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Weltwirtschaftsforum:Jammern auf höchstem Niveau

Die Welt steht mit dem Klimawandel und der ungerechten Verteilung des Reichtums vor großen Herausforderungen. Und was passiert in Davos beim Weltwirtschaftsforum? Zumindest nicht das, was nötig wäre, meinen diese Leser.

Die Welt besser machen - wer wollte das nicht? Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro in Davos.

(Foto: FABRICE COFFRINI/AFP)

"Den Mächtigen fehlen die Ideen" vom 26./27. Januar und "Schwindsucht in Davos" vom 19./20 Januar:

Zynisch bis gleichgültig

Wieder einmal tagte das Weltwirtschaftsforum in Davos. Sorgen hätten Staats- und Regierungschefs bezüglich der Folgen von Globalisierung, und auch Wirtschaftsbosse machten sich Gedanken über Ungleichheit in der Welt, heißt es. Angeblich fehle es an Ideen, wie diese zu beseitigen sei. Eine solche Aussage in einer Kabinettssitzung einer Regierung eines kleinen Landes wäre nicht verwunderlich. Auf einem Weltwirtschaftsforum kann eine solche Aussage nur als zynisch, unwissend oder gleichgültig erscheinen. Die Lösung der Ungleichheitsprobleme und der globalen Erwärmung ist einfach. Es gibt eine Vielzahl von Vorschlägen, die einfach nur politisch umgesetzt werden müssen. Es mangelt nicht an Ideen, es mangelt nicht an Konzepten, die Politik muss sich einfach nur international zusammensetzen und einigen. So geht's: Kapitalerträge international harmonisiert höher besteuern. Wenn alle Länder an einem Strang ziehen und Trittbrettfahrer konsequent sanktioniert werden, ist das Problem der Ungleichheit zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen beseitigt.

Zweitens: Erbschaften oberhalb eines gewissen Volumens (sagen wir eine Million Euro) zu 80 Prozent besteuern. Damit ist in zwei bis drei Generationen die extreme Ungleichheit in Kapitalvermögen beseitigt. Natürlich dürfen hier Individuen nicht auswandern, um in Gastländern bessere Erbschaftssteuern zu verhandeln. Die globale Erwärmung bekäme man in den Griff, wenn eine ausreichend hohe Steuer auf Kohlendioxidemissionen erhoben werden würde. Dies wurde vor Kurzem von einer Vielzahl erstklassiger Ökonomen aus den USA vorgeschlagen.

Natürlich kann man jammern über die Folgen der Globalisierung, wenn man den damit einhergehenden Verlust einzelstaatlicher Handlungsfähigkeit akzeptiert. Wenn die Welt kleiner wird, ist es einfach notwendig, stärker international zusammenzuarbeiten. Die Forderung mag lächerlich klingen in einem auseinanderfallenden Europa und einer sich re-nationalisierenden Welt und einer sich weiter individualisierenden Gesellschaft. Doch gerade wegen dieser Tendenzen ist die Forderung nach Kooperation wichtiger denn je. Jammern über Machtlosigkeit, am Ende zu behaupten, es gäbe keine Ideen, es gäbe Ratlosigkeit, das ist - ich wiederhole mich - zynisch bis gleichgültig. Fast könnte man meinen, die Staaten- und Unternehmenslenker hätten selbst zu viele persönliche Nachteile, wenn es globale Kooperation gäbe.

Prof. Klaus Wälde, Mainz

Lasst Vernunft walten

Ist die "Ratlosigkeit" unter den Teilnehmern des Weltwirtschaftsgipfels in Davos, wie sich die weltweite Ungleichheit bekämpfen lässt, wirklich glaubwürdig oder doch nur gespielt, weil man ernsthafte Reformen auf dem Gebiet der Einkommens- und Vermögensverteilung scheut wie der Teufel das Weihwasser? Womöglich möchte niemand der erste sein, der mit einer "Eigentumsdiskussion" und der vorgeschalteten Frage der Verteilung der Gewinne, der Achillesferse des Kapitalismus, eine Lawine lostritt, die die Gemüter weltweit erhitzt und das konservative Lager aus seiner Ruhe bringen könnte? Aus meiner Sicht stehen wir vor der entscheidenden Frage: Kann der Kapitalismus aus eigener Kraft sich zu gerechteren Verteilungsmodalitäten durchringen oder muss er dazu erst durch revolutionäre Umstürzler gedrängt werden, wie sie sich in Frankreich, Italien, Großbritannien mit der "Gilets jaunes"-Bewegung zu formieren beginnen? Steht dem Kapitalismus gar eine echte "Reformation" ins Haus, die hoffentlich friedlich ausgetragen wird und nicht dreißig Jahre dauert, wie der Konfessionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten (1618-1648)?

Man könnte mit der 16 Jahre alten Greta Thunberg, die auf dem Davos-Gipfel, vielleicht ein wenig zu inszeniert wirkend, für einen Klimawandel warb, in Ergänzung zu den Klimazielen sagen: Wir wollen, dass ihr wegen der zunehmenden Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen "in Panik geratet", euch empört, ohne panisch zu handeln, die Vernunft walten lasst. Wann endlich macht man sich daran, die Umverteilung zu privatisieren und nicht mehr dem Staat zu überlassen?

Wolfgang Gerhards, Berlin

Gäste mit Visionen

Die Schwindsucht in Davos kommt nicht nur wegen der gegenwärtigen politischen Turbulenzen wenig überraschend. Denn das eigentliche Problem des Eliten-Treffens in den Schweizer Bergen besteht schon länger darin, dass hier in erster Linie die PR-Gesichtspunkte und das Networking der meisten Teilnehmer im Mittelpunkt stehen, während echte tiefgründige und selbstreflektierende Debatten über die Zukunft der Globalisierung sowie einer fairen Weltwirtschaftsordnung wie etwa in Form eines kreativen Thinktanks überhaupt nicht stattfinden. Deshalb sollten die Veranstalter, damit das Event nicht weiter an Bedeutung verliert, hier vor allem radikale Reformen umsetzen, die insbesondere mehr Transparenz und ein wesentlich heterogeneres Publikum beinhalten, wobei man zum Beispiel eine Quote festlegen könnte, bei der ein bestimmtes Kontingent der Tickets an Normalbürger mit einem besonderen ökonomischen Interesse und starken Visionen wie Studierende oder ehrenamtlich engagierte jüngere Menschen geht!

Rasmus Ph. Helt, Hamburg

© SZ vom 11.02.2019
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