sie konnte, denn die wichtigste Lehre, die man ihr in der Jugend mitgab, lautete: "Glaub nie, dass du besonders schlau bist!" Und wer schreibt, macht sich in dieser Hinsicht ausgesprochen verdächtig. Da sie sonst niemanden kannte, der schrieb, hatte sie keinen Maßstab dafür, was das eigentlich als soziale Rolle bedeutet: Schreiben. Dass sie von Beruf Hausfrau war, erleichterte ihr beides, das Schreiben und die Geheimhaltung (oder mindestens das fortgesetzte Understatement). Und niemals hat sie das Verlangen verspürt, die kanadische Provinz zu verlassen, wo sie immer gelebt hat und wo all ihre Geschichten spielen.

Aber dann eröffnete sie doch, zusammen mit ihrem Mann, der sie sehr unterstützte, ihre eigene Buchhandlung. Die gibt es heute noch, und sie ist gar nicht so klein. Man merkt es Alice Munro, wenn sie zwischen den Regalen herumstreunt und vor der Kamera Bücher signiert, immer noch an, dass ihr dieses Dasein als Buchhändlerin, das Wort in seinem schönen altmodischen Sinn verstanden, immer noch sehr gefällt. Das ist die Öffentlichkeit, die sie sucht.

Was ihr weniger zuzusagen scheint, ist die Art Öffentlichkeit, die die schwedische Akademie ihr zu bieten hat. Nach Doris Lessing und Thomas Tranströmer ist Alice Munro in wenigen Jahren der dritte Empfänger des Nobelpreises, der in Stockholm nicht mehr selbst das Wort ergreifen kann oder mag, sondern sich irgendwie vertreten lässt. Vor einem Jahr hat sie das Schreiben endgültig aufgegeben. Vielleicht sollte die Akademie sich mal überlegen, das Alter ihrer Laureaten so weit zu senken, dass die Ehrung sie noch dicht bei ihrem Werk erwischt und sie diese mit einigermaßen frischem Vergnügen selbst in Empfang nehmen können.