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Richard Wagner:Künstler und Antisemit

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Von der beständigen Schwierigkeit fürs Publikum, wenn ein Komponist nicht nur schwelgerisch-schöne Musik geschaffen hat, sondern sich auch durch judenfeindliches und menschenverachtendes Denken hervorgetan hat.

Zu "Komponist und Hetzer", Buchrezension vom 2./3. Januar:

Kann man Kunstwerke "retten" oder "verfluchen", wie die Musik von Richard Wagner? Natürlich nicht, genauso wenig wie es "korrekte" oder "unartige" oder gar "entartete" Kunst gibt. Kunst ist per se in der Welt und hat ein eigenes Daseinsrecht, geliebt oder gehasst. Die Künstler selbst, die die Kunstwerke geschaffen haben oder schaffen, können unsympathisch oder sogar böse Menschen sein. Unsympathisch war Richard Wagner ganz gewiss, und Antisemit war er zweifellos, was ihn nicht hinderte, einen Dirigenten für seine "Parsifal"-Uraufführung in Bayreuth danach auszuwählen, ob er gut und also dafür geeignet ist, und nicht, ob er Jude ist oder nicht.

Jüdische Künstler scharten sich in Bayreuth um Wagner auch in Kenntnis seiner üblen antisemitischen Äußerungen oder Schriften. Wagners Werke, die nicht wenigen Nationalsozialisten als dekadent erschienen, sind bedeutende Kunstwerke der Musikgeschichte und werden es immer bleiben, und nicht jeder muss sie mögen, das ist in diesem Fall nicht anders als bei allen Kunstwerken.

Die ablehnende Haltung vieler Israelis und vor allem von Holocaust-Überlebenden ist verständlich und zu respektieren, das sollte aber auch für den anderen Teil der israelischen Bevölkerung gelten, die Wagners Musik eben als große Kunst verehren so wie es ja auch der Dirigent Daniel Barenboim tut, der sich für Wagner-Aufführungen in Israel einsetzt. Spätere Generationen in Israel werden es vermutlich mit Wagners Musik so halten, wie es in Kunstfragen "normal" ist und wohl immer sein wird - sie werden Wagners Musik mögen oder ablehnen, wie es in aller Welt mit jeder anderen Kunst auch üblich ist.

Wilfried Mommert, Berlin

Der ähnlich wie Martin Luther wortgewaltige Sachse Richard Wagner war ein Dichter, der zuerst die Texte seiner Opern schrieb und auf den germanischen Mythos zurückgriff, zum Beispiel in Tannhäuser und Lohengrin - und dann die Musik schwelgerisch darauf aufbaute. Kein Wunder, dass er von Baudelaire verehrt wurde. Äußerte sich auch antisemitisch. Erst im Parsifal, entstanden in Palermo, kam er zu einer anderen Musik-Sprache - auch nicht mehr antijudäisch - und verstarb dann in Venezia.

Volker Meid, München

Zu der ambivalenten Meinung des Autors Alex Ross zur Frage der Intensität von Wagners Antisemitismus ist folgender Hinweis unerlässlich: Es mag dahinstehen, ob in Wagners Werk in antisemitischer Absicht einige Figuren als Judenkarikaturen anzusehen sind oder nicht. Ich bin mit guten Gründen nicht dieser Meinung.

Aber an folgendem Satz kommt Wagner trotz aller großartigen Musik und dem Jahrtausendwerk "Der Ring des Nibelungen" nicht vorbei: "...daß ich die jüdische Race für den geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen an ihr halte: daß namentlich wir Deutschen an ihnen zugrunde gehen werden, ist gewiß, und vielleicht bin ich der letzte Deutsche, der sich gegen den bereits alles beherrschenden Judaismus als künstlerischer Mensch aufrechtzuerhalten wußte - ..." (Richard Wagner an König Luwig II. am 22. November 1881, zitiert aus "Richard Wagner, Briefe", Philipp Reclam jun. 1995, Seite 514).

Dieser Antisemitismus ist unter allen negativen Denkweisen, deren Menschen fähig sind, der verächtlichste!

Helmut Euler, Glattbach

© SZ vom 02.02.2021
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