175. Geburtstag der Fotografie Ein Entrepreneur und Privatier mit Anwesen und Park

Vier Bürger haben die Fotografie erfunden, und sie haben auf ihre Weise die Klassenziele erreicht, die der Bourgeoisie als erstrebenswert erschienen. Niépce war wie Talbot ein Particulier, ein Privatmann, der in seinem Privathaus lebte und arbeitete. Dieses französische Wort particulier fügt sich hier so passend ein, weil es über "eigen" hinaus "Teilchen, Partikel", aber auch "genau, umständlich" bedeuten kann: lauter Eigenschaften, für welche die Fotografie bald berühmt wurde.

Daguerre hatte vor der Fotografie das Diorama erfunden, eine Schaubühne, in der riesige halbtransparente Leinwände in langsamem Wechsel von vorne und hinten beleuchtet wurden und so ihren Prospekten eine Tages- und eine Nachtansicht abgewannen.

Daguerre war also ein Entrepreneur, Unternehmer in der Bilder- und Unterhaltungsindustrie. Die staatliche Pension machte ihm zum Privatier mit Anwesen und Park in der Nähe von Paris. Und schließlich der Bürger und Beamte Bayard: Obwohl er nie verriet, worin sein Verfahren bestand, hinderte ihn das nicht, als Sekretär der französischen Gesellschaft für Fotografie die Sache des von ihm miterfundenen Mediums organisatorisch und praktisch zu fördern. Als Vereinsmeier übernahm er eine weitere Rolle, die zum Repertoire einer bürgerlichen Existenz gehört.

Die erste Kamera in Deutschland von Louis Jacques Mandé Daguerre im Deutschen Museum.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Die Fotografie ist ein Medium, das Besitz und Relationen anzeigt

Kurz nach der Erstveröffentlichung 1839 rüstete der Optiker und Bildband-Verleger Noël-Paymal Lerebours ein Team von Abenteurern aus, die die Welt auf Daguerreotypien nach Paris zurückbringen sollten. Die Fotografie verließ das Haus ihrer Hausgeburt, um auszuschwärmen und "alles unter der Sonne" abzulichten. Und doch nahm die Fotografie aus ihrem Ursprungsort einen Auftrag mit: Zur Fotografie gehören Eigentum und Standortgebundenheit, sie ist ein Medium, das Besitz und Relationen anzeigt.

Seit dem 18. Jahrhundert sind die Besitzverhältnisse, die Erträge aus Grund und Boden, die Arten ländlicher und städtischer Bodennutzung Angriffspunkte der großen sozialen und ökonomischen Umwälzungen. Im Roman, der anderen epochalen bürgerlichen Kunstform, traktieren die Autoren genau diese Fragen und schreiben die Geschichten von Haus und Hof in immobilen Zeiten neu.

Und in der Fotografie schuf sich der proprietäre und als solcher zutiefst verunsicherte Blick des bürgerlichen Besitzindividualismus ein neues, ein zusätzliches Übungsfeld. Vielleicht könnte man mit Aristoteles von einem Beitrag zur "Oikonomia", zur ästhetischen und gesellschaftlichen "Hauswirtschaft", sprechen. Louis Daguerre fotografiert sowohl persönliches Gebrauchseigentum und Betriebsmittel - die Objekte, die das Stillleben des Münchner Triptychons ausmachen - als auch den Sozialraum des Grundbesitzes, des eigenen und des der anderen.

Fotografie lehrt uns, Mein und Dein zu unterscheiden

Jede Aufnahme ist standortbezogen, sie unterscheidet Hier und Dort. Und so stellt uns Fotografie unablässig die Aufgabe, Mein und Dein und Haben und Nichthaben zu unterscheiden, also Niklas Luhmanns binären Code des Eigentums zu bedienen.

Und sie übt uns ein in die automatische Wahrnehmung von eigenem und fremdem Raum, von privater und öffentlicher Sphäre. So trägt Fotografie die enormen Kommunikationskosten mit, die entstehen, wenn so viele verschiedene Objekte in der Umwelt bestimmten Ansprüchen unterliegen und deswegen geschützt oder frei sind. Sie übt also und stützt, was die Rechtstheorie "everyday morality" nennt, Alltagsmoral. So wird unser Sinn für das Zugehörige und damit das Gehörige trainiert.

Der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp ist ein führender Kenner der Geschichte und Theorie der Fotografie. Er lehrte in Hamburg und ist derzeit Gastprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg.