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Nobelpreise:Immer eine Überraschung wert

Die Auszeichnungen für Literatur und Frieden waren so nicht erwartet worden, auch der Physik-Preis rief unterschiedliche Reaktionen hervor - eine Auswahl der Leserkommentare.

SZ-Zeichnung: Michael Holtschulte

(Foto: Michael Holtschulte)

Was bringt es für den Frieden?

Zu "Wunderliche Entscheidung" vom 10./11. Oktober:

Über die sehr differenzierte Beleuchtung der Problematik des Welternährungsprogramms (WFP) freue ich mich. Ich möchte jedoch einen Gedanken hervorheben: "Diese Hilfen ersetzen keine Politik (...) sie lindern Leid, aber sie lösen nichts." Sollen wir uns deswegen über die Entscheidung des Nobelkomitees wundern? Gerade diese beiden Gedanken unterstreichen in meinen Augen die Notwendigkeit und auch die Folgerichtigkeit dieser Hilfen. Falls hier die Fragezeichen die Oberhand gewinnen sollten, dann müsste ich auch zum Beispiel die aktuelle Rettung der im Meer schwimmenden Flüchtlinge und - auf einer völlig anderen Ebene - die immer notwendiger werdenden Not-Linderungen mit dem Angebot der Tafel in Frage stellen.

Der versuchte und tatsächliche Missbrauch dieser Hilfen an allen möglichen Ecken und Enden darf kein Grund für das "Nichts-Tun" sein. Im Gegenteil! Gerade die heutige, mit den noch mehr oder weniger bekannten Viren angereicherte Umgebung zeigt uns doch überdeutlich die Notwendigkeit: Wir müssen das Leid der Bedürftigen lindern - auch wenn nicht jede Hilfe an der richtigen Stelle landen kann.

Stephan Hansen, Ergolding-Piflas

Dieser wunderliche Kommentar zeigt wieder einmal die ungebremste Kritikfreudigkeit an positiven Entscheidungen für hungernde Menschen der Dritten Welt - ohne auch nur eine Alternativlösung aus dem übersättigten Deutschland vorzuschlagen. Natürlich ist es in den komplizierten Kriegsgebieten problematisch, an den politisch Mächtigen die Hilfen vorbeizuleiten. Aber besser den hungernden Menschen so zu helfen, als den Kriegstreibern tatenlos zu erlauben, ihre Bevölkerung leiden zu lassen.

Jürgen Knappworst, Cadolzburg

Herr Perras hat recht, wenn er befürchtet, dass Kriegstreiber wohl kaum zum Frieden bewegt werden können, wenn sie sich die Folgen ihres Tuns von anderen beseitigen lassen. Die Toten werden begraben, die Verletzten werden von Ärzte ohne Grenzen, dem Roten Kreuz und dem Roten Halbmond versorgt und die Hungernden eben vom WFP. Warum sollten denn die Mörder und Kriegstreiber dann aufhören? Sie haben weder Strafen durch den Internationalen Gerichtshof zu erwarten, wenn sie sich nicht gerade mit einer Weltmacht überworfen haben, noch werden sie für die anderen Folgen ihres Tuns zur Rechenschaft gezogen, denn dafür gibt's ja internationale Organisationen.

Dass die Verleihung von Nobelpreisen nicht jedermanns Geschmack sind, dass es gegen manche Entscheidungen nachvollziehbare Einwände geben kann, ist normal. Vielleicht liegt's auch an dem elitären Gremium, das die Entscheidungen fällt. Je kleiner das Gremium ist, umso mehr spielen persönliche Anti- oder Sympathien eine Rolle. Ob die Welt jetzt besser wird, weil die Institution jetzt einen Preis und ein paar Millionen Dollar zur Verfügung hat, muss ich stark bezweifeln. So lange unser Land vom "übersehenen" Friedensnobelpreiskandidaten Donald Trump ständig darauf hingewiesen wird, dass wir viel zu wenig in die Rüstungsindustrie stecken nach dem Motto "Frieden schaffen mit noch mehr Waffen", so lange nur ganz wenige für das Unrecht, was sie anderen antun (werden) zur Rechenschaft gezogen werden, wird auch der Friedensnobelpreis für "Ärzte ohne Grenzen", das "Rote Kreuz" und den "Roten Halbmond" nichts ändern.

Thomas Spiewok, Hanau

Unbekannte, aber gute Literatur?

Zu "Mein Freund, der Baum" vom 9. Oktober: "Blättert man in ,Wilde Iris'", schreibt Autor Lehmkuhl anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Louise Glück, "herrscht allerorten höchster Kitschalarm". Ja, so muss man sich den Tag eines Rezensenten wohl vorstellen, von der Verleihung an die völlig unbekannte Louise Glück überrascht wie wir alle. Da blättert man rasch in dem Band, den man in die Hand bekommen hat, und findet im zweiten Gedicht ein paar Zeilen, die einem "die Galle hochsteigen" lassen. Man kann dann wohl getrost das vielbändige Werk von knapp 60 Jahren ignorieren und mit einer guten Portion feuilletonistischer Überheblichkeit verkünden, dass die "literarischen Werte (...) mit dieser Preisentscheidung mit Füßen getreten" wurden. Manch einem, so möchte man den Rezensenten zitieren, steigt da die Galle hoch.

Hendrik Cyrus, Münster

Mehr Physik Schwarzer Löcher

Zu "Erkenntnis im Sternbild des Schützen" und "Sir Rogers unlesbare Folien" vom 7. Oktober:

Man darf Professor Reinhard Genzel zum Nobelpreis für Physik gratulieren. Mit seinem experimentellen Nachweis Schwarzer Löcher ist Albert Einsteins Relativitätstheorie einmal mehr bestätigt. Damit hat die Astrophysik eine Höhe erreicht, die auch mit größeren Teleskopen und Beschleunigern kaum noch zu überbieten ist. Denn von genaueren Messungen und Beobachtungen verschwindet das Grundproblem der Kosmologie nicht. Nämlich dass sich Relativitäts- und Quantentheorie nicht vereinen lassen, als ob der Mikrokosmos anders funktionieren würde als der Makrokosmos. Das Problem wird wohl nicht in der Forschung, sondern eher bei den Grundlagen der Physik zu lösen sein. An Fundamenten auch nur theoretisch herumzugraben ist Grobarbeit. Die wird Professor Genzel einem neuen Kopernikus einer anderen Generation überlassen müssen.

Stefan Silbernagl, Moorenweis

Wunderschön! Bereits in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat Hannah Arendt die Entdeckung und Anwendung des Teleskops durch Galileo Galilei und die damit einhergehende Verschmelzung von Astronomie und Physik zur Astrophysik als den Beginn und Durchbruch zur Neuzeit postuliert (mit allen erfreulichen Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen). Erkenntnisse aus dem Bereich der Theorien, Spekulationen und philosophischer Ideen seien so in Realiter erfassbar gewesen und hätten dann erst die Welt verändern können. Nicht die Idee, sondern das Ereignis verändert die Welt.

Nun lese ich über das "Very Large Telescope", das "Extremly Large Telescope" und das "Event Horizon Telescope", die damit einhergehende Bestätigung einer Theorie von Albert Einstein, die Verleihung des Physiknobelpreises und stelle mir vor, wie Hannah Arendt vergnügt in sich hineinlächelnd, mit dem alten Italiener ein kleines Tänzchen aufführt.

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Dr. med. Thomas Lukowski, München

Sir Roger Penrose besuchte, als er schon für den Nobelpreis im Gespräch war, im März 2007 als Gastredner die Internationale Deutsche Schule Brüssel (iDSB), deren Leiter ich damals war. Sein Vortrag war der Höhepunkt unserer Projektwoche "Begeistern für Naturwissenschaften - Zukunft ist jetzt!". Sir Roger entfaltete damals in der bis auf den letzten Platz gefüllten Schulaula mithilfe zweier Overheadprojektoren und mehrerer Stapel selbstgemalter Folien ein atemberaubendes Feuerwerk zu der Frage, was der Big Bang mit dem Parkettmuster eines maurischen Gotteshauses und den Oberflächenmustern M.C. Eschers gemeinsam hat. Für alle, die dabei sein durften, bot er ein unvergessliches Lehrstück aus der den meisten eher fremden Welt der theoretischen Physik.

Dr. Walter Karbach, LRSD i.R., Trier

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© SZ vom 24.10.2020
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