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Mathe-Abitur:Kopfzerbrechen

War es zu schwer oder waren die Schüler zu schlecht? Oder lag es am mangelnden Sprachverständnis oder gar an weltfremden Fragestellungen? SZ-Leser streiten darüber.

SZ-Zeichnung: Denis Metz

Zu "Zwei Klassen" vom 11./12. Mai und "Es gab einfach zu viel zu lösen" vom 9. Mai:

Die Büchse der Pandora

"Macht alle mit! Vielleicht bekommen wir bessere Noten!", lautete die Aufforderung eines Schülers im Internet kurz nach dem Mathe-Abitur. Die Petition, in der sich Schüler über das angeblich zu schwere Mathe-Abitur beschwerten, war auf den Weg gebracht. Mag sein, dass einigen Schülern das Mathe-Abitur heuer zu schwer vorkam. Das aber ist nichts Außergewöhnliches. Es ist nachvollziehbar, dass sich viele Schüler in kurzer Zeit dieser Protestaktion anschlossen, um vielleicht eine bessere Note zu erreichen. Auch die große Zahl von 65 000 Unterstützern lässt nicht unbedingt den Schluss zu, dass die Aufgaben heuer unverhältnismäßig schwer waren.

Verwunderlich ist, dass die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und das Kultusministerium sofort ansprangen und, noch bevor die Arbeiten korrigiert sind, eine genaue Prüfung zusicherten. Die GEW stellte sogar eine Anhebung der Noten in Aussicht. Etwas mehr Gelassenheit wäre hier wünschenswert gewesen. Mittlerweile mehren sich nämlich die Stimmen der Fachleute, die das Mathe-Abitur für absolut angemessen halten. "Probieren kann man's ja. Mal schaun, ob's was bringt", war wohl das Motto vieler Unterstützer der Petition. Fatal, wenn das Kultusministerium nachgeben würde. Denn damit wäre die Büchse der Pandora geöffnet.

Josef Geier, Eging am See

Allgemein schwaches Niveau

Leider sind die Mathekenntnisse der Schulabgänger zu schwach. Viele Schulabgänger beherrschen nicht einmal die Grundrechenarten. Schuld daran sind nicht die Schüler, sondern unser Mathe-Lernsystem, das vom Kultusministerium festgelegt wird. Die Lehrer sollten sich mehr Zeit nehmen, bis mindestens 80 Prozent der Schüler die Grundrechenarten beherrschen. Wenn es klappt, würden viele Schüler gerne Mathe lernen und manche sogar studieren.

Dr.-Ing. Dipl.-Inform.Vinod Talgeri, Bietigheim

Weltfremde Fragestellungen

Wenn ich in die Mathe-Abituraufgaben hineinlese, steigt Wut in mir auf. Dass alle Abiturienten auch heute noch mit so einem weltfremden Schmarrn gequält werden, ist einfach nur eine bodenlose Verschwendung intellektueller Ressourcen. Statt mit diesen völlig vom Leben abgekoppelten Fragestellungen sollten sich unsere Schüler lieber ausreichend mit den Themen der anderen Fächer beschäftigen können - die sind wirklich für das weitere Leben wichtig. Eine neue Petition sollte sich der Abschaffung dieser für die allermeisten Abiturienten unsinnigen und quälenden Mathe-Esoterik widmen!

Wie früher bei Latein, sollte eine Abwahl der Mathematik nach der 10. Klasse möglich sein. Bis dahin sind alle Grundregeln der Arithmetik, Geometrie und Statistik gelernt.

Prof. Dr. med. Hans Wolff, Ebersberg

Mit Schülern viel üben

Dass die Schüler nach dem mich extrem überraschenden Erfolg der Freitagsdemos während der Unterrichtszeit sogar vom Kultusminister eher gelobt wurden und nun Ähnliches für ihr Mathe-Abitur versuchen, ist aus Schülersicht verständlich. Aber: Als Lehrer, der 40 Jahre vor Gymnasiasten stand und nie eine Beschwerde bei der Schulleitung oder gar beim Ministerium bekam, frage ich mich, was tun? Nachgeben, wie es die Vorsitzende der Grund- und Mittelschulen durchscheinen lässt, verwundert mich schon. Sollte das geschehen, dann wird das Abitur bald noch weniger wert sein als zu meiner Zeit, wo im Heimatdorf mein Bruder - Notar - gefragt wurde, ob er nun Inspektor sei. Ich war mit 2,00 Notendurchschnitt im Abitur 1960 der Zweitbeste unter 30 Mitschülern, heute ist der Landesdurchschnitt des bayerischen Abiturs um die 2,4, das heißt, die Note 3 wird wohl nicht so voll befriedigen können.

Voll gleich und gerecht ist keine Note, sie wird bei zunehmender Schwierigkeit eher zu gut oder schlecht erteilt als beim kleinen Einmaleins. Ein kluger Lehrer wird schon, um sich Ärger zu ersparen, keine Note 5 (nach altem Schema) geben, wenn die Note 4 bei nur einem halben Fehler weniger noch gegeben wird. Jedenfalls habe ich in solchen Fällen immer versucht, die Differenz größer zu machen oder selber einen Pluspunkt zu finden. Umgekehrt sagte ich dem letzten Note-4-Schüler, dass er Riesenglück habe.

Mein Ziel als Lehrer war, möglichst viel mit den Schülern zu arbeiten, nicht in endlosen Sitzungen um halbe oder ganze Fehler zu streiten - die zentrale Abituraufgabe bedeutet mindestens 15 Stunden Unterrichtsausfall bei jedem der in Bayern abiturerfahrenen Kollegen, die ja an den Besprechungen nicht am Wochenende, sondern während der Unterrichtszeit teilnehmen.

Hubertus Plenk, Studiendirektor,München

Höchste Allgemeinbildung

Erstaunlich, ja unglaublich ist die Aussage von Hartmut Stäker, dem Präsidenten des Brandenburger Pädagogenverbandes, im Artikel "Es gab einfach zu viel zu lösen": Demnach besteht im Kreis der Kultusminister keine Klarheit darüber, "was das Abitur überhaupt ist. Soll es der höchste Abschluss der Allgemeinbildung sein oder der niedrigste Abschluss einer Spezialbildung?" Man wundert sich, dass man diese Frage überhaupt stellen und gar unterschiedlich beantworten kann. Vor Jahrzehnten war es für Lehrer, Eltern und uns Schüler selbstverständlich, dass das Gymnasium Allgemeinbildung zu vermitteln und die Schüler zu selbständigem Denken und Handeln zu erziehen hat.

Dr. Jürgen Harbich, Feldkirchen-Westerh.

Ignoranz der Profis

Wenn Hartmut Stäker als Mathematiklehrer für die Abituraufgaben 2019, bezogen auf das Pensum der Abiturienten, 7,5 Stunden benötigt, während den Prüflingen lediglich fünf Stunden zur Verfügung stehen, ist das allein schon ein Skandal erster Güte. Erschwerend kommt hinzu, dass der Lehrer nach eigenen Angaben mitunter bei den ihm vorliegenden Lösungen "kiebitzte" oder seine Tochter anrief, die Profi-Mathematikerin ist. Außerdem konnte er ohne große Aufregung in den heimischen Räumen arbeiten und war keinem Leistungsdruck ausgesetzt. Wie derselbe Lehrer dann ein gerechtes Heraufsetzen von Noten als "praktisch unmöglich" deklariert, ist an Ignoranz kaum zu überbieten.

Gerhard Fink, Putzbrunn

Sprachkompetenz war gefragt

Wenn mehr als 60 000 Menschen eine Online-Petition unterzeichnen, von der nur etwa 37 000 Abiturientinnen und Abiturienten betroffen sind, dann sind da sicherlich auch Personen dabei, die sich nicht ansatzweise mit der Abituraufgabe beschäftigt haben. Wenn man die bayerischen Abituraufgaben der letzten Jahre im G 8 objektiv vergleicht, so weichen die Ansprüche nur wenig voreinander ab. Ärgerlich ist die Unterstellung, dass auch Lehrkräfte an diesen Aufgaben gescheitert wären. Absurd ist zudem die Forderung, kritische Aufgaben aus der Korrektur herauszunehmen, bevor die Korrekturergebnisse vorliegen; das bestraft die SchülerInnen, die diese Aufgaben richtig gelöst haben.

Was heuer ein wenig anders war: Es gab mehr Text, durch den man sich zur eigentlichen Mathematik vorarbeiten musste. Man darf gespannt sein, ob es eine solche Petition auch für das Fach Musik geben wird, wenn im Abitur 2019 mehr Notenzeilen vorkommen als in den Vorjahren.

Das sinnerfassende Lesen und Verstehen sowie die Umsetzung in die mathematische Aufgabenstellung brauchte heuer etwas mehr Zeit. Das Problem hatten deshalb mehrheitlich die Schüler und Schülerinnen, die ihre Schwierigkeiten eher im Deutschen haben und nicht in der Mathematik, die selbst definitiv nicht schwieriger war als im Durchschnitt der letzten Jahre. Aber wer mit Inhalt und Länge des Textes nicht so gut zurechtkam, kam gar nicht erst bis zur Mathematik.

In allen Lehrplänen wird auf die Wichtigkeit der Sprachkompetenz hingewiesen; man könnte also die Textlastigkeit des Mathe-Abiturs guten Gewissens unter der Rubrik Allgemeinbildung einordnen. Die Beherrschung des Deutschen ist nun mal die wichtigste Schlüsselqualifikation fürs Abitur und darüber hinaus.

Gisela und Rainer Pippig, Neuried