60. Filmfestival in Cannes Schiffsjunge im roten Abendkleid

Gus van Sant hat seinen Hauptdarsteller aus dem Internet, während Ulrich Seidl in Sexkabinen und Sterbestation filmt. Aber die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben.

Von Tobias Kniebe

Kein Star und kein ernstzunehmender Filmproduzent würde sich nachts in der Bar des Carlton-Hotels blicken lassen - zu hoch ist die Dichte der Prostituierten, der Hochstapler und der Glücksritter auf dem Weg in die Nacht. Aber wo sonst sollte man in Cannes den guten Geschichten begegnen? Geschichten wie der von Maria aus Cardiff, 23 Jahre alt, die vor einer Woche mit ihrem Freund Schluss gemacht hat, für acht Pfund ein One-Way-Ticket nach Nizza nahm und schon am Abend am Hafenkai von Antibes stand, auf der Suche nach einem Job auf den Jachten.

60. Filmfestspiele: Cannes wahr sein?

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Als vor zwei Tagen ihr Geld ausging, fand sie tatsächlich Arbeit als das, was man früher Schiffsjunge nannte, und jetzt steht sie da in ihrem roten Abendkleid und könnte alles sein - ein aufstrebendes Starlet, eine Hollywood-Assistentin, die Geliebte eines Millionärs. Sie trinkt ein Glas Champagner, das sie sich auf keinen Fall leisten kann, und wenn das Schicksal sie an diesem Abend noch irgendwo hinführen will, dann darf es sich damit nicht mehr lange Zeit lassen. Maria jedenfalls ist bereit.

Träumen mit offenen Augen

Die Kraft, die Banalität und die unwahrscheinliche Schönheit dessen, was man so Leben nennt, danach sehnt sich natürlich auch das Kino - oder doch zumindest bestimmte Regisseure, wie zum Beispiel Gus van Sant. Sein neuer Film "Paranoid Park" spielt unter jugendlichen Skatern in Portland, Oregon, und natürlich geht es auch diesmal wieder darum, eine Szene und eine Subkultur so präzise wie möglich zu erfassen - das Leben rund um eine illegale Halfpipe im Niemandsland nahe des Columbia River.

Dort ist dieselbe Verlorenheit, Sehnsucht und Kameradschaft zu spüren wie seinerzeit in "My Own Private Idaho", und einmal mehr fixiert sich Gus van Sant auf ein weiches, hübsches Jungengesicht, dem er durch den ganzen Film folgen kann - den sechzehnjährigen Hauptdarsteller fand er über eine Web-Annonce auf Myspace.

Nichts scheint besonders dramatisch zu sein im Alltag dieses Alex (Gabe Nevins), weder die Scheidung der Eltern noch der erste Sex mit der Freundin. Es ist, als träume er mit offenen Augen - und doch ist alles überschattet von einer Nacht, über die er mit niemandem reden kann, einem grauenhaften Unfall, vielleicht einem Mord. Kaum ein Filmemacher folgt heute seinen Obsessionen so klar und unverstellt wie Gus van Sant - und doch lässt er seinen jungen Darstellern immer wieder den Raum, ihre neue, wunderbar greifbare Wirklichkeit in dieses geschlossene Universum hineinzutragen.

Seidl'sche Schwerstarbeit

Ein weiterer Filmemacher, der mit Besessenheit daran arbeitet, ein Stück rohes und doch sorgfältig inszeniertes Leben auf Filmmaterial zu bannen, ist der Österreicher Ulrich Seidl. Sein letzter Spielfilm "Hundstage", der 2001 auf dem Festival in Venedig für Aufsehen sorgte, liegt nun schon sechs Jahre zurück - aber soviel Zeit braucht es wohl einfach, bis wieder ein echter Seidl fertig ist: mit Laienschauspielern, die einem mit ihrer Leinwandpräsenz den Atem nehmen; mit absurden Schauplätzen aus der Wirklichkeit, die der Regisseur nach seinem ureigenen Moralkodex kein bisschen verändert hat; und mit einer Vermischung des Inszenierten und Dokumentarischen, das alle Grenzen sprengt.

"Import/Export" ist echte Schwerstarbeit, ein Film, der den Schneestürmen in der Ukraine ebenso abgerungen ist wie der österreichischen Krankenhausbürokratie oder dem Schamgefühl seiner Protagonisten - aber gerade daraus entsteht eine Wucht, die sich anders wohl nie erreichen ließe: Bisher der beste Film des Wettbewerbs - und ein Kandidat für die Goldene Palme.

Sexkabinen und Inkontinenzwindeln

Ulrich Seidl verfolgt im wesentlichen zwei Geschichten, die sich nie berühren, aber doch ineinander spiegeln. Da ist Olga, eine Krankenschwester und junge Mutter in der Ukraine, die vom Staat fast kein Gehalt mehr bekommt, einen Versuch im Internetsexgeschäft unternimmt und vorzeitig abbricht und bald ihr Baby zurücklassen muss, um in Österreich eine Zukunft zu finden. Und da ist Paul, ein durchtrainierter Boxer und Kampfhundliebhaber aus Wien, der seinen Job als Wachmann verliert und sich gezwungen sieht, mit seinem Stiefvater durch die ödesten Städte des Ostens zu touren, um Kaugummi- und Spielautomaten aufzustellen.

Am wenigsten geht es dabei um äußere Grenzen, um eine geographische Trennlinie zwischen Arm und Reich - umso mehr aber um jene unsichtbaren Barrieren, die auch in einem mehr und mehr erweiterten Europa nicht mehr zu überwinden sind. Dass dem Betrachter dabei kein Anblick erspart bleibt, dass Seidl genauso ungerührt in die Sexkabinen der Ukraine hineinfilmt wie in die Inkontinenzwindeln einer Wiener Sterbestation, auf der Olga schließlich als Putzfrau Arbeit findet, ist für diesen Regisseur nichts Neues.

Yippie!

Geradezu atemberaubend aber ist der Humor, der nun auch in diesen Bildern steckt, und die Menschlichkeit, die sich in den unerwartetsten Momenten plötzlich Bahn bricht - so als müsse dieser Filmemacher, der nunmehr in die Riege der großen Meister aufgerückt ist, nur lange genug dorthin schauen, wo sonst niemand mehr hinblickt, um eine gänzlich eigenwillige Form von Schönheit und Wahrheit zu finden.

Der Blick ist jedenfalls verändert nach dieser Erfahrung. Ganz Cannes erscheint in einem anderen Licht, und insbesondere die Carlton-Bar wirkt nun endgültig wie ein Zwischenstopp im Ulrich-Seidl-Land. Dieser Mann dort zum Beispiel im Smoking, mit dem dünnen Schnauzbart und dem sonnenverbrannten Gesicht, kann das wahr sein? Will er tatsächlich den Barkeeper dazu animieren, laut "Yippie" durch den Raum zu brüllen, und hat er ihm wirklich hundert Dollar zugesteckt, als dieser endlich nachgegeben hat? In der Tat, und jetzt geht das Spiel erst richtig los, jetzt läuft das den ganzen Abend, bis er jeden einzelnen Kellner durch hat.

Zwischendurch verkündet er allen, die es wissen wollen, dass sein Name Russ Whitney sei, aus Albany in New York, dass er mal als Fleischpacker begonnen hat, dass er jeden freien Cent in Immobilien investierte, dass die erste Million mit 25 kam, und dass er heute Bestseller zu der Frage schreibt, wie man ohne Geld, Kredit und Glück zum Millionär wird, einfach mit der richtigen Einstellung. Überall sonst wäre man gut beraten, ihm kein Wort zu glauben - nur hier ist jeder Widerstand vergeblich.

Auf die Palme gebracht - 60 Mal Cannes

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