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SZ Werkstatt:Wieso denglisch?

Katharina Riehl, Deutsch- und Englischlehrerin sowie leitende Redakteurin, erklärt, wann und warum in der Süddeutschen ab und an eben doch Anglizismen übernommen werden. Von Sprachgebrauch und Sprachgefühl.

Bad Banks Kathi Riehl

Katharina Riehl hat Englisch und Deutsch fürs Gymnasial-Lehramt studiert, bevor sie doch lieber Journalistin werden wollte. Als Ressortleiterin für Gesellschaft & Wochenende bemüht sie sich, auf allzu viel Pädagogik zu verzichten.

(Foto: SZ)

Hat es die renommierte Süddeutsche eigentlich nötig, zuhauf englische und denglische Wörter zu verwenden, obwohl es fast immer deutsche Wörter dafür gibt?

Reinhart Schade, Olching

Kein anderer Anglizismus dürfte das Jahr 2020 so sehr geprägt haben wie der "Lockdown", eine staatlich verordnete Maßnahme zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Übersetzt bedeutet Lockdown "Ausgangssperre", ein Wort, das es in den vergangenen Monaten sehr viel seltener in die deutschen Medien geschafft hat. Verwunderlich ist das nicht, schließlich ist der Kampf gegen das Virus und die Idee, Menschen möglichst in ihren Wohnungen zu halten, eine internationale. Der erste Corona-Lockdown fand Anfang des Jahres in China statt, dann machte das Wort rund um den Globus Karriere.

Dass wir in Deutschland nie eine richtige Ausgangssperre hatten wie eben in China oder in Spanien, sondern eine Kontaktbeschränkung, das ist noch mal ein anderes Thema, das wir in der Redaktion häufig diskutiert haben - mit dem Begriff "Lockdown" sollten wir deshalb zurückhaltend umgehen. Doch hier soll es ja generell um englische Begriffe in der SZ gehen. Das Beispiel passt trotzdem gut, weil es zeigt, dass der alltägliche Sprachgebrauch der Menschen eben auch den Sprachgebrauch von Politikern und Journalisten prägt.

Der Umgang mit englischen Begriffen ist eine der klassischen Herausforderungen einer Redaktion. Denn einerseits haben wir natürlich hohe Ansprüche an die Sprache in der SZ, wir wollen nicht zu viel Umgangssprache verwenden und schönes Deutsch schreiben. Wenn ein Autor oder eine Autorin in einem Text für den Stilteil von einer "Fashion-Show" schreibt, würde ich deshalb, zum Beispiel, "Modenschau" daraus machen, und niemand würde in einem von mir redigierten Text einen "Move" machen. Aber natürlich schreiben wir vom "Smartphone" und nur sehr selten vom "internetfähigen Mobiltelefon" - denn wer spricht schon so?

Eine Zeitung muss sprachlich präzise sein und einen guten Ausdruck pflegen. Aber vollkommen am Sprachgebrauch vorbei schreiben wollen wir natürlich auch nicht. Und oft rutscht Autorinnen oder Redakteuren auch ein englischer Begriff durch - weil der längst so sehr Teil der täglichen Sprache ist, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken. Noch gefährlicher ist das bei Formulierungen, denen man nicht mehr ansieht, wo sie herkommen: Dass im Deutschen eine Corona-Maßnahme nicht "Sinn machen" kann, sondern höchstens "Sinn ergeben", das wissen die meisten SZ-Redakteure. Trotzdem landen solche Satzbau-Anglizismen ab und an im Blatt, meist in detektivischer Kleinarbeit gejagt von unserer Schlussredaktion, die aber auch nicht alles lesen kann.

Und dann ist eine englische Formulierung manchmal auch einfach schön. Als wir vor wenigen Wochen über eine angebliche Doppelgängerin von Melania Trump und andere berühmte Doubles der Geschichte berichteten, schrieben wir in der Überschrift "Double Trouble" darüber. Kein Deutsch, zugegebenermaßen. Aber ein Titel wie "Doppelgänger-Ärger" hätte eben nicht so gut gepasst, wäre sperrig gewesen. Und gereimt hätte es sich auch nicht. kar

© SZ vom 17.11.2020

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