Neues Konzerthaus im Münchner Werksviertel:Schneewittchensarg mit Klimasorgen

SZ-Leser sind vor allem unzufrieden mit der rundum transparenten Fassade, die sich aufheizen und viel Energie verbrauchen werde.

Neues Konzerthaus im Münchner Werksviertel: Immer noch in der Kritik einiger SZ-Leser: Münchens geplantes Konzerthaus im Ostbahnhof-Werksviertel.

Immer noch in der Kritik einiger SZ-Leser: Münchens geplantes Konzerthaus im Ostbahnhof-Werksviertel.

(Foto: Simulation: Bloomimages Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT GmbH)

Zu "Digitales in Hülle und Fülle" und Kommentar "Wer hat, soll geben" vom 10. Juli sowie "Höher, heller, teurer" und Kommentar "Ein großes Leuchten" vom 9. Juli:

Glashaus mit Planungsfehler

Wie leider zu erwarten, haben sich die voraussichtlichen Kosten für das neue Konzerthaus gegenüber der ursprünglichen Planung inzwischen verdoppelt. Die Mehrkosten sind unter anderem durch eine Neugestaltung der Glashülle des in seiner Form an eine Großscheune erinnernden Baukörpers entstanden. Es fragt sich, warum die ursprüngliche Planung eines "Glashauses" überhaupt genehmigt wurde, ist doch gerade angesichts der Klimakrise allseits bekannt, dass Glashäuser wegen des Treibhauseffekts durchsichtigen Glases als Treibhäuser genutzt werden.

Wenn nun die teure Umgestaltung eines Teils der Außenwände in elektronisch bespielbare Bildschirmflächen mit dem Argument begründet wird, die Pandemie hätte gezeigt, wie wichtig Digitalisierung für die Kultur ist, so ist das lediglich der untaugliche Versuch, einen ganz offensichtlichen Planungsfehler zu kaschieren. Im Übrigen hat die Pandemie eindrücklich verdeutlicht, dass Digitalisierung ein menschengerechtes Leben mit Begegnungen und sozialen Kontakten nicht ersetzen kann.

In Ergänzung zu den insbesondere von Kulturschaffenden und deren Mäzenen immer wieder hervorgebrachten Argumenten (mit denen jede Kostenerhöhung von Kulturgebäuden entschuldigt wird), die Pandemie hätte gezeigt, wie wichtig der Kulturbetrieb ist, hat die Pandemie noch deutlicher gezeigt, wie unabdingbar die Herstellung und Verfügbarkeit gegenständlich vorhandener lebensnotwendiger Güter, die Ausbildung der Kinder, Jugendlicher und Studenten ist, die unsere Zukunft gestalten, und wie unabdingbar ein soziales Zusammenleben mit unmittelbaren Begegnungen ist. Digitalisierung ist häufig lediglich ein Hilfsmittel, das vom Wesentlichen ablenkt. Es ist zu befürchten, dass die digitale Glamourfassade des neuen Konzerthauses den Kern eines Konzertes, nämlich die Faszination, die von in einem Saal mit guter Akustik musizierenden Musikern ausgeht, und die Wechselwirkung zwischen dem Publikum und den Musikern in den Hintergrund drängt. Am Rande sei auf die voraussehbaren Schwierigkeiten verwiesen, die sich angesichts der durch die Pandemie hoch verschuldeten öffentlichen Kassen dadurch ergeben, dass ein Ausweichquartier für den Gasteig mit großem Konzertsaal, die Renovierung, das heißt genauer: der Teilneubau des Gasteigs und der Neubau des Konzerthauses finanziert werden müssen.

Dr. Heiko Barske, Seefeld

Strom aus der Glasfassade?

Im Bericht "Digitales in Hülle und Fülle" zum Konzerthaus wird über aufwendige Fassaden mit Leuchtelementen geschrieben. Gleichzeitig wird das Kühlungsproblem angesprochen, das man mit einem mehrschichtigen Fassadenaufbau in den Griff bekommen will. Der Betrieb wird sehr viel elektrische Energie kosten, denn ganz ohne Klimatisierung wird es nicht gehen. Hat denn keiner dieser berühmten und hochbezahlten Architekten je daran gedacht, dass diese riesige Fläche hervorragend dazu geeignet wäre, Solarelemente zu integrieren, mit denen massenhaft und rund ums Jahr Strom nicht nur für den Konzerthausbetrieb, sondern für viele Münchner Haushalte erzeugt werden könnte? Die Lage des Konzerthauses bietet sich geradezu an, dieses umweltfreundliche und bereits bewährte Konzept einzuplanen, da es von morgens bis abends (bei Sonnenschein) Energie erzeugen kann. Da kann ich als klimabewusster Leser nur enttäuscht sagen: Konzerthaus, quo vadis?

Gerhard Kadner, Wörthsee

Lieber transparent als düster

Es ist gut, dass die bayerische Staatsregierung nun das Projekt eines staatlichen Konzerthauses im Werksviertel beim Münchner Ostbahnhof endlich auf den Weg bringt und mit über 700 Millionen Euro viel Geld dafür in die Hand nehmen will. Dass sich der Freistaat nicht an der städtischen Gasteig-Interimsphilharmonie in Sendling beteiligt, wie von der SPD-Landtagsfraktion groteskerweise gefordert, ist nur verständlich. Viel zu schnell, schlecht und billig - gerade mal 40 Millionen soll die städtische Isarphilharmonie in Sendling gekostet haben - wurde da gebaut. Die Architektur dieser hässlichen, grauen, brutalistischen Schuhschachtelarchitektur der Isarphilharmonie, ein "Kultursarkophag", der im Inneren auch noch gänzlich schwarz gestaltet wird, ist architektonisch eine Schande für die Kulturstadt München - zumal der Bau kein Interim ist, sonder dauerhaft bleiben wird. Dann schon lieber ein teurer, transparent gestalteter Schneewittchensarg im Werksviertel.

Dr. Dirk Klose, München

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© SZ vom 14.07.2021
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