Abschied Der Geiger als glücklicher Mensch

Gemeinsam stark: Mariss Jansons dankt Florian Sonnleitner, der sich nicht als verhinderten Solisten, sondern als leidenschaftlichen Ensemblespieler versteht.

(Foto: Peter Meisel)

Florian Sonnleitner, erster Konzertmeister des BR-Symphonieorchesters, verabschiedet sich nach 40 Jahren in den Ruhestand. Neben der Musik sind Kunst und Literatur seine Leidenschaft. Und er hat Lust, nun Bratsche zu spielen

Von Harald Eggebrecht

Ein guter Konzertmeister kennt nicht nur das Orchesterrepertoire und macht es sich zur Aufgabe, Kompositionen, die er nicht kennt, sich anzueignen, sondern er ist auch der rechte Arm des Dirigenten, der dessen Interpretationsvorstellungen in Spielpraxis übersetzt und seine Gruppe mit solcher Eindeutigkeit führt, dass bis zum letzten Musiker am letzten Pult kein Zweifel aufkommen kann, wie die jeweilige Stelle zu spielen ist."

So hat der Geiger Isaac Stern einmal den gewissermaßen idealen Konzertmeister beschrieben. Das liest sich fast so, als habe Stern Florian Sonnleitner gekannt. Doch Stern konnte sich lebenslang nicht entschließen, in einem Land, das den Holocaust zu verantworten hatte, zu spielen. Er hat also nie beim Symphonieorchester des bayerischen Rundfunks gastiert, um dort zu erleben, wie Florian Sonnleitner die Konzertmeisterpflichten über drei Jahrzehnte hin so wahrgenommen hat, dass sich Sir Simon Rattle bei seinen Konzerten letzte Woche gleich im Namen aller Dirigenten bei Sonnleitner für sein Wirken bedankt hat. Anlass ist der Abschied dieses wunderbaren Musikers in den Ruhestand. Im Grunde ist es für langjährige Münchner Konzertbesucher wohl unvorstellbar, sein immer aufmerksames, erwartungsvolles Gesicht demnächst nicht mehr am ersten Pult des Orchesters zu sehen. Wenn er spielt, dann stets makellos, gewissermaßen sachlich, allürenfrei und ganz im Dienste der Musik.

Bei aller Anerkennung und Achtung nicht nur vor den verschiedenen Chefdirigenten des Orchesters, deren verschiedene Charaktere und Wirkweisen er treffend zu schildern vermag, kann Florian Sonnleitner dennoch auf seine unvergleichlich freundliche Art auch Kritik üben. Nach einer Generalprobe im Herkulessaal für Robert Schumanns selten aufgeführtes Chorwerk "Das Paradies und die Peri" unter Nikolaus Harnoncourt, meinte er während des Treppenaufstiegs ins Stimmzimmer der Konzertmeister, jetzt kenne man erst mal die Noten und nun müssten die eigentlichen Proben beginnen. Doch Sonnleitner ist kein sarkastischer bissiger Mann, sondern stets fair, unaufgeregt und maßvoll im Urteil. Auch dadurch prägt ein Musiker seines Ranges seine Orchesterkollegen. Schon beim Betreten des Podiums strahlt Sonnleitner Freude und Lust aus auf das, was dann gleich erklingen wird.

Er habe gar keine Chance gehabt, nicht Musiker zu werden, hat er in vielen Interviews gesagt

Als Sonnleitner 1976 im BR-Symphonieorchester als Tutti-Geiger anfing, bevor er zehn Jahre später eben jene verantwortungsvolle Position übernahm, hatte er schon einiges an Karriereschritten hinter sich. Selbst Sohn eines Konzertmeisters, nämlich von Fritz Sonnleitner, der diese Funktion bei den Münchner Philharmonikern ausgeübt hat, zeigte sich früh das Talent. Er habe gar keine Chance gehabt, nicht Musiker zu werden, hat Sonnleitner in vielen Interviews besonders der letzten Zeit gesagt. Aber wenn einer das absolute Gehör hat, im Elternhaus gefördert wird und dort ständig von Musik und Musikern umgeben ist, wenn einer Stücke mit ein paar Mal Spielen sich aneignen und dann auswendig kann, endlich nicht nur die Violine, sondern auch das Klavier beherrscht, dann wäre es reine Ressourcenverschwendung, wenn er nicht Musiker würde.

Jedenfalls sprach es sich in München rasch herum, dass der "kleine" Sonnleitner eine Riesenbegabung sei. Der Vater erzählte stolz, wie sehr schon der Knabe das Violinkonzert von Alban Berg liebe. Nun, 1971 fing er bei Gerhard Hetzel an der Musikhochschule zu studieren, 1977 war er noch bei Wolfgang Schneiderhan in Wien, nahm 1980 erfolgreich beim Deutschen Musikwettbewerb in Bonn und 1981 beim ARD-Wettbewerb teil. Da war er schon in seinem Orchester, in das er auch aus einer gewissen Konkurrenz mit dem Vater ging.

Der glänzende, in seinen eminenten Fähigkeiten geradezu unerschütterliche Geiger Sonnleitner versteht sich aber nicht als verhinderter Solist, sondern er ist ein leidenschaftlicher Ensemblespieler, auch wenn er oft als Solist und Kammermusiker aufgetreten ist und als Leiter des Münchner Bach-Kollegiums gleich noch eine zweite Karriere rund um die Welt hingelegt hat.

Wäre er nicht Musiker geworden, dann könnte man sich Sonnleitner genauso gut als profunden Kunsthistoriker vorstellen, denn es dürfte wohl kaum ein Museum, keine interessanten Bauwerke, bedeutsamen Ruinen und anderes Sehenswerte geben, die er bei Orchestertourneen und Konzertreisen um die Welt ausgelassen haben könnte. Außerdem gehört das Lesen zu seinen Leidenschaften. Mit Ironie hat er in einem Radiogespräch gesagt, es heiße ja man könne nicht alle Bücher lesen, aber wenigstens versuchen sollte man es schon.

Natürlich wird er weiterhin Musik machen, aber es muss nicht mehr die artistisch anstrengende Violine sein, man spüre den Körper schon nach vierzig Jahren. Außerdem sei er von der Physis her noch geeigneter für das Instrument, das umgeben ist von Witzen, die Viola. Den Bratscher Florian Sonnleitner kann man sich nur als glücklichen Menschen vorstellen.