Ärger um den Aufbau-Verlag "Ich habe gewonnen und schlafe schlecht"

Es ist eine sehr deutsche Geschichte, voller Pathos und Tschindaradei. Der Aufbau-Verlag war nicht nur der erste, sondern auch der größte Verlag der DDR. Er wurde 1945 von Klaus Gysi, dem späteren Kulturminister und Vater von Gregor Gysi, mitgegründet. Mit sehr gewissenhaften Editionen der deutschen Klassiker und mit Buchtiteln der Emigranten vor allem hat sich der Verlag rasch einen Namen gemacht. Brecht teilte die Rechte zwischen Suhrkamp im Westen und dem Aufbau im Osten. Als Thomas Mann in einem Brief schrieb, "ich habe wiederholt den Aufbau-Verlag wissen lassen, dass ich das Fehlen meiner Bücher in der Ostzone schmerzlich empfinde", ordnete Walter Ulbricht an, dass der Verlag Manns Titel drucken müsse.

Das Urheberrecht interessierte ihn nicht und Mann ärgerte sich über das "unerhörte Verhalten". Später erschien dann mit seiner Einwilligung eine zwölfbändige Werksausgabe.

Der Verlag war über Jahrzehnte das intellektuelle Aushängeschild der DDR im Ostblock, obwohl die Betonköpfe der SED versuchten, beim Programm mitzureden. Eine wechselvolle Geschichte zwischen Tauwetter und Repression.

Das Buchhaus, das nicht so leicht einzuordnen ist, passte also zu dem Mann, der nach der Wende ins Spiel kam: Bernd F. Lunkewitz ist eine ungewöhnliche Erscheinung. Der frühere Student der Politik und Philosophie war mit 21 Jahren Mitglied der KPD-ML ("Abteilung Roter Morgen") in Frankfurt und brachte es mit 29 Jahren zur ersten Million.

Salonmarxist

Mit Gewerbeimmobilien hat der Ex-Maoist, der aus der Sekte ausgeschlossen wurde, viele Millionen gemacht. Er ist Marxist geblieben und Mitglied der SPD geworden, er hat eine Villa in Frankfurt, bewohnt in Berlin 250 Quadratmeter in dem Haus, in dem Heinrich Mann arbeitete, und hat im Bücherregal eine Leninbüste: "Zur Mahnung daran, was Lenin wollte und was daraus wurde."

Die ihm zu nahe kommen, unterliegen der Wirkung der dauernden Hochspannung, in der er lebt und die ihr Bedrohliches wie Bezauberndes hat. Ahnung vom Verlagsgeschäft hatte er nicht, als er den Aufbau-Verlag übernahm, und bald gab es Ärger, der ihm den Blick in eine ganz andere Welt mit Fall- und Tapetentüren öffnete. Der Aufbau hatte, wie andere DDR-Verlage auch, Lizenzen im Westen gekauft, aber weit höhere Auflagen als vereinbart gedruckt. Im Zeitraum zwischen 1986 und 1989 waren von der Beute jeweils eine Million Mark an die SED abgeführt worden. Die westdeutschen Verlage stellten wegen der "Plusauflagen" Nachzahlungsforderungen und Erben meldeten sich auch.

Als sich Lunkewitz erkundigte, ob die Treuhand für die Mehrdruck-Schwindeleien aufkomme, teilte ihm ein Regierungsrat der Unabhängigen Kommission zur Überprüfung der DDR-Parteivermögen knapp Verblüffendes mit: Die Treuhand sei gar nicht zuständig, denn es habe sich nicht um Volkseigentum gehandelt. Eigentümer des Verlages sei der Kulturbund geblieben, der 1945 von der Sowjetischen Militäradministration zum Zweck antifaschistischer Erneuerung gegründet wurde und mittlerweile ein gemeinnütziger Verein mit 60.000 Mitgliedern ist.

"Ich saß in einem geklauten Auto, das mir nicht gehörte", sagt Lunkewitz. Offiziell erklärte die Treuhand, alles sei in Ordnung. Gleichzeitig wurden in den Behörden Vermerke verfasst, aus denen hervorging, dass es sich um einen "Vermögensgegenstand des Kulturbundes der DDR" handele. Manchmal lagen zwischen interner Einschätzung (Kulturbund) und öffentlicher Erklärung (Treuhand) nur zwei Tage.

In einem Protokoll der beteiligten Behörden aus dem Februar des Jahres 1994 wurde festgehalten: "Es bestand Einigkeit darüber, dass der verkaufte Aufbau-Verlag eine vermögenslose Hülle darstellt, da er nicht Rechtsnachfolger des Aufbau-Verlages der DDR werden konnte".

Damals begann Lunkewitz, der also nur eine Verpackung gekauft hatte, mit dem Prozessieren und er hat gelernt, dass "du nur zum Erfolg kommen kannst, wenn du Geld und Zeit hast". Es "gab Dinge, die ich mir nie hätte vorstellen können". So schlug die Treuhand als Gutachter den Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie, Bernhard Schlink, vor; jenen Schlink, der das Buch "Der Vorleser" geschrieben hat.

Verrückter Millionär gesucht

Ein enger Mitarbeiter Schlinks teilte der Treuhand in einem umfangreichen Vermerk mit, die Prüfung durch ihn habe "leider nichts Positives" ergeben. "Gesamtergebnis: Der Aufbau-Verlag konnte nicht nach dem Treuhandgesetz umgewandelt und privatisiert werden, da er sich nicht im Volkseigentum befand."

Schlink und sein treuer Helfer fertigten dann doch für 30.000 Mark ein nützliches Gutachten, die Treuhand bedankte sich für die "konstruktive Zusammenarbeit." Lunkewitz zog in Berlin vor Gericht und verlor in Verhandlungen, bei denen die Richter wie geschnitzt wirkten. "Ich habe die Arroganz der Apparate und bösartige Leute kennengelernt."

"Junger Mann, wir haben einen langen Atem", soll ihn ein Treuhand-Mitarbeiter gewarnt haben. "In Berlin werden Sie nicht gewinnen", soll ihm ein Richter zugerufen haben. Sechseinhalb Millionen Euro für Prozesskosten hat Lunkewitz nach eigener Rechnung eingesetzt, bis er nach dem Wechsel an den Gerichtsstandort Frankfurt und dem Weg nach Karlsruhe in diesem Monat vom Bundesgerichtshof recht bekam.

Und was machte der Verlag in diesen turbulenten Zeiten? Vor der Wende hatte er 180 Mitarbeiter (darunter sechzig Lektoren), heute sind es noch 62 Mitarbeiter.

Lunkewitz hatte große Erfolge mit Victor Klemperers Tagebüchern und den Briefen aus Berlin von Alfred Kerr sowie Donna Cross' Bestseller "Die Päpstin". Aber es gab auch Flops, Versuche programmatischer Selbstentleibung etwa mit den "Memoiren" von Stefan Effenberg. Gut verkauft haben sich Werner Bräunigs "Rummelplatz" und die Kriminalromane von Fred Vargas.

Im Vorjahr tuschelte die Branche, der Salonmarxist wolle den Laden verkaufen, aber Lunkewitz bestreitet, dass er sich davonmachen will, obwohl ein Verlag dieser Größe (14,2 Millionen Euro Jahresumsatz) "wenig Wasser unter dem Kiel" habe. Aber ewig wird es nicht so gehen.

Seine junge Frau solle "nicht die schwarze Witwe spielen müssen". Und erstmals ist er Vater geworden. Mit 60 Jahren eine dreijährige Tochter zu haben, das bedeutet wirklich was im Theater des Lebens. Wenn er Aufbau in "etwa zwanzig Jahren" verkaufe, scherzt er, werde er eine Anzeige aufgeben: "Verlag an literarisch interessierten, linken, verrückten Millionär abzugeben" - immerhin gibt es jetzt einen rechtmäßigen Eigentümer.