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30 Jahre "Dallas":Familienbanditen

Die Drehbuchautoren verwursteten Klischees, J.R. machte seine Gegner zu Geschnetzeltem: Die Fernsehserie "Dallas" war Sittenbild der amerikanischen Gesellschaft.

In Amerika ist alles groß, aber am größten ist Amerika in Texas. Nirgends ist der Himmel so weit, nirgendwo sind die Rinderherden und deshalb die Steaks größer, und ein Mann ist noch ein richtiger Mann, jedenfalls wenn er eine Waffe trägt und den Stetson nur zum Gebet abnimmt.

Bei den Ewings waren die Geldbündel immer dicker als die Blutsbande.

(Foto: Foto: dpa)

Andererseits und vom snobistischen Osten aus gesehen kommen aus Texas lauter ungehobelte Kerle: Cowboys, Glücksritter und ein Vizepräsident mit sinistren Verbindungen. Aber dieses Texas war wichtig für die Wiederwahl, deshalb reiste John F. Kennedy mit seinem Vize Lyndon Johnson im November 1963 zum Wahlkampf nach Dallas, feindliches Gebiet eigentlich, denn auf einen Schnösel von der Ostküste hatten sie gerade gewartet.

Ein typischer Texaner war es dann, der den Präsidenten mit der Winchester erschoss: ein großmannssüchtiger Verlierer, der in der Sowjetunion um politisches Asyl gebeten hatte und dann doch wieder zurückgekehrt war. In Dallas, so schrieben die Journalisten, in Dallas starb der amerikanische Traum.

Dabei war dieser Traum fünfzehn Jahre später nirgendwo lebendiger als in der verruchten Stadt, die Kennedy umgebracht hatte. "Dallas" zeigte ihn in den schillerndsten Farben. Das Herz konnte einem schon höher schlagen, wenn die Kamera zur Musik von Jerrold Immel die Hochhäuser der Skyline abfuhr. Gleich würde es wieder um Geld und Macht und Sex, um Intrigen und natürlich um Öl gehen. Zwar wurde die Serie überwiegend im kalifornischen Studio gedreht, aber sie brauchte diesen phallisch aufragenden Reichtum, den nur Texas so protzig ausstellen konnte.

Ende der siebziger Jahre waren die USA noch immer traumatisiert durch die Niederlage in Vietnam, die nicht einmal beim Namen genannt werden durfte. Doch der Hubschrauber, der drei, vier Jahre zuvor die Letzten aus der Botschaft in Saigon herausgeholt hatte, landete jetzt auf dem ausgedörrten Rasen der Southfork Ranch. Er holte diesmal keine Flüchtlinge, sondern den Sieger.

Vom Rinderbaron zum Ölmillionär

John Ross Ewing Jr. hieß er, also J.R. Er war ein Schwein und lachte dreckig, wenn er wieder einen Gegner übertölpelt hatte und der Familie erneut seine Illoyalität beweisen konnte. Der Barbar hatte Einzug ins Abendprogramm gehalten.

So ungewaschen er als authentischer Marlboro-Mann auch wirkte, bis dahin war der Texaner im Kino und auch im Fernsehen noch ein halbwegs klassischer Held gewesen. Er wachte über seine Rinder, die er längst nicht mehr zählen konnte, er spürte Viehdiebe auf und zog sie vor ein Schnellgericht, sein eigenes, aber immerhin mit bibelfesten Grundsätzen. Vor allem aber verteidigte er die Grenze, sei es gegen die Indianer, die Mexikaner oder gegen die damals noch ganz unmetaphorischen Heuschrecken, die die Ernte bedrohten.

Bis in die sechziger Jahre hielt sich dieser tapfere Pionier, doch längst ächzten hinter den Rinderkoppeln die Ölpumpen, ragten bald die Türme der Raffinerien zwischen Houston und Galveston. Die Ölindustrie explodierte; ein Volk, das aus dem Auto nicht mehr herausfand, wollte schließlich verlässlich mit Benzin versorgt werden. In Texas gab es alles, was das Herz begehrte: Arbeit, Öl und damit Geld.

Rasend schnell entwickelte sich eine texanische Spielart des amerikanischen Kapitalismus, eine Dreifelderwirtschaft, bei der sich Weideland in kürzester Zeit in Schürfgebiet und die sumpfigste Brache in Bauerwartungsland verwandelte. Texas verband Tradition und Moderne: der Rinderbaron wurde Ölmillionär, ohne überhaupt von seinem Pferd absteigen zu müssen.

Wenn es doch einmal lahmte, stand im Anbau eine pflegeleichte Chrom-Flotte aus überwiegend deutscher Herstellung bereit. Das war nicht etwa unamerikanisch, sondern ein weiterer Beweis für die göttliche Gnadenwahl. In "Dallas" wurde sogar die Tonspur nachsynchronisiert, damit der Kies unter den Mercedes-Reifen beim Vorfahren besonders sexy knirschte.

Intrigantenstadel

Vom Genre gehörte die Serie gar nicht mehr zum guten alten Melodram, das den Höhepunkt bereits in "Vom Winde verweht" erreicht hatte, sondern zur soap opera, der auf Dauer gestellten Familienserie, die - Frauen mögen ja nichts lieber als Waschen - von der Waschmittelwerbung finanziert wurde.

"Dallas", stöhnten die Kulturkritiker, bestehe nur aus Klischees. Vom ungetreuen Ehemann bis zur duldenden Gattin, vom ehrgeizigen Bruder bis zur frühverlotterten Tochter verzichtete die Serie wahrlich nicht auf die Klassiker, aber durch diesen Intrigantenstadel war "Dallas" auch so erfolgreich.

Zugleich zeigte es, ohne jeden analytischen Anspruch, aber dafür umso offensichtlicher, die Fratze des Kapitalismus. Nichts schien demnach erstrebenswerter, als vormittags den Geschäftspartner über den Tisch zu ziehen, nachmittags die Frau des Konkurrenten flachzulegen und abends im Familienkreis mit den Erfolgen bei Bohrungen im Fernen Osten zu prahlen. Den krönenden Abschluss fand ein so aufreibender Tag, wenn Larry Hagman sein unvergleichliches Hyänen-Lachen keckerte: Hehehe!

Durch "Dallas", sagt der Soziologe, wurde der Boden für den Geldrausch der Börsenspekulanten bereitet. Plötzlich konnte jeder reich werden, vorausgesetzt er war skrupellos genug und behielt den Zwanzig-Gallonen-Hut auch beim Sex auf.

"Dallas" erbrachte aber auch den Beweis, dass Fernsehen gefährlich ist. Das bekannteste Opfer dieser Aufforderung, sich skrupellos zu bereichern, war ein Muttersöhnchen aus dem Städtchen Midland. 1978, im Jahr, als "Dallas" begann, gründete der texanische Betriebswirt, der seine College-Jahre versoffen hatte, die Arbusto Energy. Auch er wollte vom Öl-Boom profitieren und scheiterte wie viele andere. So musste er sich nach anderen Betätigungsfeldern umsehen.

Anders als J.R. verfügte George W. Bush allerdings über genügend Freunde, die ihn auch bei seinen späteren Unternehmungen immer wieder sanft auffingen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Texas

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