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Abenteuer:Taschenbücher

Eine Vampirgeschichte lässt die jugendlichen Leser sich gruseln und eine Biografie aus der DDR erzählt Spannendes.

Von Hilde Elisabeth Menzel

Empfindsame Leser seien gewarnt, denn die Geschichte beginnt heftig und ungewöhnlich grausam für ein Jugendbuch. Aber wer sich gerne - sozusagen auf höchstem Niveau - gruselt, dem sei dieses Buch des berühmten englischen Autors Neil Gaiman wärmstens empfohlen. Unter anderem hat er dafür in den USA die "Newberry Medal" bekommen. Der Roman spielt auf einem Friedhof, der bevölkert ist von Geistern, Untoten, Vampiren, Werwölfen und anderen Horrorgestalten.

Dorthin verschlägt es einen kleinen Jungen, der als einziger die Ermordung seiner Familie überlebt und auf den nahegelegenen Friedhof flieht, wo er sich durch die Gitterstäbe des Tores zwängt, sodass der Mörder ihm nicht folgen kann. Dort wird er zärtlich und liebevoll von den Geistern der Toten aufgenommen. Sie nennen ihn Nobody, kurz Bod, mit Nachnamen Owen, nach seinen Zieheltern, die ihn in einer Gruft versorgen. Dass er überlebt, verdankt er dem Vampir Silas, der als einziger jede Nacht die Welt außerhalb des Friedhofs besucht oder heimsucht, je nachdem, wie man es betrachtet. Er organisiert Essen für den kleinen Bod, bringt ihm Lesen und Schreiben bei und erzieht ihn zu einem liebenswürdigen Knaben, den alle lieben.

Aber Bod muss auch viele gefährliche Abenteuer bestehen, und da lauert ja auch noch immer die Gefahr von außen, denn der Mörder seiner Familie hat ihn nicht vergessen. In einem dramatischen Showdown taucht dieser am Ende des Buches noch einmal auf.

Gaimans Romane unterscheiden sich von anderen Grusel- und Vampir-Geschichten durch ihren herrlich britischen Humor und all die skurrilen Gestalten, mit denen er seine Geschichten bevölkert. Und ganz beiläufig lässt er Motive aus Literatur und Mythologie in seine Geschichte einfließen, sodass das Lesen auch für Erwachsene ein großes Vergnügen ist. (Ab 12 Jahre)

Neil Gaiman: Das Graveyard Buch. Aus dem Englischen von Reinhard Tiffert. Arena Klappenbroschur, 2020. 312 Seiten, 12 Euro .

Die Geschichte spielt vor der Wende in der ehemaligen DDR. Fred und Jonas sind beste Freunde. Fred kommt aus einer linientreuen Familie, der Vater arbeitet beim DDR-Zoll. Sein Freund Jonas lebt mit seiner Mutter, sein Vater starb im Gefängnis, als er vier Jahre alt war.

Die Jungen haben ein Geheimprojekt: Australien und die Aborigines. Ihr Freund, der alte Herr Marek, der alles andere als "linientreu" ist, schenkt ihnen dazu einen Bumerang und erzählt ihnen, dass Australien genau gegenüber von Europa am anderen Ende der Welt liegt.

Als Jonas' Mutter einen Ausreiseantrag stellt, bekommt Jonas in der Schule große Schwierigkeiten. Er gilt jetzt als Staatsfeind der DDR, und Freds Vater verbietet die Freundschaft mit Jonas. Heimlich treffen sich die Jungs in der alten Ziegelei, wo sie ein Loch in Richtung Australien graben und von einem Wiedersehen am anderen Ende der Welt träumen. Als Jonas aus Freds Leben verschwindet, ist der todunglücklich.

Anders als im preisgekrönten Film "Zuckersand" (2017), auf dessen Handlung das Buch basiert, schenkt Dirk Kummer seinen kindlichen Lesern ein tröstliches Ende. Eine berührende Freundschaft und ein bedrückendes Stück Zeitgeschichte. (ab 10 Jahre)

Dirk Kummer: Alles nur aus Zuckersand. Carlsen Taschenbuch (1967) 2020. 138 Seiten, 5,99 Euro.

© SZ vom 23.10.2020

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