Stuttgart 21 Käse voller Würmer

Das Jahrhundertbauwerk Stuttgart 21 wird noch einmal teurer als geplant. Leser überrascht das nicht. Für sie ist das nur eine weitere Bestätigung dafür, dass die Bahn und alle, die das Projekt hochhalten, das Volk auf falschen Grundlagen entscheiden ließen.

SZ-Zeichnung: Denis Metz

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"Freie Fahrt ins schwarze Loch" vom 1. Dezember und "Im dunklen Tunnel" vom 15. November:

Die Bremse ziehen

Erschütternd, diese scheinbaren Neuigkeiten zu Stuttgarts Tiefbahnhof - vor allem deshalb, weil alles noch viel übler ist. Seit 2010, als bereits Hunderttausende rund um Stuttgarts Hauptbahnhof energisch und mit besten Argumenten protestierten gegen die Fülle der Fehlplanungen, üben Regierungen und Teile der Presse eine eigenartige Treue zu dem, was da seit mehr als 20 Jahren geplant und betrieben wird. Weil am Anfang - so wird mir immer klarer - unterm Zauber einer eleganten Tiefbahnhofs-Architektur hartnäckige Immobilien-Gier erwachte, die im Zentrum der Landeshauptstadt profitable Grundstücke witterte auf dem irgendwann mal stillzulegenden Kopfbahnhof.

Landesvater Winfried Kretschmann, nach der knapp befürwortenden Volksabstimmung, resignierend: "Dr Käs isch gesse." Aber der Käs war voller Würmer. Das Volk entschied nicht nur aufgrund falscher Kosten-Daten, erst zwei, dann vier Milliarden, heute - sogar offiziell - fast das Doppelte, von Kennern aber seit 2010 durchgerechnet auf mindestens zehn Milliarden. Das Volk entschied auch aufgrund falscher Kapazitäts-Behauptungen. Man sollte glauben, die acht Gleise in der Tiefe leisteten mehr als die 16 im Kopfbahnhof. Das Gegenteil erwies sich als wahr, die Tiefe leistet nur knapp 50 Prozent dessen, was der professionell und brandgeschützt angelegte Kopfbahnhof nach wie vor kann.

Die bis jetzt gebuddelte tiefe öde Grube könnte noch immer sinnvoll genutzt werden für Busbahnhöfe und Garagen, am Ende wären dann höchstens und immerhin drei Milliarden zu zahlen. Inzwischen aber lässt die Regierung das Unding weiter bauen, macht sich massiv schuldig.

Noch will ich glauben, dass das sonst so wachsame Eisenbahnbundesamt, verpflichtet keinem Verkehrsminister, sondern dem Grundgesetz, den Betrieb in Stuttgarts Untergrund nie genehmigen wird, weil das Schaden für Leib und Leben brächte. Wann fassen Stadt- und Landesregierung endlich Mut, ziehen die Bremse und steigen aus? Treu und brav löffeln "Grüne" und "Christliche" aus, was alte CDU-Regierungen einbrockten. Und verniedlichen gern alles aufs Juchtenkäfer- und Eidechsen-Retten, was in Wahrheit unbezahlbare Politkatastrophe ist. Prof. Jürgen Lodemann, Freiburg

Chancen vertan

Es ist allgemeiner Konsens, dass die allergrößten Probleme der Menschheit derzeit die Klima- und Umweltveränderungen sind (inklusive Veränderung des Ökosystems mit Insektensterben). Ähnlich wie München hat Stuttgart massiv Probleme, den Verkehr in den Griff zu bekommen: Die S-Bahnen sind überlastet - auf den Bahnsteigen drängen sich die Fahrgäste bis 19 Uhr so dicht, dass man Probleme hat, seine Bahn zu erreichen, die Staus werden immer länger und mit ihnen wird die Luftverschmutzung größer. Das Umweltbundesamt zeigt auf, dass der Verkehr seine Emissionen seit 1990 nicht senken konnte, die Verlagerung auf die Schiene nicht stattfindet und Deutschland auch deshalb nur sehr schwer in der Lage sein wird, seine Klimaziele zu erreichen.

Experten machen darauf aufmerksam, dass der Nahverkehr und der Güterverkehr die allergrößten Wachstumsprognosen aufweisen und die größten Stellschrauben für Umwelt- und Klimaschutz sowie das Lösen vieler Verkehrsprobleme sind - und durch Projekte wie Stuttgart 21 Chancen vertan, Gelder und Fachkräfte gebunden und unnötig viele Treibhausgase freigesetzt werden. Insofern steht hier ein enormer volkswirtschaftlicher Nutzen auf dem Spiel: Der ganze Schienenverkehr ist gefährdet und mit ihm die Möglichkeit, maximal viel Verkehre auf die Schiene zu verlagern. Das schadet allen und dürfte deutlich mehr als zehn Milliarden Euro wert sein. Johann Hönes, München

Die gleichen Tricks wie ehedem

Mit der Botschaft "Egal wie schlimm es kommt, das Projekt sollte durchgezogen werden" enttäuscht die SZ einmal mehr zum Thema Stuttgart 21: Die Tricks, um das Ganze schönzureden, sind die gleichen wie vor Jahren: Es wird nicht unterschieden zwischen der Neubaustrecke und dem Bahnhof. Einmal mehr wird der "volkswirtschaftliche Nutzen" der frei werdenden Flächen beschworen, die zu großen Teilen aber auch ohne den Tiefbahnhof hätten freiwerden können, wie ebenfalls bereits bewiesen ist. Ingo Juergens, Stuttgart

Volle Auftragsbücher

Die Furcht vor der Bauruine treibt die Bahn vor sich her. Nur keinen Fehler zugeben, lieber lügen, dass sich die Schienen verbiegen. Also wird das sinnlose Unterfangen, einen leistungsfähigen Kopfbahnhof durch einen weniger leistungsfähigen Durchgangsbahnhof zu ersetzen, fortgeführt. Das kann sich das De-facto-Staatsunternehmen mit den nie versiegenden Steuergeldern auch leisten, anders als ein privater Unternehmer. Dabei gibt es längst eine vernünftige Alternative: Sie heißt "Umstieg 21" und passt auch an die Neubaustrecke Ulm - Wendlingen.

Die von Josef Kelnberger erwähnte "schnelle Anbindung an den Flughafen" ist kein echtes Argument für das unterirdische Projekt: Wer wartet denn auf den ICE, um für geschätzte 9,80 Euro zum Flughafen zu kommen, wenn er für die Hälfte regelmäßig mit der S-Bahn hinkommt, und zwar von jeder Haltestelle? Das einzige stichhaltige Argument für das Tunnelgeschlinge halten die Tunnelbauer parat: Ihre Auftragsbücher sind auf Jahrzehnte voll. Denn alle zehn bis zwölf Jahre müssen die Anhydrit-Tunnel saniert werden. Dr. Dietrich W. Schmidt, Stuttgart