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60 Jahre nach Kriegsende:Hitlers Dia-Sammlung im Netz

Ab 1943 ließ das NS-Propagandaministerium etwa 40.000 Wand- und Deckengemälde fotografieren. Die digitalisierte Aufnahmen können nun erstmals im Internet betrachtet werden.

Vielleicht hatte Goebbels die Idee, vielleicht Hitler selbst, naheliegend genug war die Sache: Seit Monaten legten Bomber deutsche Städte in Schutt und Asche und damit Kirchen, Klöster, Schlösser - eine ganze Kultur drohte unwiederbringlich unterzugehen. Schutzprojekte für mobile Kulturgüter, für Skulpturen, Altäre und Möbel, hatten die Nazis längst in Auftrag gegeben; Fotografien dokumentierten die Architektur im großen Stil, wenn auch in schwarz-weiß. Aber was war mit der Kunst im Inneren? Den Decken und Wandgemälden, den Fresken und Reliefs?

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Das Farbdiaarchiv des Zentralinstitut für Kunstgeschichte ist momentan in einer vorläufigen Version online. Offizieller Start ist der 21. Oktober.

(Foto: Screenshot: sueddeutsche.de)

Sie wurden - auf Anregung von Goebbels oder Hitler, jedenfalls mit Billigung beider - von 1943 an Gegenstand einer einzigartigen Fotodokumentation, die nun erstmals im Internet präsentiert wird. 40.000 Farbdias von 480 Bauwerken präsentiert das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte unter der Adresse www.zi.fotothek.org vom 21. Oktober an, wenn eine Tagung über dieses Thema beginnt. Damit umfasst die Online-Sammlung immerhin gut vier Fünftel jener NS-Dokumentation, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung ein wohlgehütetes Geheimnis war.

Denn dass selbst die NS-Führung eine Niederlage ins Kalkül zog und sich schon mal auf die Zeit danach einstellte, dass sie zugab - und sogar dokumentierte -, welche Verheerungen der Krieg angerichtet hatte, und sei es auch nur als Beweis für die alliierte Zerstörungswut, das war nur nach den Maßstäben des gesunden Menschenverstands eine realistische Maßnahme. Für jeden endsiegtrunkenen Nazi war es sträflicher Defätismus.

Großer Aufwand des Propagandaministeriums

Umso bemerkenswerter ist der Aufwand, mit dem das Propagandaministerium die Aufnahmen der Wand- und Deckengemälde betrieb. Vom Rhein bis nach Königsberg reisten renommierte Fotografen wie Paul Wolf oder Walter Hege durch das kriegsgeschüttelte Reich, begleitet von einem Tross aus Beleuchtungswagen, die extra bei Filmfirmen gemietet wurden; sie hielten bedrohte Werke auf Kleinbild-Diafilmen in Farbe fest.

35 Reichsmark zahlte das Ministerium pro Einstellung, 300 Reichsmark für eine Totale, etwa von einer Decke. "Noch im März 1945 wurden Stromrechnungen an das Propagandaministerium geschickt", sagt Ralf Peters vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte: "Die Kosten für das gesamte Unternehmen beliefen sich bestimmt auf mehrere Millionen" - noch ein Grund, die Sache geheim zu halten.

Keine Fotos im Elsass möglich

Manche Pläne ließen sich nicht mehr verwirklichen: Auf das Elsass beispielsweise hatten die deutschen Fotografen keinen Zugriff mehr, überhaupt entfernte sich ihr Gegenstand mit der näher rückenden Front. Immerhin fotografierten sie die bemalten Holzdecken in ostpreußischen Dorfkirchen, von denen heute kein Brett mehr zu finden ist; es gibt Aufnahmen aus Breslau, dem heutigen Wroclaw und aus Schlesien.

Sie fixierten die strahlenden Farben von Werken wie Luca Antonio Colombos Allegorie "Fanfaren des Engels" in der Kuppel des Palais Thurn und Taxis in Frankfurt am Main, Hermann Anton Stilkes Deckengemälde des vom Pferd grüßenden Theodosius aus dem südlichen Kuppelsaal im Berliner Neuen Museum oder Franz Karl Palkos Deckenbild aus der Dresdner Nepomukkapelle der Hofkirche: "Die Glorifizierung des heiligen Johannes von Nepomuk".

Mehr als die Hälfte der dokumentierten Werke zerstört

60 Prozent aller Werke, die die Nazis damals dokumentieren ließen, wurden durch Bomben, Brände oder Aufstände von Zwangsarbeitern vernichtet, schätzt Peters, und nur der geringste Teil nach dem Krieg wieder restauriert, selbst wenn die Außenmauern der Gebäude längst wieder hergerichtet waren. Die meisten Dias aber überstanden den Krieg in Depots in Freiburg, Mainz oder Tübingen; sie wurden dann im Zentralinstitut in München und im Bildarchiv Marburg aufbewahrt.

Nun kommt der Betrachter den Gemälden näher als es wohl je möglich gewesen wäre - im Internet. Ab Ende Oktober - oder schon eher, wenn man die digitalen Baustellen in Kauf nimmt - ist dort der Reichtum europäischer Vorkriegskultur zu bestaunen, wie das Netz überhaupt mit der Digitalisierung ganzer Bibliotheken, wie sie etwa Google plant, drauf und dran ist, einen bedeutenden Teil des kulturellen Erbes zu konservieren.

Digitalisierung rettete Dias vor dem Verfall

In den Jahre 2002 und 2003 wurden die Dias digitalisiert, um sie vor dem Verfall zu retten. Finanziert wurde das vom Kulturstaatsministerium, vom Leibniz-Rechenzentrum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und von der Tavolozza Foundation München.

Dass der neue Blick auf Hitlers Dia-Sammlung dazu inspirieren könnte, die kargen Wände und Decken wieder aufgebauter Bauwerke nachträglich zu kolorieren, diese Gefahr hält Ralf Peters für eher gering: "Die Aufnahmen sind sprunghaft." Mal sei eine Ecke zu sehen, mal ein Ausschnitt, fast nie ein vollständiges Panorama, und die Beleuchtung war - vor allem bei den ersten Fotografien - eher ein greller Spot mit dunklen Flecken.

Außerdem war das Innere gerade der berühmtesten Bauten ja vorher schon dokumentiert, wenn auch selten in Farbe: "Dass man es in all diesen Jahren nicht geschafft hätte, einen zerstörten Zyklus zu rekonstruieren, wenn man dies gewollt hätte", so Peters, "ist schwer vorstellbar."