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Afroeuropäische Literatur:Nett reden, heiß weinen

Edinburgh International Book Festival

Michael Donkor, geboren 1985, ist aus London und hat unter anderem Creative Writing am Royal Holloway College studiert. Heute ist er Lehrer, sein Debüt war ein großer Erfolg in Großbritannien.

(Foto: Getty Images)

Süd und Nord, Arm und Reich und all die Sprachebenen dazwischen: Michael Donkors Debütroman "Halt" stellt seine Übersetzerinnen vor ganz neue Schwierigkeiten.

Als diesen Herbst gleich drei Debüts für den Deutschen Buchpreis nominiert waren, wurde viel gemäkelt, anstatt zuzugeben, dass wir es seit einigen Jahren mit einer anspruchsvollen, ästhetisch vielfältigen jungen deutschsprachigen Prosa zu tun haben. Investigativ auf dem Quivive unterstellten Kritiker ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Jury Ahnungslosigkeit, Provinzialität und schließlich noch Korruption. Der Börsenverein hielt sich beim alljährlichen Zirkus wie immer bedeckt. Wohl, weil man sonst auf die Idee kommen könnte, den Preis selbst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand als Problem zu benennen. So geht halt das leidige Spiel dieser schildbürgerartigen Suche nach dem "besten" Roman des Jahres.

Apropos "halt": Ob der Roman "Halt" auch nominiert worden wäre, wenn er in deutscher Sprache verfasst worden wäre? In England landete das Debüt von Michael Donkor, einem 34-jährigen Englischlehrer aus London, immerhin auf der Longlist für den renommierten Dylan Thomas Prize for Young Writers. Generell scheint man im englischsprachigen Raum aufgeschlossener zu sein für neue Stimmen. Man sieht das in einem Land, in dem das Fach "Creative Writing" nicht herablassend betrachtet wird, vielleicht auch irgendwie lockerer mit der Literatur. Da muss man dann nicht sauertöpfisch auf die angeblich potenteren Erzähler anderer Sprachen schielen.

Michael Donkor wäre hier sicher zuerst das Schreibschulartige seines Romans angekreidet worden. Das hat auch die Autorin dieser Zeilen gemacht. In "Halt" wird alles sehr brav an ein kathartisches Ende geführt, von Ghana nach London und wieder zurück. Und dann noch diese irritierende Sprache der ghanaischen Protagonistin Belinda, die nun für eine Siebzehnjährige wieder so gar nicht lehrbuchmäßig spricht.

Diese Belinda kommt, wie es so vielen literarischen Figuren aus afrikanischen Ländern vor ihr passiert ist, aus armen, dörflichen Verhältnissen über eine Dienstmädchenstelle in der Metropole Kumasi nach London, wo sie die gleichaltrige, launische Amma durch ihr gutes Beispiel wieder in die Spur bringen soll. Belinda ist nämlich sehr fügsam und übererfüllt ihre Aufgaben mit einem Fleiß und einer Hingabe und Strenge, die ihresgleichen sucht. Schließlich "wusste sie, welche Rolle sie innehatte, welcher Platz ihr zukam, sie begriff, was das Richtige war".

Es geht nicht darum, die Europäer aufzuklären, eher um Konflikte der ghanaischen Gesellschaft

In London wird Belinda dann, so könnte man bei flüchtigem Lesen denken, von der europäischen Zivilisation wachgeküsst und beginnt, gesellschaftliche Regeln infrage zu stellen. Was "für ein Mensch sie wohl sein könnte, wenn sie nicht mehr ständig die Anweisungen und Meinungen aller anderen verdammten Leute in sich aufsaugen würde", fragt sie sich.

Dieser Handlungsaufbau behagt einem nicht. Er klingt zu sehr nach dem, was der Buchumschlag ja auch ausdrückt, auf dem das schöne Profil einer schwarzen Frau zu sehen ist: nach dem Afrika-Europa-Klischee, das der kleine Franzose Nicolas Sarkozy einst auf den Punkt brachte, als er darauf bestand, die Franzosen hätten am Ende nur Gutes, nämlich Straßen, Krankenhäuser und Kultur nach Afrika gebracht.

Aber Michael Donkor geht es nicht darum, die europäischen Sarkozys aufzuklären. Es geht in "Halt" um eine schwarze Perspektive und um Konflikte in einer Gesellschaft von Armen und Reichen in Ghana und reichen, afropolitanen Ghanaern in Europa. Donkor unterrichtet selbst an einer Mädchenschule, und es klingt oft so, als habe er den Sound seiner Figuren wirklichen Teenagern abgelauscht, ihn an Zadie Smith' umstandsloser Zugänglichkeit orientiert und dann noch mit einer kräftig aufgeladenen Literatursprache abgemischt, die von James Baldwins hohem Ton inspiriert ist. Belindas Sprache, so könnte man sie verstehen, steht auch für eine Art, Älteren und sozial Höhergestellten Ehrerbietung entgegenzubringen, steht für Höflichkeitsregeln und ungeschriebene soziale Gesetze, die Gesellschaften stabilisieren.

Patricia Klobusiczky, die mit Marieke Heimburger den Roman aus dem Englischen mit großem Bemühen um die verschiedenen Sprachschichten übersetzt hat, erklärt auf Nachfrage: "Englisch (Französisch, Portugiesisch) hat in Simbabwe, Ghana, Kenia, Südafrika (Algerien, Senegal, Angola, Mosambik) verschiedene Färbungen angenommen, damit spielen die Autoren und Autorinnen, wenn sie sich zwischen ihrer Heimat beziehungsweise der Heimat ihrer Vorfahren und dem ,Mutterland' der ehemaligen Kolonisatoren bewegen. Donkor wollte den Kontrast zwischen ghanaischem Englisch und England-Englisch sichtbar werden lassen. Er hat auch Jugendslang und Jamaikanisch dazugenommen, um den Klang der Londoner Metropole zu markieren." Hinzu komme, so Klobusiczky, dass Englisch für Belinda eine fremde Sprache sei, wenn auch keine Fremdsprache. Sie halte sie auf Abstand. Man müsse bedenken, dass in vielen afrikanischen Ländern Schulen bis heute Missionarsschulen seien und Englisch anhand der Bibel, Shakespeare und Dickens gelehrt werde.

Was Klobusiczky erläutert, erklärt den irritierenden Effekt dieser Übersetzung zum Teil. Es ist also konsequent, wenn im Deutschen die Sterne in Belindas Sprache am Himmel "prangen", die Tränen "heiß" geweint werden und man am Kino nicht ankommt, sondern "anlangt". Eine andere Sache sind aber syntaktische Probleme der Übertragung: Was im Englischen mit einem Wort erledigt wird und eine gewisse Lässigkeit bekommt, braucht im Deutschen einen Relativsatz. Aus "galloping blood" wird dann "Blut, das durch ihre Adern rauschte", aus "to add a pinch of salt to the spicy paste forming" wird "um eine Prise Salz auf die würzige Paste zu streuen, die gerade entstand". Diese Akzentverschiebungen in der syntaktischen Gewichtung verursachen eine Umständlichkeit auf einer anderen Ebene als dem förmlichen, altmodischen Englisch, das Belinda spricht, und das ihre kleine, springlebendige Freundin Mary veralbernd überdreht.

Es ist eine aufregende Zeit für das deutschsprachige Lesepublikum!

Die syntaktische Bremse zwingt einen freilich auch in ein langsameres Lesen, das angebracht ist, will man das Wesentliche nicht übersehen. Es ist nämlich eben nicht die europäische Zivilisation, die emanzipierend auf Belinda wirkt, sondern ebenjene elfjährige Mary, die ihr in Kumasi zuläuft, und die sie erzieherisch zu dem ihr bekannten Gehorsam zu bringen versucht. "Erwachsensein bedeutet", lehrt der Teenager die Kleine, "dass man mit immer weniger auskommt. Mit der Zeit werden einem Dinge weggenommen. Aber man findet sich damit ab." Eine solche Überlebenstechnik verwundert nicht, wenn von Belinda selbst im Friseursalon und sogar nach dem erneuten traumatischen Verlust, der dem Roman seinen Rahmen gibt, gefordert wird: "Du sollst besser reden, netter."

Als Amma ihr in London erzählt, dass sie Liebeskummer hat und nicht drüber reden kann, weil sie sich in ein Mädchen verliebt hat, straft Belinda sie mit aller Härte. Amma hingegen denkt darüber nach, warum ein weißes Mädchen sich in Mädchen verlieben darf, ein schwarzes aber nicht. Das zielt nicht auf die Weißen, sondern auf Belinda und Ammas Eltern. Donkor geht es um eine Reflexion ebendieses Konflikts jenseits rassistischer Probleme, und dazu gehört auch, dass Belinda sich fragt, wie man es schaffe, in London die "Angst vor den Weißen" loszuwerden, mit der man dort ja schlecht leben könne.

Auch an den Bezugsautorinnen merkt man, in welchem Rahmen man sich bewegt: Belinda und Amma lesen Audre Lorde, Zadie Smith, Chimamanda Ngozi Adichie und Chinua Achebe, über den Belinda sagt: "Manchmal klingt er wie jemand, den man auf der Straße reden hören könnte. Also, ich meine, er ... klingt ganz normal. Und dann, auf der nächsten Seite, kommt es mir ganz anders vor, viel ... schwerer."

Nein, nicht Europa bringt Belinda zum Nachdenken, sondern die verschiedenen Zeiten, die ihr durch den Ortswechsel bewusst werden. Verschiedenen Zeiten und Räumen verhaftete Lebensweisen, mit ihren verschiedenen Regeln und Möglichkeiten, die gleichzeitig gelebt und in Einklang gebracht werden müssen. Wie Michael Donkor diese Konflikte seiner drei Figuren erzählt, ist bei aller dramaturgischen Eingängigkeit, die ja vielleicht auch gar nicht kritisiert werden muss, subtil und wird in der Übersetzung so auch wiedergegeben.

Man ist schnell dabei, Bücher mit jugendlichen Protagonistinnen, einer Entwicklungsgeschichte und entsprechender Sprache mit dem Etikett "Jugendbuch" zu versehen, was das Jugendbuch gleich mit herabwürdigt. Vielleicht liegt diese ängstliche Verachtung vermeintlich einfacher Erzählweisen auch daran, dass wir in Deutschland noch nicht so lang Erfahrung haben mit einer bestimmten Form der Weltliteratur, mit wirklich grundlegenden Perspektivwechseln. Feridun Zaimoglu war schließlich 1995 der Erste, der eine andere Aufmerksamkeit geschaffen hat für migrantische Stoffe und Literatursprachen, die aber lange auf deutsch-türkische Literatur bezogen blieb, dann osteuropäische und jugoslawische Geschichten und literarische Umsetzungen einbezog und sich jetzt gerade erst für außereuropäische Perspektiven zu öffnen beginnt. Es ist eine aufregende Zeit für das deutschsprachige Lesepublikum! Und Michael Donkor gehört zu den Autoren, die einen in der deutschsprachigen Literatur immer noch unterrepräsentierten Bereich afroeuropäischer Perspektiven und ihrer ästhetischen Umsetzungen erhellen können.

Ein urteilender Blick sieht nicht viel, meint Belinda und zögert, das was sie für wahrhaftig hält, der Welt preiszugeben. Ein solches Zögern dürfte auch Michael Donkor kennen, wie viele Debütanten, die "ihre Dinge" zum ersten Mal anderen "Menschen überlassen müssen" und wollen. Mary hätte vielleicht auch den Debütantinnen und Debütanten der Longlist "elf von zehn Punkten gegeben". Man könnte hinzufügen: Wer ernst genommen wird und etwas bewegt, wird kritisiert.

Michael Donkor: Halt. Roman. Aus dem Englischen von Marieke Heimburger und Patricia Klobusiczky. Edition Nautilus, Hamburg 2019. 320 S., 25 Euro.

© SZ vom 05.11.2019
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