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Akademie ehrt Mario Vargas Llosa:Es sprießen Mythen und Legenden

Namen, die nur lose an ihren Trägern haften, nachgetragene Vorgeschichten, nicht leicht entwirrbare Handlungsstränge - es war etwas von der Lust an der Verrätselung traditioneller Romanrequisiten im Erzählen des jungen Vargas Llosa, die sich in Europa im Nouveau Roman ausgetobt hatte. Es war aber zugleich alles darin, wofür der "magische Realismus" steht, unter dessen Flagge die südamerikanische Literatur seit den siebziger Jahren ihren großen Siegeszug antrat.

Die Wege, die er beschildert, geht er dann doch nicht

Auch kennt schon bald niemand mehr die "authentischen Einzelheiten" der Geschichte des grünen Hauses, und es sprießen die Mythen und Legenden, weil in fast jeder Figur ein Erzähler steckt. Der Welterfolg Vargas Llosas hat auch damit zu tun, dass es ihm mit schlafwandlerischer Sicherheit gelungen ist, auf zwei Klavieren gleichzeitig zu spielen. Zum einen auf dem archaischen, das, wie in "Der Geschichtenerzähler" (1987) scheinbar mitten im peruanischen Urwald, bei den Indianern steht und das alte mündliche Erzählen in den Roman hineinholt, mag auch in den Flüssen des Urwalds längst mit Dynamit gefischt werden.

Zum anderen spielte er auf dem mondänen Klavier, dessen versierte Standards - vor allem Liebesschlager - in Redaktionsräumen und Radiostationen, Hotellobbys und Flughafenlounges erklingen wie in der Welt von "Tante Julia und der Kunstschreiber". Es gibt auch ein Virtuosenstück in dieser Kunst des Doppelklaviers. Der Roman "Das Paradies ist anderswo" (2003), in dem Vargas Llosa auf Basis historischer Quellenstudien die Biographien des Malers Paul Gauguin und seiner Großmutter Flora Tristan ineinander schachtelt, ist mondäner Exotismus. Ihm trat dann vor allem in späteren Romanen der mondäne Erotismus an die Seite. In "Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto" (1997) werden dem Playboy die Leviten gelesen, weil er das Wesentliche am Eros verschweigt: Risiko und Scham. Und doch liegt ein leiser Hauch von Hochglanz über Romanen wie diesem oder dem "Lob der Stiefmutter" (2003).

Dem Terror und der Gewalt in Südamerika ist Vargas Llosa nie ausgewichen. Zu seinen labyrinthischen Anfängen ist er aber nie zurückgekehrt. Er gehört zu den Autoren, die die Wege, die sie beschildern, dann doch nicht gehen. Er hat in "Die ewige Orgie" (1975) eine Hommage auf Gustave Flaubert geschrieben, sich dann aber von dessen asketischem Prosa-Ideal verabschiedet.

Er hat Juan Carlos Onetti gelobt, ohne ihm in die Regionen der Bitterkeit und Finsternis allzu weit zu folgen. Und sein Beitrag zum Genre des Diktatorenromans "Das Fest des Ziegenbocks" (2000) über den General Trujillo und die Dominikanische Republik des Jahres 1961 verzichtet auf die formalen Kühnheiten, mit denen Gabriel García Márquez im Satzbau von "Der Herbst des Patriarchen" und Augusto Roa Bastos in der halluzinatorischen Prosa von "Ich, der Allmächtige" (1974) der Figur des lateinamerikanischen Diktators zu Leibe rückten.

Der Literaturnobelpreis hat mit der Wahl von Mario Vargas Llosa einen Weltautor aus Südamerika ausgezeichnet, der auf das Wappen der alten Ritterromane verzichten kann. Er ist längst sein eigenes Markenzeichen geworden.