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SZ Werkstatt:Welche Rolle spielen Algorithmen?

SZ-Redakteurin Ingrid Fuchs über die Rolle der Technik in der Redaktion und die Vorteile journalistischer Handarbeit.

Ingrid Fuchs

Ingrid Fuchs liebt die Arbeit mit Menschen. Schon deshalb würde die stellvertretende Ressortleiterin im Ressort München, Region und Bayern die Artikelauswahl durch Kollegen immer den Algorithmen vorziehen.

(Foto: Privat)

Ich habe gehört, dass Nachrichten und Texte für Zeitungen oftmals von Algorithmen automatisch ausgesucht beziehungsweise sogar geschrieben werden. Sind die Texte der SZ von den Journalisten selbst geschrieben?

Annette Gonera, Düsseldorf

Die SZ des Jahres 2020 setzt natürlich auf Digitalisierung. Das macht sie nicht nur mit ihrer Digitalausgabe und dem Online-Auftritt auf SZ.de, sondern auch mit viel Technik im Hintergrund, die Sie als Leserin oder Leser gar nicht unbedingt erkennen können. Algorithmen spielen dabei natürlich auch eine Rolle. Wenn Sie zum Beispiel online lesen, werden Ihnen unter einem Artikel weitere Texte vorgeschlagen, die sind nicht handverlesen, sondern von einem Algorithmus ausgewählt, ein Kriterium ist da beispielsweise, welche Themen gerade viele andere Menschen interessieren.

Auf SZ.de findet sich auch ein Nachrichtenticker, "Schlagzeilen" steht da recht schnörkellos drüber. Da laufen Meldungen von den Nachrichtenagenturen ein, die von der Redaktion der SZ nicht weiter bearbeitet worden sind. Von einem Menschen ausgewählt wurden sie trotzdem, von jemandem bei der Deutschen Presseagentur, bei Reuters oder einer anderen Agentur. Auch auf der Homepage oder in der Zeitung landen manchmal solche Agenturmeldungen, wenn wir sie für wichtig genug halten und wenn sie alles, was wir zu dem Thema zu sagen haben, ausreichend darstellen. Das erkennen Sie dann am entsprechenden Kürzel (also "dpa" oder "Reuters") hinter der Meldung. Aber einen Algorithmus, der bestimmt, welche Meldungen das sind - so einen nutzen wir nicht. Das würden sich die Redakteurinnen und Redakteure auch nicht gefallen lassen, schließlich arbeiten hier sehr viele Kollegen, die großes Fachwissen aufgebaut haben und am besten beurteilen können, welche Nachricht wie relevant ist.

So oft es geht und sinnvoll ist, bemühen wir aber die Technik, um unsere Leserinnen und Leser schneller zu informieren. Vor den bayerischen Kommunalwahlen haben sich Kollegen aus unserer Entwicklungsredaktion überlegt, wie Sie am schnellsten an die ganzen Wahlergebnisse kommen können. Das Prinzip: In einem Online-Artikel findet sich eine Eingabemaske, man muss nur nach seinem Ort suchen und bekommt Bürgermeisterinnen oder Landräte angezeigt. Das ist ein toller Service, aber kein Ersatz für Analysen, warum jemand verloren hat, oder für Kommentare und Einordnungen.

Es wäre in der SZ ohnehin unmöglich, einen Algorithmus auswählen oder gar schreiben zu lassen. Beispielsweise ist es im Lokalteil so, dass es fast keine Nachrichtenagenturen gibt - für die ist die Berichterstattung über München oder Starnberg zu kleinteilig. Auch deshalb ist das Expertentum enorm wichtig: Die Kollegen erfahren oft als Erste, wenn etwas im Rathaus los ist, wo sich Bürger über Entscheidungen ärgern oder was am Gericht passiert. Das gilt auch für die anderen Teile der SZ. Ein Algorithmus kann da mit unserer Redaktion schlicht nicht mithalten. Infu

© SZ vom 30.09.2020

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