bedeckt München -1°

Sahra Wagenknecht:Linke Positionen im Wandel

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen. Bei Veröffentlichung werden Vor- und Nachname sowie Wohnort benannt.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

forum@sueddeutsche.de

Sozialdemokratie heute geht anders als früher, und viele Bürger nehmen zu Themen mal linke und mal rechte Positionen ein, erläutert ein Leser. Ein anderer reklamiert eine breitere Debatte um Zuwanderung.

Zu "Akademikerparteien", Interview mit der Linken-Politikerin, 24./25. Oktober:

Die Inhalte zahlreicher Political-Correctness-Debatten sind dem Normalbürger relativ "wurscht". Kritisch beäugen viele Menschen eine Klimapolitik, die individuelle Mobilität nur noch teuer macht. Soll diese zukünftig ein Privileg für Besserverdiener sein? Ein ÖPNV, der außerhalb größerer Städte nicht stattfindet, ist keine Alternative. Die Zuwanderungsdebatte muss geführt werden, damit unsere Gesellschaft einen klaren Kompass hat. Zentrale Themen wie bezahlbarer Wohnraum, eine humane Arbeitswelt, Auskommen im Alter und die Besteuerung hoher Einkommen/Vermögen gilt es wieder mehr in den Fokus zu rücken. Weitere Lifestyle-Diskussionen sind überflüssig - da hat Frau Wagenknecht recht.

Ulrich Teller, Pegnitz

Gestern war alles einfach: Die Mehrzahl der Mitglieder linker Parteien waren Arbeiter und einfache Angestellte. Links war entweder der Kampf für die Revolution oder für Reformen des kapitalistischen Systems und für die Verwirklichung politischer und sozialer Interessen der abhängig Beschäftigten durch eine entsprechende staatliche Sozial- und Finanzpolitik. Heute haben die Sozialdemokratie und ihre "Ableger" Mühe, sich in einer Gesellschaft zu behaupten, die sich sozial und kulturell rapide gewandelt hat und weiter wandelt.

Richtig ist, dass die Bereitschaft, linke Parteien zu wählen, in den gewünschten Zielgruppen gesunken ist. Die geringer gewordene Berücksichtigung konkreter sozialer Interessen in Politikangeboten befördert die Entfremdung zwischen den Parteien und dem (Wahl-)Volk. Nur irren sich die, die da glauben, heute sei noch die soziale Herkunft und der Status für die Wahlentscheidung maßgeblich.

Und links heißt nicht mehr nur, einen starken Sozialstaat und Interventionen in die private Wirtschaft anzustreben. Links heißt auch, für Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit, Umwelt- und Klimaschutz, Toleranz, soziale und kulturelle Vielfalt sowie für Selbstbestimmung und gegen einen Rechte der Bürger einschränkenden autoritären Staat, gegen Nationalismus, Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit einzutreten. Oft vertritt eine Person linke wie rechte Positionen: Sie ist einerseits für Umweltschutz, andererseits für Marktwirtschaft, für Sozialstaat, für staatlich organisierte Sicherheit und für individuelle Verantwortung. Das trägt zur Volatilität im Wahlvolk bei.

Dr. Gero Neugebauer, Berlin

© SZ vom 18.11.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema