Klimawandel:Für diese Krise gibt's  keine Feuerwehr

Lesezeit: 3 min

Ist es schon zu spät, um gegen die Erderwärmung anzukämpfen, und sollten sich die Staaten lieber gleich damit befassen, wie sie die Folgen der Klimakrise bewältigen? Dazu drei Leserkommentare.

Klimaaktivisten setzen Autobahnblockaden fort

Protest gegen Lebensmittelverschwendung: Klimaaktivisten bei einer Autobahnblockade in Berlin.

(Foto: Carsten Koall, dpa)

"Einblicke ins Möglichkeitsfenster" vom 7. /8. Mai:

Wohlstandsegoismus

Unser Wohlstand, unser Wohlergehen, sie beruhen auf dem Elend anderer. Und während wir uns berechtigte Sorgen darüber machen, wie warm wir über den anstehenden Winter kommen und wie wir unsere Schwimmbäder temperieren sollen, kappen die Hilfsorganisationen in den Ländern des globalen Südens das Essen bei den Hungernden, um Verhungernde zu retten. Mitunter im Angesicht von Feldern, auf denen für uns Europäer billig(st) Blumen, Beeren, Obst und Futtermittel angebaut werden, obwohl es doch sinnvoller wäre, dort Getreide und Gemüse für die eigene, hungernde Bevölkerung anzubauen. Ihr Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen, eigene Märkte entwickeln zu lassen, anstatt diese zu zerstören und mit fragwürdiger Entwicklungshilfe heuchlerisch und für uns gewinnbringend wieder aufzubauen. Zumal wir auch vieles von dem, was wir durch unseren Import anderen wegnehmen, bei uns achtlos wegwerfen und vernichten - im Angesicht derer, die ihre physische Existenz nur durch den Gang zu den Lebensmitteltafeln und Kleiderbörsen bestreiten können. Vorbei an den Discounter-Abfalltonnen - angefüllt mit zur Vernichtung bestimmten, essbaren Lebensmitteln, die man nicht "containern" darf. Pekuniärer Wohlstand ist schön. Er schmerzt aber. Wenn er nicht untermauert ist mit Anstand gegenüber uns Menschen, unseren Erzeugnissen und der uns umgebenden Natur.

Josef Gegenfurtner, Schwabmünchen

Abschied vom Überfluss

Nach meiner Ansicht steht nicht unmittelbar ein Abschied vom Wohlstand bevor. Vielmehr eine Reduzierung des Überflusses. Der Kleiderschrank muss nicht überfüllt sein. Zu Hause essen geht auch, und vielleicht ist auch ein Urlaub im Jahr ausreichend. Endlich auch die Chance für unsere Politik zum Umdenken: Entwicklungshilfe geht auch mal im eigenen Land. Auch müsste dringendst darüber nachgedacht werden, für welche Notwendigkeit Steuergeld ausgegeben wird und wofür nicht - wird etwas dringendst benötigt oder kann auf Überflüssiges verzichtet werden? Zu begrüßen wäre ein Ressort für Controlling, um Steuergeld sinnvoll einzusetzen.

Stefan Herb, Roding

Wir reiten ein totes Pferd

Nahezu alle Beiträge, die sich irgendwie mit dem Klimawandel befassen, vermitteln den Eindruck, man könne ihn noch abwenden, wenn wir uns hier in Deutschland nur genug anstrengen. Nachhaltig leben, Ressourcen schonen, Energie sparen, unabhängig von russischen Energielieferungen werden - sehr schön! Zum Schutz vor dem Klimawandel. - Echt?

Der Beitrag, den Deutschland dazu leisten kann, den von ihm und den anderen Industriestaaten ausgelösten Klimawandel noch einzufangen, ist marginal. Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Entscheidung zum Klimaschutzgesetz des Bundes herausgearbeitet, dass es nur Sinn ergibt im Zusammenwirken aller Staaten, wie es im Pariser Abkommen festgeschrieben ist. Festgeschrieben? Wer das zur Grundlage seiner Klimaschutzpolitik macht, muss auch die Annahme zur Grundlage machen, dass zum Beispiel Russland völkerrechtliche Verpflichtungen verlässlich einhält. Ungemein realistisch, wie wir gerade erleben. Der Tritt, den der neue Hunnenkönig dem Völkerrecht verpasst hat, zwingt zum Umdenken; denn er hat die Grundlage zerstört, auf der das Ringen um das 2-Grad-Ziel steht: das Vertrauen in globale Absprachen.

Die Welt wird nicht untergehen, aber die Welt, wie wir sie kennen, schon. Nur wer sich darauf rechtzeitig vorbereitet, hat gute Chancen, gut zu überdauern. Wer weiter versucht, ein totes Pferd zu reiten, verschwendet Geld und - schlimmer - Zeit. Wenn wir heute die bisherige Energiepolitik als Fehler erkennen, dann sollte man den Fehler zu ignorieren, was zu sehen ist, nicht noch einmal machen. Daraus folgt die womöglich folgenschwerste Zeitenwende: der notwendige Paradigmenwechsel vom Kampf gegen den Klimawandel hin zum Kampf gegen die Folgen des Klimawandels. Auch das ist in der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts angelegt.

Was uns die vergleichsweise harmlose Krise durch die Pandemie gezeigt hat, ist das Unvermögen der öffentlichen Seite, damit umzugehen. Nicht nur, weil sie noch immer nichts tut gegen die Konzentration der Globalisierungsgewinne bei gleichzeitiger Sozialisierung von deren Risiken, die den heutigen und künftigen Steuerzahlern aufgebürdet werden. Es kommt hinzu, dass ihr operativer Horizont der der Freiwilligen Feuerwehren ist, für raumgreifende Großkrisen nicht geeignet. Das Festhalten an den kleinteiligen Strukturen aus der Postkutschenzeit steht einem vernünftigen Umgang mit Erkenntnissen, also Daten, im Weg. Wie wird das werden, wenn die Schrecken des Klimawandels über uns hereinbrechen, der als Asteroideneinschlag in Zeitlupe beschrieben wird? Das dürfte der Grund gewesen sein, warum sich Professor Oleg Anisimov, der Leiter der russischen Delegation beim Weltklimarat, dafür entschuldigt hat, dass es nicht gelungen ist, den Einmarsch in die Ukraine zu verhindern - das war wirklich mutig.

Um zu retten, was zu retten ist, bräuchte es eine Koordination des Ressourcen-Managements der Länder, die sich trauen, sich aufeinander einzulassen. Dafür bräuchte es nicht nur verlässliche Regeln, sondern auch vertrauenswürdige Institutionen - die große Aufgabe der zivilisierten Welt.

Georg Schmid-Drechsler, München

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