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SZ Werkstatt:Heikle Gespräche

Johann Osel, Korrespondent für Landespolitik, über den Umgang mit Menschen, die nur eigene Meinungen tolerieren.

Johann Osel

Johann Osel ist Korrespondent für bayerische Landespolitik. Er hat zuletzt über die AfD im Freistaat und ihre vier Wahlkämpfe seit 2017 berichtet.

(Foto: oh)

Wie kommen Sie, ohne die Fassung zu verlieren, mit schwierigen Gesprächspartnern zurecht, die nur ihre Sicht der Dinge veröffentlicht wissen wollen?

Carola Kacybora, München

Die einen haben recht, und die anderen irren grundsätzlich, ob aus Fahrlässigkeit oder mit Vorsatz. Diese holzschnittartige Ansicht prägt leider immer mehr den Diskurs. Wer als Reporter der journalistischen Devise "Schreiben, was ist" folgt, der hat es in der Tat mit "schwierigen Gesprächspartnern" zu tun, die nur ihre Sicht der Dinge veröffentlicht wissen wollen. Zunächst aber mal: Die Fassung zu verlieren, das ist nie ein guter Weg. Vielmehr gilt es zu erklären, dass die Gesprächspartner eine Stimme in einem differenzierten Bild sind - sie also damit rechnen müssen, dass im Text Gegenstimmen oder Widerspruch auftauchen.

Natürlich gibt es Fälle, in denen es besser ist, den Kontakt abzubrechen, bevor man die Fassung verlieren könnte: zum Beispiel, wenn ein Gespräch mit Beschimpfungen beginnt oder damit, dass ohnehin alle Medien "gekauft" und "gesteuert" seien. Der Anspruch auf die alleinige Sicht der Dinge betrifft oft jene Partei, die schon die "Alternative" im Namen führt, die AfD. Doch auch links trifft man auf apodiktische Haltungen, die keine Differenzierung dulden. Beispiel Migration: Wer sich mit innerer Sicherheit beschäftigt, muss auch die hohen Ausländeranteile in der Kriminalstatistik thematisieren. Hier mag es "entlastende" Aspekte geben, etwa wenn Straftaten in der bedrückenden Lage einer engen Flüchtlingsunterkunft geschehen. Solche Zahlen zu ignorieren, widerspräche aber dem umfassenden Gesamtbild. Auf linker Seite gibt es öfter pikierte, vorwurfsvolle Gesprächspartner, die eine nur nach ihrem Weltbild gemalte Welt in der SZ fordern.

Doch zurück zur AfD. Die meisten Nachrichten erzeugt sie selbst - Eklats, Provokationen, interner Streit. Bis, wie neulich im Bayerischen Landtag, Scheiben zerbersten. Darüber hinaus stellt die SZ der AfD Fragen, um Themen möglichst breit zu beleuchten. Viele Abgeordnete erkennen, dass sie nur als eine Stimme von vielen an Debatten teilnehmen können; Medienprofis, die diese Politiker beraten, haben positiv gewirkt.

Anders sieht es auf kommunaler Ebene und bei Veranstaltungen an der Basis aus. Da erlebt man, grob gesagt, vier Typen. Der erste ist, wie viele Abgeordnete, aufgeschlossen. Der zweite schmettert einem "Lügenpresse" entgegen - Gespräch leider beendet. Der dritte (oft strenge, ältere Herren) redet nach dem Motto "Jetzt erkläre ich dem Reporter mal die Welt". Die Monologe kann man sich höflich ein Viertelstündchen anhören. Typ vier blockt Gespräche gleich ab.

Ein aktueller Fall: Die SZ hörte von einer aufziehenden Intrige in einem AfD-Kreisverband, die bayernweit Relevanz haben könnte. Die davon negativ Betroffenen ließen über einen Kontaktmann ausrichten: Mit der SZ rede man nicht. Nie. Das ist schade: Ein wichtiges Thema bleibt womöglich unergründet. Und es ist einfach traurig zu sehen, wie sich dann Bürger selbst außerhalb des demokratischen Diskurses positionieren. ojo

© SZ vom 29.12.2020
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