Alben der Woche:Im Stau stehen und sein Leben abfeiern

Gang of Four bleiben zackig, JJ Cale zupft sich in den Sonnenuntergang und P!nk liefert Hymnen für den Feierabendverkehr.

Von den SZ-Popkritikern

1 / 5

Gang of Four - "Happy Now" (Gill Music Ltd.)

Gang of Four Happy Now

Quelle: Gill Music Ltd.

Man fürchtet sich instinktiv immer sofort ein wenig, wenn alte Postpunk-Helden noch einmal ein Album veröffentlichen. Die zornige Zackigkeit und lässige Kühle ihrer früheren Songs ist einfach zu gut gealtert und bis heute stilprägend, warum also mit neuem Material an altes nicht mehr herankommen? Von der 1977 in Leeds gegründeten Postpunk-Band Gang of Four gibt es zum Beispiel den Überhit "Damaged Goods", drahtig, funky, rotzig, ewig gut. Ein Platz in der ersten Reihe der Indie-Pop-Geschichte ist der Band, in der mit Andy Gill inzwischen nur noch ein Gründungsmitglied mitspielt, damit sicher. Das neue, dreizehntes Album, "Happy Now", fügt dem Erbe erwartungsgemäß nichts hinzu, was einem fehlen würde, wenn man nur die frühen Platten kennt. Im Ganzen ist jetzt alles zu breit, bassig und elektronisch. Aber dann doch auch immer wieder unpeinlich und zackig genug, dass man insbesondere das Debüt "Entertainment!" (natürlich nur echt mit dem Ausrufezeichen!) sofort wieder einmal hören möchte.

Jens-Christian Rabe

2 / 5

Foxygen - "Seeing Other People" (Jagjaguwar)

Foxygen - Seeing other People

Quelle: Jagjaguwar

Die beiden Kalifornier Jonathan Rado und Sam France machen als Foxygen auch auf ihrem sechsten Studio-Album "Seeing Other People" aus unverdienten Alltagsdepressionen aller Art feinsten post-postmodernen Als-ob-Pop: "Face the facts, I'm never gonna dance like James Brown / I'm never gonna be black". Gar nicht so weit verbreitete Kunst im Indiepop: Sich von den Beschränkungen seiner Existenz gerade so weit runterziehen lassen, dass man noch mitwippen kann.

Jens-Christian Rabe

3 / 5

P!nk - "Hurts 2B Human" (RCA Records)

Pink Hurts 2b human

Quelle: Sony Records

Pink kommt aus einer Zeit, in der Ausrufezeichen in Markennamen sehr beliebt waren (Yahoo!) und nennt sich daher eigentlich P!nk. Joop! versuchte 2009 ja sogar einmal, sich das "!" als Marke schützen zu lassen. Ohne Erfolg. Deswegen darf Pink noch P!nk heißen und sich auch im Titel ihres neuen Albums an SMS-Slang-Relikten der Nullerjahre freuen: "Hurts 2B Human". Für die Musik wurde zeitgeist-üblich der Synthie-Dampfstrahler aus dem Schrank geholt, ein bisschen Autotune ("(Hey Why) Miss U Sometime") und auch mal etwas folkiges Ufftata, das nach dem Soundtrack eines Kinderfilms mit Monstern im Hintergarten klingt ("Walk Me Home"). Dazwischen gibt's noch ein paar weniger aufgepumpte Songs ("Circle Game", "90 Days"), aber dann brettern auch schon die nächsten breitwandigen Radio-Hymnen herein ("Courage", "We Could Have It All"), zu denen man bestimmt wunderbar bei Sonnenuntergang im Stau stehen und sein Leben abfeiern kann. Wer diese Momente nicht so liebt, kann sich ja um eine Revision des Ausrufezeichen-Prozesses bemühen.

Quentin Lichtblau

4 / 5

Aldous Harding - "Designer" (4AD)

Aldous Harding Designer

Quelle: 4AD

Im Video zur ersten Single "The Barrel" ihres neuen Albums "Designer" tanzt Aldous Harding, wie man noch nie jemanden tanzen gesehen hat. Einen absurd hohen weißen Hut auf dem Kopf, bleibt sie selbst in der Hüfte stocksteif, aber ihr Oberkörper wird von einem fast zwanghaft anmutenden mechanischen Wiegen erfasst, dass dann minimalistische expressive Gesten ausformt. Ein bisschen besessen scheint das, dank der friedfertigen, frühlingshaften Gitarrenschleife darunter, aber auch beschwingt. Ihr sanfter Indie-Folk-Pop verstärkt den Kontrast noch - wie Kindermusik im Horrorfilm. Ihre Stimme besitzt eine herbe, kantige Anmut, die etwas Introvertiertes hat, aber auch latente Aggressivität ausstrahlt. Das Album ist passend dazu auch im Ganzen catchy und beängstigend zugleich, trostlos und hoffnungsvoll. Eine ungewöhnliche Schönheit.

Juliane Liebert

5 / 5

JJ Cale - Stay Around (Because Music)

-

Quelle: AP

Als JJ Cale vor knapp sechs Jahren starb, erfuhren viele erst aus den Nachrufen, was für ein unbekannter König er war. So viele Große haten seine Songs nachgespielt, Lynyrd Skynyrd, John Mayer, Bryan Ferry, Santana, Johnny Cash. Eric Clapton verdankt ihm seine größten Hits ("Cocaine", "After Midnight"). Dabei konnte keiner Cale so spielen wie Cale selbst. Sein Country-Blues-Pop kam oft so entspannt daher, dass man sich fragte, ob dem Mann nicht jeden Moment die Gitarre aus den Händen rutscht. Er nahm seine Lieder oft nur sparsam auf, die anderen versuchten, mehr draus zu machen. Er war wie ein Maler, der anderen Skizzen zur Verfügung stellt, damit die dann große bunte Bilder draufpinseln können. Dabei waren das hübscheste oft die Skizzen selbst. Merkt man jetzt auch auf "Stay Around", dem ersten posthumen Album mit unveröffentlichten Songs, zusammengestellt von seiner Witwe und seinem Manager. Manche Lieder hat Cale mit Band im Studio aufgenommen, die besten aber sind nur flüchtig hingeworfen, ein Hauch Gitarre, dazu etwas wackliger Gesang. Und genau bei diesen Liedern fühlt es sich an, als säße man mit Cale im Licht der Spätnachmittagssonne vor dem Wohnwagen (er lebte tatsächlich viele Jahre in einem), und er tupft und zupft da so ein bisschen vor sich hin. Herrlich.

Max Fellmann

© SZ.de/qli/cag
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