Radfahrer "Strampelnazis"? Das geht gar nicht

Im Artikel "Straße der Sehnsucht" wurde die "Verfußgängerzonung der Städte" beklagt. Viele Leserinnen und Leser waren damit nicht einverstanden - sowohl mit der These als auch mit der Wortwahl.

Fahrradfahren macht Spaß, ist gesund und hilft der Umwelt. Autofahren dagegen … Das Bild zeigt einen Radfahrer in Hannover.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

"Straße der Sehnsucht" vom 13./14. Januar:

Raum für Fußgänger

Peter Richter kritisiert in seinem Artikel, dass immer mehr Räume in den Städten zu Fußgängerzonen umgestaltet werden. Er kritisiert dabei generell die autofeindliche Haltung vieler Stadtpolitiker. Dieser Haltung muss ich deutlich widersprechen. Sieht man sich in München den neuen Marienplatz und die Sendlinger Straße an, sieht man, wie wohltuend es ist, wenn die Fußgänger auf einmal mehr Raum zur Verfügung haben. Zu Richters Argument, dass Fußgängerzonen nachts wie tot wirken, möchte ich erwidern, dass es für Anwohner wohl eher angenehm ist, wenn nachts Ruhe ist, abgesehen davon, dass es ja wohl sehr traurig ist, wenn städtisches Leben nur durch Autos entstehen würde. Außerdem möchte ich deutlich die Sprechweise des Autors kritisieren. Parküberwachung mit Diktaturen und Fahrradfahrer mit Nazis zu vergleichen, entspricht nicht dem Niveau, das ich in der SZ lesen möchte. Dr. Martin Härting, München

Falsche Ideologie

Erstmal zu den Fakten: Die Emissionen der Kfz einschließlich der Geräusche - auch in der Nacht - nehmen zu. Die Freiheit, davon körperlich unversehrt zu bleiben (das gilt auch für die Insekten um uns herum), ist massiv eingeschränkt. Autofahrer dürfen ihrer kriminellen Fahrweise, von der Polizei geduldet, weiter frönen. Mehr als ein Drittel von ihnen halten sich nicht an Tempo 30. Nicht die Rathäuser und Radler sind die Ideologen (links/Nazis), sondern Menschen wie der Autor mit ihrer "Freie Fahrt für Freie Bürger"-Ideologie. Diese ist nicht nur in Deutschland, sondern weltweit die Tödlichste von allen. Übrigens: Als damals Erich Kästner von "Zündkerzen geschwärmt" hat, gab es noch mehr Pferde als Autos auf den Straßen. Inzwischen fahren die dicken SUV, auch die aus Südwestdeutschland, fast alle ohne, bald auch die Benzin-Direkteinspritzer. Michael Krüger, München

Verhöhnung der Opfer

Während der Lektüre des Artikels habe ich mir verwundert die Augen gerieben und mich zunächst mal vergewissert, dass ich zur richtigen Zeitung gegriffen habe. Da bringt der letzte Apologet der autogerechten Stadt seine Ergüsse offenkundig ungefiltert zu Papier und weint den goldenen Zeiten hinterher, als der Besitz eines Automobils die intellektuellen bürgerlichen Kreise im Berlin der 20er Jahre entzückte. Heutzutage ist diese Verzückung den eher nüchternen Erkenntnissen zu den üblen Nebenwirkungen des Autowahns gewichen, auch wenn Automobilhersteller selbst den Betrug nicht scheuen, um die Freude am Fahren zu bewahren.

Nun wächst glücklicherweise gerade unter jungen Menschen die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann. Folgerichtig wird gerade in städtischen Räumen inzwischen bewusst auf ein Auto verzichtet und werden alternative Verkehrsmittel genutzt. Für viele ist das Fahrrad inzwischen das bevorzugte Fortbewegungsmittel, und das aus guten Gründen: preiswert, kein Dreck, kein Lärm, kein Gestank, geringer Verbrauch endlicher Ressourcen und auf kurzen und mittleren Distanzen schneller als alle Alternativen. Es ist ein intellektueller Offenbarungseid, wenn Peter Richter diese Menschen ernsthaft als "eine ideologische Massenbewegung ... von tourettenhaft in den Verkehr hineinfauchenden Strampelnazis", die ergrimmt in die Pedale stampfen, verunglimpft. Der Hinweis Richters auf hupende Migrantenkinder, "für die sich Erfolg und Integration in Deutschland eben durchaus in Hubraum und Zylindern bemessen" lässt, macht die Sache keineswegs besser. Tatsächlich sind es nicht Migrantenkinder, sondern egoistische, geltungssüchtige und empathielose Parvenüs, bei denen der Geldbeutel deutlich besser ausgestattet ist als der Verstand.

Es muss die Frage gestellt werden, was einen Journalisten dazu bewegt, den berüchtigten Nazivergleich pauschal auf Menschen zu beziehen, die sich aus welchen guten Gründen auch immer dafür entschieden haben, Fahrrad zu fahren. Dies ist eine verantwortungslose und nicht hinzunehmende Verharmlosung der menschenverachtenden Verbrechen der Nazi-Diktatur und eine Verhöhnung von deren Opfern. Frank Rehbein, Berlin

Gefährlich für Kinder und Klima

Unsere Nachbarschaftsinitiative hier in Bremen versucht seit fast zwei Jahren, Tempo 30 zu bekommen sowie sichere Überquerungen für die vielen Kindergarten- und Schulkinder und auch ältere Leute, die hier im Stadtteil wohnen. Wir werden "von der Politik" stets blockiert, weil die Politik ja auf Autos und nicht auf Menschen ausgerichtet ist.

Versuche einmal, Falschparker abgeschleppt zu bekommen, auch wenn die auf Gehwege geparkt sind! Wer profitiert von der weiteren Autopolitik? Auch von Elektroautos? Genau, große Konzerne profitieren, dieselben, die Abgaswerte manipulieren und uns alle vergiften. Im Gegenteil profitieren kleine Geschäfte von Fuß- und Radverkehr. Das ist längst bewiesen.

Ich fahre Rad, weil ich aus einem Land komme, das Kriege führt, um billige Erdöl zu sichern. Aber ich fahre auch Rad, weil es Spaß macht und sozial ist und günstig. Und für meine Kinder und für alle Kinder der Welt, und das seit Jahrzehnten. Dafür als Nazi beschimpft zu werden, ist gefährlich, nicht nur für das Weltklima. Anne Kirkham, Bremen