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Nazi-Vergleich:Flucht in Manierismen

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Ein Vergleich von Corona-Maßnahmen mit den Nürnberger Rassegesetzen hat der Schriftstellerin Marlene Streeruwitz viel Schelte eingebracht, auch von der SZ. Zu ihrer Replik äußern sich einige Leserinnen und Leser.

Zu "Aus Worten werden Taten" vom 12. Januar, einem Gastbeitrag von Marlene Streeruwitz in Reaktion auf die SZ-Kritik in "Die totale Analogie" vom 5./6. Januar:

Verharmlosender Vergleich

Der Versuch von Marlene Streeruwitz, ihren unerträglichen Vergleich der Corona-Maßnahmen mit den Nürnberger Rassegesetzen nun als sprachkritische Reflexion zu rechtfertigen, macht die Sache auch nicht besser. Die Nürnberger Rassegesetze waren der erste Schritt zur systematischen Verfolgung und anschließenden Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und in den im Kriegsverlauf besetzten Gebieten Europas. Das mit unvorstellbarer Grausamkeit und einem unverhohlenem Sadismus vollzogene Geschehen fußt auf jahrhundertealten antijüdischen Ressentiments, die in Hitlers "Mein Kampf" einen abscheulichen Gipfelpunkt erreicht hatten. Die Nürnberger Rassegesetze sind ein Schritt hin zur verbrecherischen Legalisierung des von der Mehrheit der Mitwisser geduldeten Mordbrennens.

Dieses Geschehen zu verharmlosen, dazu trägt der Vergleich mit den aus nachvollziehbaren Gründen verordneten Maßnahmen zum Gesundheitsschutz von der angeblich so sprachbewussten Autorin bei. Die sprachlichen Manierismen in ihrem Text können die Anstößigkeit ihres Vergleichs weder verschleiern noch rechtfertigen.

Gottfried Wolf, Fellbach

Über den Tellerrand blicken

Corona macht alles Mögliche mit uns, aber dass es uns in Brei verwandelt, davor hatte ich bislang keine Angst. Auch habe ich schon vor Corona leise geahnt, dass wir regiert werden. Wie gut, dass mir das Marlene Streeruwitz jetzt bestätigt. Sie hat es nämlich durch die monatelange Erfahrung der Corona-Maßnahmen auch gemerkt: "Wir sind Regierte geworden." Uiuiui.

Dass wir Regierte sind, ist üblich in der parlamentarischen Demokratie. Offensichtlich hat Frau Streeruwitz vor der Pandemie ein so privilegiertes Leben gelebt, dass sie weder Unfreiheit noch Ausbeutung oder gar Unterdrückung gemerkt hat, nicht in ihrem Leben und schon gar nicht bei anderen Menschen. Das mag auch erklären, dass sie die Corona-Maßnahmen mit den Nürnberger Rassegesetzen vergleichen konnte. Sie hat offenbar keine Ahnung von einem Leben unter den Nazis und deren Rassegesetzen.

Wie klein ihre Welt ist, zeigt sich auch daran, dass sie - wegen der Regionalität der Corona-Maßnahmen - meint, jemand in München könne nicht wissen, wie sie (inzwischen) in Wien leben "muss". Die Herrschaftsformen seien zu verschieden geworden. Wie kommt man darauf? Jeder kann inzwischen wissen, wie man auf der ganzen Welt leben muss unter Corona-Bedingungen, dank Internet.

Corona sei die Gelegenheit für demokratisches Sprechen. Dem ist beizupflichten, aber dafür braucht es auch eine Sicht über den eigenen Tellerrand hinaus.

Nadja Rakowitz, Maintal

Eigentliches Thema umschifft

Frau Streeruwitz tut so, als könne sie dieses "Unbehagen", das die Sprache der Virologen angeblich hervorruft, genauer fassen und dechiffrieren. Aber das tut sie in dem Artikel nicht. Stattdessen gibt sie sich gestelzt literarisch - " ... bilden sich in der EU ab. Und. Regionalerweise." Was soll das!? Der Text verliert sich in Beliebigkeiten, in absichtlich hingeworfenen Halbgedanken und Trivialitäten. Ja, die kleine Hanna würde gerne eine Freundschaftsparty feiern, und wer hätte dafür nicht Verständnis. Ja: "Alles ist eine Frage der Sprache und des Sprechens."

Auf eins kommt Frau Streeruwitz mit Bedacht allerdings nicht zu sprechen. Auf ihre unsäglich peinliche Behauptung, die Corona-Maßnahmen könne man mit den Nürnberger Rassegesetzen vergleichen von wegen "Entzug der Bürgerrechte". Stattdessen vermischt sie Anmerkungen zu Demokratie und Masse und greift damit zu einem der ältesten Hüte, die man sich aufsetzen kann; und sie schwenkt den Scheinwerfer auf das rechte Lager: Trump, Haider etc., da geht immer was, wenn man Aufsehen braucht - und sie spielt mit dem letztlich absurden Gedanken, dass zum Lockdown auch noch Denkverbote hinzukommen könnten. Geht es nicht eine Nummer kleiner? Und nebenbei: Sind Gedanken nicht per se frei? Man möchte ihr zurufen: Hören Sie auf abzulenken, fassen Sie sich, ordnen Sie ihre Gedanken, und dann schreiben Sie. Am besten, indem Sie bei der Sache bleiben (zum Beispiel Bürgerrechte!).

Eckhard Hooge, Melle-Buer

Auf die Sprachwahl achten

Seit Langem ärgere ich mich über die manchmal verharmlosende Ausdrucksweise im Umgang mit Themen unserer NS-Vergangenheit. In "Die totale Analogie" schreibt Alex Rühle in einer Kritik an einem Stück der Schriftstellerin Streeruwitz, Sophie Scholl sei von der Gestapo verhaftet, verhört und vier Tage später hingerichtet worden. Meine Meinung ist, dass niemand von den Nazis gerichtet wurde, denn meines Wissens hat das Wort "richten" unter anderem auch mit Gerechtigkeit zu tun. Meiner Meinung nach wurde jeder, der in dieser Zeit unter Mitwirkung der Justiz oder gleichartiger Institutionen - ich denke da an sogenannte Feld- oder Standgerichte - sein Leben lassen musste, von den Nazis ermordet wurde. Dabei ist egal, ob es sich um Mitglieder der Weißen Rose, Stauffenberg, Canaris, Walter Benjamin, Georg Elser, die Gebrüder Sass oder unzählige unbekannte und namenlose Deserteure, sogenannte Plünderer oder sonstige als "Volksschädlinge" bezeichnete Personen handelte.

Volkmar Seiler, München

© SZ vom 26.01.2021
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