Leserbriefe: Corona-Impfung:Wenn Anreize nicht überzeugen

Wie lassen sich Impfunwillige zum Umdenken bewegen? Den Beschluss, Corona-Tests ab dem 11. Oktober kostenpflichtig zu machen, halten einige Leser für den falschen Weg. Bei einer möglichen Pflicht gehen die Meinungen auseinander.

Symbolbild Corona-Impfung. Zwei Impfdosen und der Eintrag der ersten und zweiten Corona-Impfung in einem Impfpass einer

Um die Impfbereitschaft (im Bild Impfdosen des von Pfizer/Biontach) zu steigern, sollen Corona-Tests vom 11.Oktober an kostenpflichtig sein.

(Foto: imago images)

Leserbriefe zu "Die Brücke aus der Pandemie" im Ressort Wissen vom 7./8. August und "Gerechtigkeit für Geimpfte" im Meinungsressort vom 9. August:

Warum die Bratwurst nicht zieht

Das Thema Corona beschäftigt uns alle seit mehr als eineinhalb Jahren intensiv: persönlich, privat, beruflich. Und so auch die vielen Themen drumherum, unter anderem das Impfen. Und weil uns Corona auch persönliche Einschränkungen gebracht hat, erlebe ich nun nach dieser langen Zeit auch zunehmend die Verärgerung, den Unmut oder auch die Unzufriedenheit im privaten, aber auch beruflichen Kontext über diese weiterhin bestehenden Einschränkungen.

Die Behauptung, dass eine Minderheit "zu träge" sei, sich mit dem Thema Impfung auseinandersetzen, weil diese sich noch nicht hat impfen lassen, kann man als sehr wertend sehen. Für mich ist sie einfach unsachlich. Auch ich bin mit vielem nicht mehr einverstanden. Aber als demokratisch Denkender bin ich zumindest noch nicht so weit in meinen Gedanken. Ich habe mich bisher nicht impfen lassen und gehöre damit zu dieser genannten "trägen Minderheit". Meine Auseinandersetzung mit dem Thema Impfung würde den Rahmen sprengen, aber ich habe mich aus meiner Warte intensiv damit befasst, belesen und beschäftigt. Und eben aus diesen bisherigen Erkenntnissen abgewogen. Und man wird mir auch zukünftig erst einmal nicht mit einer Bratwurst den Anreiz schaffen können, dass ich mich doch impfen lasse.

Dass die Mehrheit unter den Einschränkungen leidet, da kann ich noch mitgehen, wenngleich "leiden" ein sehr harter Begriff ist und die Einschränkungen sicherlich in unterschiedlicher Schwere bewertet werden. Dass die Mehrheit aber unter einer "trägen Minderheit" leidet, weil diese (noch) nicht geimpft ist, ist allein schon deswegen paradox, weil trotz diverser Minderheitenrechte hier die amtierende Regierung die Regeln aufstellt, die von einer Mehrheit der Bevölkerung gewählt wurde.

Andreas von Weber, Seefelden

Voruntersuchungen fehlen oft

Die elementarsten Voraussetzungen, unter denen ein Mensch - den ärztlich dafür geltenden Vorschriften folgend - geimpft werden darf und/oder kann, werden in der Corona-Impfpraxis oft missachtet. Stattdessen wird an Supermärkten, auf Volksfesten und Parkplätzen im Sinne der gewünschten Impf- und Gewinnmaximierung per umgesetzter Impfstoffdosis jeder, der gerne reisen, ins Kino, Konzert oder Lokal gehen möchte, ohne notwendige Voruntersuchung geimpft, um dadurch eine vom Gesetzgeber zugestandene "Freiheit" zu erlangen.

Ob sein physischer oder psychischer Zustand eine Impfung gestattet oder nicht, spielt hierbei keine Rolle. Damit werden die Grundvoraussetzungen jeder Impfung, die dem Impfling ausschließlich Schutz vor der jeweiligen Ansteckung und Erkrankung sowie Verhinderung der Erregerausscheidung gewähren sollen, bei höchstmöglicher, bewiesener Verträglichkeit des jeweiligen Produktes, außer Acht gelassen. Diese grundlegenden Voraussetzungen für jede erfolgreiche Impfung sind im Falle der eingesetzten Covid-Vakzine ganz offensichtlich bestenfalls marginal bekannt und berücksichtigt.

Wenn dann, wie von Herrn Bartens, allen Menschen, die sich diesem propagiertem, unprofessionellem Impfprozedere aus guten, individuellen Gründen versagen, dafür pauschal "Bequemlichkeit" vorgeworfen wird, unter der die offenbar schutzbedürftigen Geimpften zu leiden hätten, so ist dies - zumal von einem Mediziner geäußert - schlichtweg beschämend.

Prof. Dr. Dr. Peter Thein, Altomünster

Irrationale verhindern Freiheit

Als Arzt im Bereich hochgefährdeter Patienten muss ich den Kritikern des oben genannten Artikels entschieden widersprechen. Wenn eine große Bevölkerungsgruppe aus Dummheit, Unwissenheit, oder durch verschwörungstheoretische Agitation fehlgeleitet, eine der am besten verträglichen, mittlerweile millionenfach bewährten und risikoärmsten Impfungen verweigert, dann trägt diese Gruppe dazu bei, dass die Pandemie in absehbarer Zeit nicht beendet werden wird. Wir sehen das gerade daran, wie die Delta-Variante um sich greift und die Pandemie erneut antreibt.

Impfverweigerer verhöhnen all jene, die sich seit mehr als einem Jahr täglich mit zum Teil hohem persönlichen Risiko sowie großem persönlichem und organisatorischem Einsatz darum bemühen, das öffentliche Leben und das Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten, welches von den Impfverweigerern aber mit Sicherheit sofort in Anspruch genommen wird, wenn sie selbst von einer bedrohlichen Infektion betroffen sein sollten. Das Wort asozial ist in diesem Zusammenhang folglich keineswegs übertrieben, man sollte noch "egoistisch" und "gleichgültig" ergänzen. Die Abschaffung der von der Allgemeinheit finanzierten kostenlosen Schnelltests, mit denen Ungeimpfte Zugang zu normalen Lebensumständen erhalten, wäre ebenso wirksam wie dauerhafte Einschränkungen aller ungeimpften Personen im Alltag. Leider ist ein Teil der politisch Verantwortlichen, vermutlich aus Wahltaktik, nicht bereit, hier konsequent zu handeln. Und so wird der Freiheitsbegriff von einer irrationalen Minderheit auf Kosten der Freiheit der rational denkenden und empfindenden Mehrheit der Bevölkerung leider ad absurdum geführt.

Christoph Hillebrand, Neckargemünd

Neue neutrale Debatte führen

Es gibt bereits sehr viele Argumente pro und contra eine Corona-Impfung. Als "neutraler" Beobachter frage ich mich schon immer mehr, was davon "Fake or News" sind. Die Spaltung der Gesellschaft ist bereits sehr weit gediehen, und wohin das führen kann, könnte uns die Vergangenheit ja lehren - wenn wir daraus lernen wollten. Ich erlebe zwei "Lager", die sich immer stärker polarisieren, und jeder beansprucht "die Wahrheit" für sich.

Warum kann nicht ein wirklich offener wissenschaftlicher Diskurs stattfinden und Klärung bringen? Haben etwa beide Seiten Angst, das Gesicht zu verlieren? Erkennen müssen, dass "man" sich in einer Sackgasse befindet und nicht mehr herauskann? Was ist Wissen, und was sind Meinungen? Man könnte es auch (beidseitige) Befürchtungen nennen.

Um den sozialen Frieden nicht ganz zu verlieren, sehe ich einen möglichen Ausweg in einem breit angelegten und neutral geführten öffentlichen Diskurs mit überprüfbaren Argumenten, mit beidseits anerkannten Studien (auch wenn einige erst erstellt werden müssen) - und bis dahin mit einer Art Stillhalteabkommen).

Die Ergebnisse können danach auch unterschiedliche Ansichten sein (auch das ist Wissenschaft), aber auf Fakten beruhend. Zu befürchten ist nur, dass die derzeitigen Statistiken mangelhaft sind und konkrete Erkenntnisse mit diesen Daten nicht mehr möglich sind. Dies würde dann leider eine langwierige Informationsbeschaffung bedingen. Die Zuseher, -leser, -hörer können dann für sich abwägen und entscheiden, welchem Argument sie sich anschließen.

Dr. Norbert Obermayr, Linz/Österreich

Zwingen aus Verzweiflung?

Solidarität in unserer Gesellschaft kann nur bedeuten, alle Menschen mitzunehmen - diskriminierungsfrei und mit niederschwelligen Angeboten. Wenn ab Oktober die Corona-Tests kostenpflichtig werden sollen, werden Menschen aus unterschiedlichen Gründen ausgegrenzt, und es findet eine Ungleichbehandlung statt - staatlich organisiert. Die Gründe sind aus staatlicher Sicht vielleicht nachvollziehbar, aber die Maßnahme wird nicht zum Ziel führen und ganz nebenbei viele Menschen diskriminieren und zusätzliche Kosten erzeugen. Ein monetärer Impfzwang als politische Verzweiflungstat - nicht nur für die "gesellschaftliche Teilhabe", sondern zukünftig auch für Krankenhausbesuche, Altenheimbesuche und Behördengänge - bei dem zu viele Fragen unbeantwortet bleiben: Was ist mit Menschen, die sich den Test zukünftig nicht leisten können? Wie sollen die Kontrollen erfolgen, wer Anspruch auf einen kostenfreien Test hat und wer nicht? Welchen Nachweis müssen Risikogruppen erbringen, die sich nicht impfen lassen können, und wie werden diese von Impfgegnern unterschieden?

Überzeugt man Impfgegner durch zusätzliche finanzielle Belastung? Ein Teil der Gesellschaft wird sich nicht impfen lassen können oder wollen - und hoffentlich auch nicht erpressen lassen. Wir müssen lernen, damit zu leben - mit vielfältigen Maßnahmen (für unterschiedliche Bedürfnisse) -, und die Ursachen bekämpfen.

Steffi Weinert, Zierenberg

Suche nach einem anderen Maßstab

Zu "Rechnen, bis der Arzt kommt" im Ressort Politik vom 30. Juli: Die Inzidenz von Corona-Infektionen ist nach wie vor die wichtigste Metrik der Pandemie. Warum, jetzt wo wir doch so viel geimpft haben? Erstens: Je höher die Inzidenz, desto mehr Viren sind "im Umlauf", desto mehr Virus-Mutationen entstehen, desto größer die Chance einer Variante, die am Impfstoff besser vorbeikommt. Zweitens: Je höher die Inzidenz, desto mehr Ansteckungen, auch unter bislang Ungeimpften wie zum Beispiel Kindern; in den USA kann man schon sehen, was das heißt: mehr Kinder als je zuvor mit Covid-19 auf den Intensivstationen, vor allem in Staaten mit hoher Inzidenz. Drittens: Auch wenn die momentanen Impfstoffe noch gut vor einem schweren Krankheitsverlauf schützen, weiß niemand, was die Langzeitwirkungen einer "leichten" Covid-19-Erkrankung wirklich sind. Und noch etwas jenseits der Inzidenz: In Deutschland scheint niemand wahrhaben zu wollen, was in den USA ebenfalls schon belegt ist: Geimpfte, die an der Delta-Variante "leicht" erkranken, können andere durchaus genauso infizieren wie Ungeimpfte.

Peter Fröhlich, München

Wenn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und andere sagen, die Zahl der Einweisungen ins Krankenhaus sei aussagekräftiger als die Inzidenz, dann heißt das im Klartext, dem zurzeit schon wieder exponentiellen Wachstum der Infektionen so lange zuzuschauen, bis die Folgen richtig schlimm werden. Bei der jetzigen Zuwachsrate werden wir kurz vor der Bundestagswahl ähnliche Inzidenzen wie in England haben. Will Spahn sich dann hinstellen und sagen, das sei doch nicht so schlimm?

Axel Lehmann, München

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© SZ vom 17.08.2021
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