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TV-Duell:Überholtes Format ohne Format

Warum müssen zwei qualifizierte Spitzenpolitiker auf Fragen von vier unqualifizierten Moderatoren antworten, fragen Leser? Besser fänden sie es, wenn beide miteinander sprächen und von einer neutralen Person begleitet würden.

Haben die Zuschauer weder als Moderatoren noch als Journalisten überzeugt: (von links) Peter Kloeppel (RTL), Maybritt Illner (ZDF), Claus Strunz (SAT 1) und Sandra Maischberger (ARD).

(Foto: dpa)

"Versemmelt" vom 4. September, "Schulz verliert" vom 2./3. September, "Man kann ja mal fragen" vom 1. September, "Hört, hört" und "Diesel, Steuer, Datenschutz" vom 30. August:

Das Wichtigste fehlt

In der Überschrift zum Artikel "Hört, hört" wird die Frage gestellt: "Warum ist der Wahlkampf so langweilig?" Nun, zwei Antworten könnte er im SZ Magazin vom 25. August finden. Erstens: Das fiktive Wahlplakat des Künstlers Julian Rosefeldt listet einige Forderungen auf, die in der Tat dringlich sind. Einige Beispiele: Banken und Börsen stärker regulieren, Obergrenzen für Managergehälter gesetzlich festschreiben, Vermögen extrem Reicher extrem hoch besteuern oder auf ethisch nicht verantwortbare Waffengeschäfte ganz verzichten. Man könnte zum Beispiel noch hinzufügen: gegen den Flächenfraß, den hemmungslosen Verbrauch unserer Ressourcen, das Artensterben, die Massentierhaltung, Steuerflucht kämpfen. Aber diese Forderungen würden ja an die Wurzeln unseres Systems gehen und grundlegende Entscheidungen nötig machen. Das aber ist schwierig, wenn es stimmt, was Al Gore im Interview in paar Seiten weiter sagt: "Reichtum ist die wichtigste Quelle politischer Macht."

Der Wahlkampf ist unter anderem deshalb so langweilig, weil die Macht des Kapitals (Konzerne, Banken, Superreiche) so groß ist, dass die auf der politischen Bühne agierenden Kandidaten der Parteien letztlich hilflos den Vorgaben der großen Spieler folgen und sich zaghaft für ein paar Themen ins Zeug legen, die ungefährlich und wohlfeil sind ("Bildung für alle"). Die häufig in mieser Druckqualität und grafisch grottenschlecht gestalteten, langweiligen Wahlplakate mit ihren leeren Parolen sind im Übrigen der sinnfällige Ausdruck dieser Misere.

Sybille Böhm, München

Auf Moderatoren verzichten

Wie kommen qualifizierte Spitzenpolitiker dazu, auf Fragen unqualifizierter Moderatoren zu antworten? Das sogenannte Fernsehduell war eine Zumutung - für die Bundeskanzlerin und ihren Gegenkandidaten und auch für das Fernsehpublikum. Das unsinnige Format sollte endlich abgestellt werden. Wenn es schon sein muss, dass Spitzenkandidaten im Fernsehen gemeinsam auftreten, sollten diese Gelegenheit haben, einander Fragen zu stellen; dabei könnte eine beiderseits akzeptierte neutrale Person auf gleiche Redeanteile achten. Auf arrogante Moderatoren jedoch können Politiker und Wähler leichten Herzens verzichten.

Dr. Jürgen Harbich, Feldkirchen-Westerham

Falsche Strategie

Aus heutiger Sicht war es falsch, Martin Schulz vor Bekanntwerden der Ergebnisse der Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in NRW zum Kanzlerkandidaten der SPD zu küren. Schulz, der mit den Niederungen deutscher Landespolitik eigentlich nichts zu tun hatte, wurde als Kandidat geschwächt. Der zweite Fehler - aus heutiger Sicht - bestand darin, Martin Schulz zum Gegner von Angela Merkel auszurufen, obwohl sich die SPD mit der CDU in einer Koalition befand und auch früher schon viele Jahre mit der CDU Regierungsverantwortung geteilt hatte. Mit heutigem Wissen wäre es für die SPD sehr viel besser gelaufen, Schulz hätte den Wahlkampf später als Merkel offiziell eröffnet und zwar mit der Parole: "Die SPD will eine große Koalition - aber unter meiner Führung!" Der Wahlkampf hätte für die SPD und für Schulz viel leichter, ehrlicher und überzeugender geführt werden können - zumal bei den Wählern immer Sympathie für eine große Koalition bestanden hat und auch heute noch besteht.

Manfred Bunte, Erkrath

Durchaus regierungsfähig

Man muss ja kein Freund der Linken sein, aber sie als dritt- oder viertstärkste Partei einfach in der Koalitionsarithmetik zu übergehen, das geht nun wirklich nicht. Damit stellt man sie auf eine Stufe mit der AfD, die beide großen Parteien zu Recht dezidiert als Koalitionspartner ausgeschlossen haben. Das hat die SPD gegenüber der Linken nie getan, hat allerdings deutliche Hindernisse für eine Zusammenarbeit aufgezeigt. Das ist aber kein Grund, sie als mögliche Koalitionspartner auszuschließen. Probleme wären gegebenenfalls in Koalitionsverhandlungen auszuräumen. Dass die Linken durchaus regierungsfähig sein können, haben sie in verschiedenen Landesregierungen bewiesen.

Peter Klimesch, München

Die anderen nicht vergessen

Auf die Frage, was ihr Ziel beim TV-Duell sei, antwortet Sandra Maischberger im SZ-Interview: "Wenn am Ende dieses Duells ein paar von ihnen (Wähler) wissen, wen von beiden sie wählen, dann haben wir schon viel erreicht." Dies ist nun wirklich eine total dumme Antwort. Wir leben nicht mit einem präsidentiellen System. Der Wähler kann die Kandidat*innen für die Kanzlerschaft (Merkel, Schulz) nicht direkt wählen, sondern er/sie gibt seine/ihre Zweitstimme einer Partei. Maischberger nennt eine von beiden (Parteien) - als ob wir nur zwischen CDU und SPD entscheiden könnten. Was ist mit den anderen Parteien? Linke, Grüne, FDP? Zudem ist es nicht ihre Aufgabe, dem Wähler zu helfen, sich für die SPD oder die CDU zu entscheiden, sondern ihre Aufgabe sollte sein, die Gesellschaft aufzuklären. Falls eine Bürger*in nach diesen 90 Minuten zu einer Erkenntnis gelangen sollte, ist es schön. Ob diese Erkenntnis zu einer Wahl der SPD oder der CDU führt oder gerade nicht, sollte nicht ihr Ziel sein.

Matthias Weiss, Karlsruhe

Abgehobene Journalisten

Das "TV-Duell": eine Schande für den politischen Fernsehjournalismus in Deutschland. Es dämmert der schreibenden Zunft der Journalisten allmählich, dass weder die Kanzlerin noch ihr Herausforderer eine wirkliche Chance in diesem "Duell" hatten. Und man könnte geneigt sein, den Parolen von Pegida oder der AfD zu folgen, wenn man sich das TV-Duell mit Angela Merkel und Martin Schulz nochmals vor Augen führt. Warum? Der Eindruck ist, dass die anwesenden Journalisten ziemlich abgehoben von dem sind, was die Bevölkerung interessiert, und das sind nicht nur die Flüchtlinge oder die Integration. Bildung, Klimaschutz, Kinderbetreuung, Wohnungsnot, etc. alles Themen, die in keinster Weise angesprochen wurden. Der Eindruck ist weiter, dass die schwachen Polittalks von ARD und ZDF hier ihre Fortsetzung gefunden haben, nach dem Motto: Der fragende Journalist ist wichtig, selbst wenn die Fragen, bzw. auch falsch vorgetragene Zitate noch so uninteressant sind. Was da abgeliefert wurde, hat mit politischem Journalismus im deutschen Fernsehen nichts mehr zu tun; und das muss man den Damen Maischberger, Illner und den Herren Kloeppel, Strunz deutlich sagen - eingeschlossen die beteiligten Sender! Strunz mag ja scharfzüngig gewesen sein, aber er war nicht überparteilich, während die anderen drei bieder bis brav waren.

Dass es möglich ist, dass TV-Sender ein Format diktiert bekommen, unter dem dann die Veranstaltung einmalig läuft, ist ein weiterer bemerkenswerter Aspekt dieses "TV-Duells", und man könnte den Eindruck bekommen, als sei es insgesamt mit der journalistischen Unabhängigkeit nicht weit her. Wie da ein Meinungsbildungsprozess in der Bevölkerung zustande kommen soll, bleibt das Geheimnis der Moderatoren. Für mich die Bankrotterklärung dieser vier Moderatoren und der beteiligten TV-Sender. Und, es ist schädlich für unsere Demokratie, die vom Wettbewerb lebt.

Reiner Doberschütz, Hart bei Graz /Österreich