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Klimakrise:Muss ein Tempolimit her?

Werkstatt Demokratie

Im SZ-Format "Pingpong der Positionen" tauschen Redaktion und Leser ihre Argumente aus. SZ-Autorin Christina Kunkel hat für ein Limit geworben. Leser Oliver Niebling kontert.

Die SZ hat Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, eine Gegenrede zum Kommentar "Freie Fahrt ins Verderben" vom 18. Oktober zu verfassen. Für das SZ-Format ,,Pingpong der Positionen" haben wir unter den Einsendungen einen prägnanten Text ausgewählt, auf den die SZ-Autorin antwortet.

Sehr geehrte Frau Kunkel,

die Diskussion über ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen ist doch fern jeder Realität und wird nur von Leuten angeregt, die so gut wie nie auf Autobahnen unterwegs sind! Als Vielfahrer auf Autobahnen wäre ich froh, wenn ich 120 km/h fahren könnte, doch das ist zu normalen Zeiten überhaupt nicht mehr möglich. Ein Durchschnittstempo von 80 bis 90 km/h ist eher die Regel als die Ausnahme!

Gefühlt haben wir in Baden-Württemberg eh schon überall ein Tempolimit und alle paar Kilometer eine Baustelle mit Tempo 60 bis 80. Kommt dann wirklich mal ein unlimitiertes Stück, lebt der Deutsche sofort sein Recht auf "freie Bahn für freie Bürger" aus und blockiert selbst mit einem Kleinstwagen oder Transporter die linke Spur, sodass auch dann nicht schneller gefahren werden kann. Und mal ehrlich, wenn nachts zwischen zwei und vier Uhr der Verkehr nachlässt und ein paar wenige dann schneller unterwegs sind, dann schadet dies unserem Klima weitaus weniger als die ständige Stausteherei. Hier werden Millionen Liter Sprit jeden Tag unnötig verbrannt, vom volkswirtschaftlichen Schaden ganz zu schweigen.

Wenn sich unsere tollen Politiker nicht in klimatisierten Luxuslimousinen mit Chauffeur und Personenschutz mit Blaulicht auf dem Standstreifen fortbewegen würden, sondern wie viele normale Berufstätige jeden Tag die Autobahn nutzen müssten, mache ich jede Wette, hätten wir durchweg achtspurige Autobahnen und die unzähligen Baustellen wären in einem Bruchteil der Zeit fertiggestellt.

Untragbar sind für mich die vielen Egoisten auf den Straßen, welche die Straßenverkehrsordnung nur als Empfehlung ansehen. Die in jedem kleinen Stau pausenlos die Fahrspur wechseln und dadurch unnötige Bremsmanöver und noch mehr Stau produzieren. Die beim Enden von Fahrstreifen schon beim ersten Schild nach rechts drücken und den Stau dadurch künstlich verlängern. Die bei einer Stauauflösung schlafen und weiterschleichen und den nachfolgenden Verkehr aufhalten.

Die unbedingt überholen müssen, auch wenn sie nur 10 km/h schneller fahren als das zu überholende Fahrzeug. Hinzu kommt eine verpennte Infrastrukturpolitik, die aus der Unfähigkeit unserer Politiker mit ihren Expertenstäben sowie den Städte- und Straßenplanern stammt. Also mal vom Elfenbeinturm heruntersteigen und die Realität erleben. Wir brauchen kein Tempolimit, sondern generell weniger und besser fließenden Verkehr auf unseren Straßen durch zügigere Abarbeitung von Baustellen, Fahrgemeinschaften, Ausbau des ÖPNV, Einhaltung des Rechtsfahrgebots, Fracht von der Straße auf die Schiene, Home-Office-Arbeitsplätze, flexiblere Arbeitszeitmodelle etc.

In Zeiten von "Fridays for Future" und Klimawandel ist es natürlich bequemer und vermutlich auch populärer, einfach ein paar Tempolimit-Schilder aufzustellen, als sich diesen Problemen nachhaltig zu stellen und die Ursachen zu bekämpfen. Eins ist jedenfalls sicher: Bei der in Deutschland vorherrschenden Verkehrsdichte wird durch ein generelles Tempolimit kein einziges Gramm CO₂ eingespart.

Oliver Niebling, Riederich

Sehr geehrter Herr Niebling,

auch wenn Sie als beruflicher Vielfahrer oft erleben, dass es auf den Autobahnen nur schleppend vorangeht: Tatsächlich gibt es aktuell auf rund zwei Dritteln der deutschen Fernstrecken kein Tempolimit. Zu Stoßzeiten mag die von Ihnen erlebte Durchschnittsgeschwindigkeit von 80 oder 90 km/h zutreffen. Zu anderen Uhrzeiten kann man durchaus schneller als 130 fahren, Sie nennen selbst Zeiten zwischen zwei und vier Uhr morgens.

Die Einsparpotenziale sind dennoch alles andere als gering. Eine Million Tonnen CO₂-Reduktion ist schon die Untergrenze dessen, was Berechnungen ergeben haben, andere Prognosen gehen sogar von bis zu fünf Millionen Tonnen aus. Was dazukommt: Die Einführung eines Tempolimits würde laut Stauforschern auch dazu führen, den Verkehrsfluss zu verbessern.

Abrupte Bremsmanöver kommen oft bei sehr hohen Geschwindigkeitsunterschieden zustande, etwa durch unbedachte Spurwechsel. Dies löst eine Kettenreaktion aus, die den Verkehr auf mehreren Kilometern zum Stocken bringen kann. Wenn die Geschwindigkeitsunterschiede nicht mehr wie aktuell bis zu 150 km/h betragen, sondern nur noch etwa 30 km/h, wird der Verkehrsfluss harmonischer. Dass ein Tempolimit auch positive Effekte für die Verkehrssicherheit hat, zeigen zudem mehrere Untersuchungen, bei denen die Unfallzahlen auf bestimmten Streckenabschnitten verglichen wurden, bevor und nachdem dort ein Tempolimit eingeführt wurde. In allen Fällen gab es nach der Begrenzung weniger Tote und Verletzte. Dazu muss man sich nur vor Augen führen, dass der Bremsweg bei 200 km/h mehr als doppelt so lang ist wie bei 130 km/h.

Natürlich sind unsere Autobahnen jetzt schon sehr sicher, aber sie könnten mit einem Tempolimit noch sicherer werden. Aber dies ist auch nur eine Maßnahme von vielen, die für den Klimaschutz nötig sind, Sie nennen einige gute Beispiele. Aber warum sollte man nicht alles tun: ÖPNV ausbauen, mehr Home-Office, Fracht von der Straße auf die Schiene verlagern - UND ein Tempolimit einführen?

Alle einzelnen Maßnahmen zusammen machen aus kleinen Mosaiksteinchen ein großes Bild. Es gibt keinen rationalen Grund, bei der Temporegel alles beim Alten zu belassen.

Christina Kunkel