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Abenteuerroman:Auf nach Chicago!

In Davide Morosinottos spannendem Roman "Die Mississippi-Bande" erleben vier Freunde zu Beginn des 20. Jahrhunderts Mord, Eifersucht und Intrige. Eine Geschichte in der Tradition der großen Mark-Twain-Helden Tom Sawyer und Huck Finn.

Ohne Zweifel: Der Autor muss nicht nur ein Zeitgenosse Mark Twains sein, sondern ebenso ein Vertrauter von Tom Sawyer und Huck Finn. Wie sonst fände er den heimtückischen Pfad zum Lager der jungen Abenteurer im Gewirr der Bayous südlich von New Orleans? An trügerischem Treibsand vorbei und an Sumpflöchern, durchs Unterholz und Lianendickicht, dorthin, wo seine Geschichte beginnt, vor einer Holzhütte, wo drei Jungs und ein Mädchen gerade - wir schreiben den Sommer 1904 - ein Pfeifchen rauchen und ihrem selbstgebastelten Einbaum aus Zypressenholz den letzten Schliff geben.

Davide Morosinotto kennt in seinem Roman "Die Mississippi-Bande - Wie wir mit drei Dollar reich wurden" jeden Schlupfwinkel am Bayou und er kennt all die kleinen und großen Sorgen seiner Helden: Te Trois' schwieriges Leben mit Mutter und Brüdern auf einer ärmlichen Farm am Rande des Bayous. Notgedrungen ist aus dem Vierzehnjährigen ein wilder, freiheitsliebender Abenteurer geworden. Der Autor weiß von Arztsohn Eddies Hin- und Hergerissensein zwischen der Welt der Bücher und der weit gefährlicheren Welt da draußen, jenseits der Buchdeckel. Der Zwiespalt hat den Jungen zu einem kleinen Schamanen werden lassen, aber sein Angsthase meldet sich trotzdem immer wieder zu Wort. Und schließlich kennt Morosinotto auch das Leid des weißen Mädchens Julie und seines schwarzen Halbbrüderchens Tit - ein Junge, der nicht spricht, aber alles um ihn herum mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Ihre Mutter - eine Prostituierte - wird von der Dorfgemeinschaft geächtet. Kein Wunder also, dass es die zwei nicht nach Hause zieht.

Diese vier Freunde höchst unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Temperaments schickt der Autor nun auf eine Reise (und lässt sie - ins Deutsche übersetzt von Cornelia Panzacchi - selbst davon erzählen), auf 360 Seiten, illustriert mit feinen Schwarzweiß-Lithografien von historischen Zeitungs- und Katalogseiten (nur Zeitungsfotos passen nicht zu den Drucktechniken um die Jahrhundertwende). Die verwegenen vier paddeln mit dem Einbaum in Richtung New Orleans, dann geht es an Bord eines Mississippidampfers bis St. Louis. Von dort aus in Landstreichermanier zwischen Rindern und Heuballen im Güterzug bis nach Chicago. Dort beginnt das eigentliche Drama, in dem die vier Landeier im Dschungel der Riesenstadt unwiderruflich verloren zu gehen drohen.

Und weshalb die ganze Odyssee? Nicht etwa nur aus purer Lust am Abenteuer, sondern aus einem Grund, der auf den ersten Blick furchtbar banal erscheint: Die vier wollen eine falsche Versandhauslieferung umtauschen und hoffen dabei reich zu werden. Bestellt hatten sie - Traum eines jeden pubertierenden Privatermittlers mit Alligatorenkontakt - einen Trommelrevolver mit Munition. Geliefert wurden eine anscheinend kaputte Taschenuhr und ein paar Patronen. Das Versehen erweist sich jedoch als weitaus schwerwiegender als vermutet. Schon im Treibsand des Bayous kostete es einen Mann das Leben. Es geht um nichts Geringeres als: Mord. Eifersucht. Intrige. In höchsten Kreisen der Chicagoer Gesellschaft, versteht sich.

Nach Jakob Wegelius' unvergleichlicher "Sally Jones - Mord ohne Leiche" ist Davide Morosinottos "Die Mississippi-Bande" die zweite Geschichte, die virtuos auf der Klaviatur des Abenteuerromans des beginnenden 20. Jahrhunderts spielt. Übrigens: Der Autor ist kein Zeitgenosse Mark Twains, sondern ein 37-jähriger, erfolgreicher italienischer Jugendbuchautor von heute. (ab 12 Jahre)

Davide Morosinotto : Die Mississippi-Bande - Wie wir mit drei Dollar reich wurden. Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann-Esslinger Verlag, Stuttgart 2017. 366 Seiten, 14,99 Euro.