175. Geburtstag der Fotografie Das erste Gebäude, das sein eigenes Bild gezeichnet hat

Als Anfang 1839 erste Meldungen über das neue bildgebende Verfahren in die Zeitungen kamen, stellte ein englischer Forscher und Gentleman-Farmer mit Entsetzen fest, dass er schon vor Jahren eine leistungsfähige Methode der "fotogenischen" Aufzeichnung entwickelt hatte. Henry Fox Talbot verfolgte aber immer so viele Forschungsinteressen gleichzeitig, dass er leicht den Überblick verlor.

Noch im Januar 1839 zeigte er in der Royal Society in London Arbeitsproben seines Verfahrens, das sich ebenfalls stark von der Daguerreotypie unterschied: Letztere erzeugte auf versilberten Kupferplatten Unikate, während Talbot und Bayard mit Positiv und Negativ arbeiteten. Talbot nannte seine Papierbilder Kalotypien.

Einen Ursprung mit Betonung auf Sprung gab es in dieser Geschichte nicht, das sei im Hinblick auf das langsame, unsichere, oft alchemistisch genannte Trial- and-Error-Verfahren und die mindestens vier Parallelaktionen betont. Aber es gab eine Urszene oder besser ein Ursetting, ein ebenso formales wie formierendes Setting.

Das erste Bild von Louis Jacques Daguerre, das überlebte: Es zeigt eine Sammlung von Gipsabdrücken auf einem Fenstervorsprung.

(Foto: Getty Images)

Ein verweltlichtes Kloster als Kamera-Objekt

Talbot führte vor der Royal Society 1839 aus: "Im Sommer 1835 fertigte ich mit diesem Verfahren eine große Zahl von Abbildungen meines Hauses auf dem Lande an (. . .) , und ich glaube, dieses Gebäude dürfte das erste sein, das sein eigenes Bild gezeichnet hat." Wie das ein Haus praktisch anstellt, sich selbst abzubilden, kann man nicht zeigen.

Nur das fertige Bild des Hauses zeugt indirekt von diesem Prozess, aber als Ersatz mag die schöne Kalotypie einer Bildproduktion im Privathaus einstehen: Talbots Verwandte Emma Thomasina Dillwyn Llewelyn schaut nach ihrem Printing Frame und wie weit das Positiv wohl gediehen ist, welches das Licht durch das Negativ hindurch aufzeichnet. Eine Heimwerkerin der Fotografie, aufgenommen von ihrem Ehemann John Dillwyn Llewelyn im Jahr 1853.

Lacock Abbey, Talbots Landsitz, ein in der Säkularisation umgewidmetes Kloster, wurde von ihm in zahlreichen Aufnahmen ein weiteres Mal "verweltlicht", als Objekt unter dem Objektiv der Kamera. Der Ort schrieb sich noch ein zweites Mal in die Mediengeschichte ein: Er stellte die Kulisse für die Hogwarts-Zauberschule der Harry-Potter-Filme.

Die älteste Fotografie

Nicéphore Niépce, der Kompagnon von Louis Daguerre, lebte ebenfalls in einem Haus auf dem Land, bei Chalon-sur-Saône in Burgund. Er fing um 1816 an, immer wieder den Blick durch das offene Fenster seines Arbeitszimmers im Obergeschoss aufzunehmen, die Fensterflügel zurückgeschlagen, auf Hof und Nebengebäude gerichtet. Dies war also in Wirklichkeit das erste Haus, das sich selbst abbildete. Es hat sich nur eine Aufnahme aus dieser Serie erhalten, die in der Universität von Texas in Austin verwahrt wird und als älteste Fotografie gelten darf.

Daguerre fotografierte von seinem Privathaus in der Rue de Marais den Boulevard du Temple. Zwei Aufnahmen, eine um acht Uhr morgens, eine auf die Mittagsstunde datiert, setzte er als Flügel des "Münchner Triptychons" ein, das er 1839 dem bayerischen König zum Geschenk machte. In die Mitte aber kam eine Silberplatte mit einem Stillleben, aufgenommen im Inneren, in seinem Atelier. Ein Bild im Haus, zwei Bilder vom Haus aus, eine simple Struktur: das Äußere ist außen, das Innere ist innen. (Das Stillleben ist verloren, die Stadtlandschaften sind in älteren Reproduktionen überliefert.)

Bayard schließlich machte es wie mancher Beamter: Neben seiner offiziellen Tätigkeit tat er noch etwas anderes. Bayard stellte die Kamera ins Fenster seines Büros, öffnete den Verschluss und ließ sie ruhig vor sich hin arbeiten, parallel zur Schreibtischarbeit im Finanzministerium. Später fotografierte er vom Dach des Ministeriums aus: Stadtlandschaften, die im Wesentlichen aus Dächern und Kaminen bestehen. Die Kamine geben einem einen Foucaultschen Gedanken an "surveillance", an Überwachung ein, denn der Herd diente dem Finanzkataster als primäre Erhebungsgröße.