bedeckt München 17°

Afropop:Tropische Verunsicherung

Afrofuturismus gegen digitale Perfektion: Die britische Band "Onipa" stellt die richtigen Fragen an eine Gegenwart, die gerade die Vereinzelung der Menschen beschleunigt.

Von Jonathan Fischer

Onipa Pressebilder

In Daressalam erlebt, was afrikanische Musik für Kraft entwickelt: Tom Excell.

(Foto: Strut Records)

Die Corona-Krise verändert selbst den Blickwinkel auf Popmusik. Wäre das Debüt-Album von Onipa früher erschienen, hätte man diese Kritik vielleicht damit eröffnet, dass die junge Londoner Jazzszene gerade Afrika als Inspirationsquelle entdeckt. Oder die Anekdote erzählt, wie Tom Excell und Kweku Of Ghana, die Bandleader der Band, beim gemeinsamen Anhören ihrer Plattensammlungen die Idee entwickelten, ihre Lieblingsstücke aus Ghana, dem Kongo, Südafrika und Nigeria zu fusionieren und elektronisch aufzurüsten. In Zeiten der sozialen Distanzierung aber springt einen etwas anderes als Erstes an: Die Botschaft ihrer Musik.

"We No Be Machine" (Strut) heißt das brillante Debüt-Album von Onipa. Eine Kampfansage, die sich einerseits gegen digitale Perfektion und die Bevormundung durch Automaten, Algorithmen, Apps richtet. Und andererseits urafrikanische Werte bemüht. Die analoge Gemeinschaft in Zeiten des Laptops beschwört - schließlich können noch so viele Videokonferenzen und geteilte Files keine dynamische Gruppenerfahrung wettmachen.

Tom Excell, der bei dem Projekt hauptsächlich für die Musik zuständig ist, kommt ursprünglich aus der britischen Rave-Szene. "Jungle und Dubstep waren mein Einstieg als Produzent. Aber irgendwann vermisste ich das Live-Element in dieser Musik, und wollte all die wunderbaren afrikanischen Retro-Klänge, die ich von klein auf aus der Plattensammlung meines Vaters kannte, einbringen."

"Menschen grooven besser als Maschinen", gehört zu den Lieblingssprüchen Excells

Es ist nicht die einzige musikalische Mitgift von Excell. Er hatte schon das Debüt der jungen britischen Jazz-Erneuerinnen Nubya Garcia und Sheila Maurice Grey produziert - und sich als Gitarrist und Bandleader der Afrojazz-Formation Nubiyan Twist einen Namen gemacht. Warum also nicht diese scheinbar disparaten musikalischen Stränge zusammenführen? Elektronische Clubmusik und afrikanischen Pop auf der Grundlage handgemachter und live eingespielter Grooves versöhnen? Mit Kweku Of Ghana, dem Frontmann des Afrofunk-Orchesters K.O.G. and the Zongo Brigade fand Excell den richtigen Partner.

Seit Jahren hatten die beiden bereits ein Studio geteilt und zum Vergnügen mit neuen Fusionen herumexperimentiert. An eine Veröffentlichung hatten sie nicht gedacht. Bis sie ihren Spielereien einen Namen gaben: Onipa. Das bedeutet in der Akan-Sprache der Ashanti aus Ghana "menschlich". Kweku fungiert in der Band als Texter, Sänger, Perkussionist und Balafon-Spieler, dazu kommen Nubiyan-Twist-Schlagzeuger Finn Booth und Dwayne Kilvington an den Synthesizern.

Wenn das Quartett irgendetwas nicht verkörpert, dann: Weltmusik zum Wohlfühlen, diesen Schrebergarten-Ethno. Dass Onipa anders sind, panafrikanisch bis in kosmische Dimensionen denken, macht schon ein Blick auf das Album-Cover klar: Die vier Bandmitglieder posieren da mit traditionellen afrikanischen Masken, Trommeln und futuristischer Brille vor einer überdimensionierten Sonne, die gerade über einer Fantasy-Wüstenlandschaft aufgeht. Ein Gitarren-Verstärker steht im Sand. Aus dem Keyboard schießen rote Laser-artige Strahlen.

Afrofuturismus funktioniert hier als Zirkelschluss: "Wir haben", sagt Excell, "in den afrikanischen Folk-Traditionen nach Rhythmen und Strukturen gesucht, die in den Jazz, Rock, Funk eingesickert sind, um aus dieser Vergangenheit heraus die Zukunft zu entwerfen." Eine Art Recycling afrikanischer Roots hinein in einen elektronischen Club-Kontext. Excell hatte das zuvor auch schon als Teil von Damon Albarns "Africa Express" praktiziert. Doch mit Onipa klingt das ausgereifter als je zuvor.

So könnte die Zukunft Afrikas klingen: Folk-Stile verbünden sich mit Laptop und Synthesizer

"Menschen grooven besser als Maschinen." Das gehört zu den Lieblingssprüchen Excells, der eigenen Angaben nach einen Großteil seiner Jugend damit verbracht hat, sich via Plattenspieler mit afrikanischen Gitarristen zu duellieren. Niemals kann man von einem Stück des Albums auf das nächste schließen: Zu disparat die Sounds, zu weitläufig die Variationen. Und das ist gut so. Stücke wie "Hey No I Say" synkopieren abstrakte Elektronik nach Art von Flying Lotus - um dann wie in "Fire" oder "Kukuru" Afrobeat- und Grime-Einflüsse aufzunehmen. Südafrikanische (Spoek Mathambo) und britische Rapper (Syntax) federn in "Free Up" gemeinsam über einen Hip-Hop-Beat. Zwischendurch gibt es tropischen Club-Stoff in Reinform: Etwa auf "Makoma", einer Fusion von Soukous-Gitarren, Dancehall-Chants und warmen Gesangsharmonien. Am stärksten wirkt das, wenn Produzent Excell das Eingängige mit dem Abseitigen paart: Da knirschen, klonken und brummen etwa in "Smoke Screen" und "Nipa Bi" Hochgeschwindigkeits-Fingerklaviere, wie man sie sonst von kongolesischen Bands wie Konono No 1 kennt. An anderer Stelle untermalen die Elfengesänge der tansanischen Schwestern Pendo und Leah Zawose traumhafte Mbira-getriebene Ambient-Beats, wechseln Sahel-Wüstenblues-Riffs mit psychedelischen Kora-Klängen und Spoken-Word-Passagen. So könnte die Zukunft eines traditionsbewussten Afrikas klingen: Folk-Stile verbünden sich wie selbstverständlich mit Laptop und Synthesizer.

Viele der Gastmusiker kennt Excell von Workshops, die er im Auftrag des British Council in Tansania gegeben hat - mit dem Ziel, "jungen Afrikanern die Werkzeuge in die Hand zu geben, um ihre Traditionen elektronisch aufzurüsten, ohne westlichen Pop-Klischees zu folgen". Das ist letztlich auch Onipas Ansatz. Ein Import-Export-Handel, der mit dem Vorurteil bricht, dass jeder Fortschritt zwangsläufig aus dem Westen kommt. "Wir Briten dachten, wir hätten das Patent auf Raves", erzählt Excell. "Bis wir in Daressalam auf eine Straßenparty mit elektronischer Singeli-Musik gerieten. Die lokalen DJs hatten noch nie etwas von Jungle gehört, aber die Energie und Ästhetik war beinahe dieselbe".

Es sind solche Momente der produktiven Verunsicherung und der Suche nach einer geteilten Menschlichkeit, die sich auch in den Gedichten widerspiegeln, die Kweku zwischen den Stücken des Konzeptalbums rezitiert. "Wo ist das gelobte Land, wer steuert das System und wer ist der König des Blocks?" Wenn auch die Musikwelt nach Corona neugedacht werden muss, dann stellt "We No Be Machine" schon einmal die richtigen Fragen.

© SZ vom 16.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite