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Zukunft der Kirche I:Corona darf keine Ausrede sein

War die Kirche in der Pandemie zu wenig präsent? Viele Pfarrer und Seelsorger waren engagiert, aber überlastet, meinen die einen. Gewichtige öffentliche Stimmen fehlten, so andere. Es brauche in jedem Fall einen Plan B, falls die Epidemie zurückkommt.

SZ-Zeichnung: Michael Holtschulte

Zu "Kuckuck" vom 31. Juli sowie zu "Kirchenleere" vom 8./9. August:

Nicht an die große Glocke

Beim Lesen des Artikels "Kuckuck" entsteht der Eindruck, dass Christen seit Monaten wegen der Pandemie untätig seien. Als Gemeindepfarrerin kann ich sagen, dass es vielfältige Seelsorge gab und gibt, im Freien, im Krankenhaus, auf dem Friedhof. Wir beachten Hygienebestimmungen und hängen unser Tun nicht an die große Glocke. Gegen die Angst, die der Autor benennt, müssen wir "Kraft, Liebe und Besonnenheit" (2. Tim. 1,7) setzen. Wir sind konfrontiert mit einem Virus, das die Kirche als Teil dieser Welt verstehen, aber nicht als Strafe Gottes deuten darf. Das bedeutet, an der Seite derer zu sein, die leiden und Angst haben, und zugleich denen zu widersprechen, die Sars-CoV-2 für einen Endzeitboten halten. In dem Artikel zitiert Pater Thomas Joh. 11,16: "Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben." Für die aktuelle Situation treffender halte ich eine Äußerung Martin Luthers zur Pest: "Ich will Gott bitten, dass er uns gnädig sei (...) Orte und Personen meiden, da man meiner nicht bedarf. (...) Wo aber mein Nächster mein bedarf, will ich weder Orte noch Personen meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen."

Christine Weber,Pfarrerin, Grevenbroich

Zwischen den Extremen

Als Pfarrer versuche ich, wie unzählige Kolleginnen/Kollegen, betroffenen Menschen beizustehen, so gut es eben geht. Die ungleich größere Herausforderung besteht inzwischen darin, innerhalb der Gemeinde zwischen extremen Haltungen zu vermitteln, deren Entstehen auch durch die aus meiner Sicht erstaunliche Einmütigkeit der Medien in der Pandemie befördert worden ist.

Johannes Roth, Kassel

Wo ist der Plan B?

Zeitweilig konnte man den Eindruck haben, dass Liturgien in Fernsehen und Internet den einzig verbliebenen Teil der Seelsorge ausmachten. Dass jegliche Anstrengung von persönlicher Seelsorge von oben lieber unterbunden wurde. Das ist zugegebenermaßen nicht ganz fair, weil wir alle am Anfang zu wenig wussten, wie sich das Virus verhält. Aber es ist ein Unterschied, ob die Anweisung lautet: "Tut am besten gar nichts, weil die Hygieneregeln eingehalten werden müssen", oder ob man sagt "Überlegt, was möglich ist, seid kreativ, seid proaktiv, unter Einhaltung der Hygieneregeln." In der Konsequenz führte das dazu, dass manche ihre Kirchen zugesperrt hielten und dass andere in "Corona-Ferien" abgetaucht sind. Wieder andere fanden hingegen schnell aus ihrer Schockstarre heraus und pflegten ihre seelsorglichen Beziehungen über Telefon, Mails, Briefe oder Spaziergänge mit Gesprächen am Gartenzaun. Das sind die SeelsorgerInnen, die seit Wochen abends kaum wissen, wo ihnen der Kopf steht. Andere verweilen noch immer in Schockstarre und finden keinen Zugang zu Kranken, Einsamen und Alten. Mir stellt sich die Frage, was bei einer zweiten Welle und einem zweiten Lockdown passieren wird. Hat die Kirche, haben wir alle einen Plan B? Eine Entschuldigung für "Corona-Ferien" haben wir jedenfalls mit besseren Kenntnissen des Virus nicht mehr. Der Plan B muss her.

Hiltrud Schönheit, Vorsitzende Katholikenrat München

Seelsorge war immer da

Ich weiß nicht, wo sich der Autor des Artikels "Kuckuck" in den vergangenen vier Monaten aufgehalten hat, sicher nicht in katholischen oder evangelischen Kirchen, in Krankenhäusern, bei Bestattungen oder im Umfeld von Kirchengemeinden. Der Artikel wirkt überheblich, belehrend, anklagend.

Tausende Pfarrerinnen und Pfarrer haben sich in der Seelsorge von Angst besetzten Menschen in der Corona-Epidemie engagiert, Millionen Menschen die Gottesdienste über das Internet und das Fernsehen angeschaut. Zu behaupten, dass die Kirche es versäumt habe, ihre Stimme in der Pandemie zu erheben, zeugt von Unkenntnis oder der Lust daran, "die Kirchen" vorzuführen. Viele Pfarrer haben versucht, Angehörigen bei Todesfällen und in Krankenhäusern beizustehen, oft bis an die Grenze ihrer Kraft. Das tun sie demutsvoll, ohne die große Öffentlichkeit.

Paul Geiß, Pfarrer, Berlin

Öffentliche Stimme vermisst

Wir sind dankbar, dass es in der Zeit des strengen Lockdown die Möglichkeit gab, Gottesdienste in der Karwoche und Osterzeit digital feiern zu können. Auch die vielen spirituellen Angebote und Hausgottesdienste haben uns bereichert.

Vermisst haben wir aber die Stimme der Kirche in den Medien. Vor allem hat ein gemeinsames Hirtenwort der deutschen Bischöfe gefehlt, in dem sie der Bevölkerung in dieser Pandemie Mut zugesprochen, zu Geduld gemahnt, zum Vertrauen in Wissenschaft und Politik ermuntert und gegen Verschwörungstheorien Stellung bezogen haben. Und wir bedauern, dass das Fronleichnamsfest nicht genutzt worden ist, der Gesellschaft zu zeigen, dass wir Katholiken öffentliches Auftreten unter Abstands- und Hygienebedingungen organisieren können. Durch das weitgehende Stummbleiben in der Pandemie besteht die Gefahr, dass die katholische Kirche in Deutschland in den Bereich des Überflüssigen gerät. Noch ist die Krise nicht überwunden und die Chance besteht, dem Bedürfnis nach Seelsorge mit deutlicher Stimme nachzukommen. Dr. Bruno Schöpfer,München

© SZ vom 14.08.2020
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