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Zölibat:Zerredete Reformen

Der Papst will den Zölibat lockern, der emeritierte Papst redet dagegen. Angesichts des großen Reformstaus und der sexuellen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche haben viele Leser gar kein Verständnis für solche Winkelzüge.

Zu "Papst und Gegenpapst" vom 15. Januar, "Vom Neben- zum Gegenpapst" und "Benedikt verteidigt Zölibat", 14. Januar:

Mit der Kirche verheiratet zu sein (bis dass der Tod sie scheidet), weitet offensichtlich auch einem Papst nicht den Blick. Es macht engstirnig. Papst Benedikt hat längst einen Tunnelblick; nichts Unnatürliches, wenn man ganz und gar mit der Kirche verheiratet war und ist. So erkennt der emeritierte Papst zwangsläufig in schlimmsten kirchlichen Verfehlungen konsequent anderer Teufelswerk, nicht aber internes Versagen und sperrt sich gegen unverzichtbare fundamentale Korrekturen.

Eva Matern-Scherner, Hösseringen

Der Zölibat ist das deutlichste Zeichen der Trennung von Klerus und Laienvolk. Damit ist er das vielleicht wichtigste sichtbare Unterscheidungsmerkmal zwischen katholischem und evangelischem Christentum. Ausgehend von der Kritik am Ablasshandel hatte Luther die protestantische Rechtfertigungslehre entwickelt und als Konsequenz daraus unter dem Stichwort "allgemeines Priestertum" die Unmittelbarkeit der Beziehung aller Christen zu Gott konstatiert. Nur Gott könne Sünden vergeben, kein Mensch und auch kein Priester aus dem sogenannten Kirchenschatz, der der Kirche durch Christi Opfergang zugeflossen sei. Jeden Christen so in unmittelbare, persönliche Verantwortung gegenüber Gott zu stellen, hatte ungeahnte Konsequenzen, wie Max Weber eindrucksvoll dargelegt hat. Nie konnte der Protestant, allen voran der Calvinist, des Gnadenstandes sicher sein.

Obwohl ich in protestantischer Tradition stehe, bin ich mir nicht sicher, ob der Mensch damit nicht überfordert ist und ob es nicht konsequent ist, besonders berufene und ausgezeichnete Menschen als Vertreter Gottes anzuerkennen, wenn wir schon glauben, dass Gott uns Menschen einen besonderen Menschen als Erlöser geschickt hat. Ich bin mir also nicht sicher, ob es richtig war, aus der Kritik am Ablasshandel eine ganz neue Theologie abzuleiten und damit die Unterscheidung von Klerus und Laienstand zu verwischen.

Vielleicht wird Benedikt XVI. einmal als letzter Katholik in die Geschichte eingehen, wenn Papst Franziskus, wie allgemein erwartet, den Zölibat abwertet. Was danach kommt, wäre früher oder später ein auf eine Ethik der Nächstenliebe geschrumpftes Christentum. Was darin über Kants Religionsschrift hinausgeht und insbesondere den Unterschied der Bekenntnisse ausmacht, wäre nur noch Folklore. Wir befinden uns auf diesem Weg. Benedikts umstrittene Äußerung hat uns aus dem Schlummer der banalen Alltagslogik (Priestermangel etc.) gerissen und die Tragweite der Entscheidung bewusst gemacht.

Dr. Rainer von Mellenthin, München

In einer Zeit, wo die katholische Kirche aufgrund vieler nachgewiesener Verfehlungen ihrer Seelsorger in eine ernste Vertrauenskrise geraten ist und immer mehr Katholiken Neuerungen einfordern, die den Ansprüchen aufgeklärter Gläubigen genügen, die sehr wohl einen Zusammenhang zwischen der den Priestern oktroyierten Ehelosigkeit und den sexuellen Übergriffen sehen, schlägt nun ein emeritierter Papst einen Keil zwischen Kirche und Gemeinden. Wir werfen dem Islam vor, sich wortgetreu an einen vor Jahrhunderten verfassten Koran zu halten, der dringend eine, des heutigen Ethik-und-Moralverständnisses angepasste Deutung einfordert, und übersehen dabei den Balken im eigenen Auge. Eine Kirche, die nicht bereit ist, sich zu erneuern, die fürchtet, nur mit Dogmen und unzeitgemäßen Ver- und Geboten den Zusammenhalt sichern zu können, handelt unchristlich, denn sie erhebt sich über ihren Gründer, der bedingungslose Nächstenliebe einfordert und keine ritualen Machtdemonstrationen seiner Gralshüter.

Klaus Lückerath, Meerbusch

© SZ vom 12.02.2020

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