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Abenteuer:John Wayne des Pazifik

Sieben Abenteuer, sieben Dramen: André Wiersig erzählt vom Extremschwimmen

Von Tobias Lehmkuhl

Für den geneigten Rezensenten im heimeligen Wohnzimmer ist das Zuhören schon Abenteuer genug. André Wiersig dagegen fliegt nach Japan, lässt sich von einem Boot an die Nordspitze der Insel Honshu bringen, springt bei völliger Dunkelheit ins 13 Grad kalte Wasser, schwimmt hinüber zur Steilküste, zieht sich an einem Felsen hoch, schaut einem Seelöwen direkt ins Gesicht, lacht sich einen, und steigt wieder ins Wasser. Erst da beginnt für ihn das Abenteuer, die Durchquerung der Tsugaru-Straße zwischen Honshu und Hokkaido.

Gut 19 Kilometer ist diese Meerenge breit, wenig eigentlich im Vergleich zu den 33 Kilometern des Ärmelkanals. Aber im Ärmelkanal gibt es keine Haie, deswegen kann man ihn, anders als die Tsugaru-Straße, wo es von Haien wimmelt, auch tagsüber durchschwimmen. Sollte man sogar, weil man dann eine Chance hat, all dem Müll auszuweichen, der darin herumtreibt. Die Tsugaru-Straße aber muss man im Schutz der Dunkelheit in Angriff nehmen - weil Haie nachts genauso schlecht sehen wie wir Menschen.

"Die Nordsee find' ich vom Tasting her besser als das Mittelmeer."

Da für die meisten von uns ein Schwimmausflug an die frischen Gestade Nordjapans ebenso wenig infrage kommt wie eine Schwimmtour von Großbritannien nach Europa, ist das Hörbuch "Ein Mann des Meeres" sehr zu empfehlen. Es dockt unmittelbar an unser Fernweh an. Und wie alle Bücher aus dem Supposé-Verlag zeugt es von der Kraft des gesprochenen Wortes. Ob Bienenforscher, Schriftsteller oder Physiker: Seit bald einem Vierteljahrhundert findet Verleger und Regisseur Klaus Sander Menschen, die von ihren Erlebnissen, Gedanken und Forschungsergebnissen fesselnd zu erzählen wissen.

André Wiersig bildet da keine Ausnahme. Er hat als erster Deutscher (und als einer von nur 20 Menschen überhaupt) die Ocean's Seven durchschwommen, sieben für Extremschwimmer besonders herausfordernde Meerengen. In Bochum geboren und in Paderborn aufgewachsen, erzählt Wiersig in John-Wayne-hafter Lässigkeit, warm und einnehmend, niemals cool oder überlegen, wie er schon als Kind vom Schwimmen und Tauchen fasziniert war, wie er als Triathlet täglich Übungsmarathons gelaufen ist, um danach direkt in den Anzug zu steigen und zur Arbeit zu gehen. Oder wie er im Winter einmal auf Ibiza war, zu einer Boje vorm Strand schwimmen wollte und es nicht fassen konnte, dass ihm dies ob der Kälte des Meeres, nicht gelang.

So gewöhnte er sich mit aller Härte an kaltes Wasser, intensivierte das Krafttraining und durchschwamm den Ärmelkanal. Erst danach kam er auf die Idee, sich auch den anderen sechs Meerengen zu widmen, und natürlich bilden die Beschreibungen der einzelnen Durchquerungen die Höhepunkte von "Ein Mann des Meeres". Das Hörbuch macht aber auch deswegen seinem Titel alle Ehre, weil es Wiersig gelingt, seine Liebe zu den Ozeanen, speziell zum Pazifik, höchst anschaulich zu machen. Immer wieder beschreibt er die Farben des Wassers, die Momente, in denen er eins wird mit dem Element, und sogar seinen Geschmack: "Die Nordsee find' ich vom Tasting her besser als das Mittelmeer".

Die Liebe will freilich verdient sein. Und nicht nur Haie stehen dieser Liebe zuweilen im Weg. Es sind Wellen und Strömungen, die Wiersig an seine Grenzen bringen, Wellen und Strömungen, die zwischen Honshu und Hokkaido über Stunden so stark sind, dass sie den Schwimmer noch im Erzählen wieder davonzutragen scheinen in die japanische See. Für einen Moment sackt seine Stimme ab, wird hohl, löst sich fast auf, noch einmal und noch einmal schlagen die Wellen über ihm zusammen.

Ein Mann des Meeres. André Wiersig erzählt sein Schwimmen durch die Ocean's Seven. Supposé-Verlag, Wyck auf Föhr 2020. 4 CDs, 305 Minuten, 24,95 Euro.

© SZ vom 13.10.2020
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