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Katholische Kirche:Echte Reformen sind gefragt

Die Bischofskonferenz will Missbrauchsopfern höhere Entschädigungen zahlen. Das finden viele Leser löblich. Die große Sorge ist, dass darüber hinaus wenig passiert und klerikale Strukturen - ob des Widerstands aus Rom - nicht angetastet werden.

SZ-Zeichnung: Michael Holtschulte

Zu "Endlich wird gehandelt" vom 26. September, "Bischöfe beraten über Kirchenreformen" vom 24. September, "Alle Wege führen nach Rom" vom 16. September, "Rüffel aus Rom" vom 14./15. September:

Priester sollen für Opfer zahlen

Es war höchste Zeit, dass die katholischen Bischöfe sich durchringen, nicht nur 5000 Euro, sondern namhafte Beträge an Missbrauchsopfer zu zahlen. Angesichts des Leids der Opfer waren die 5000 Euro ein Hohn. Woher aber nehmen die Kirchenoberen das Geld für die "Entschädigungen" (der Schaden, das bezeugt jeder Psychologe, kann nie mehr heil gemacht werden)? Sie nehmen es mit der größten Selbstverständlichkeit aus Kirchensteuermitteln und Spenden, die ihnen von Gläubigen anvertraut wurden. Auch hier muss man sagen: Was für ein Hohn! Da kaufen sich die Oberen von ihren Sünden frei mit dem Scherflein der Gläubigen.

Wäre es nicht höchste Zeit, dass diejenigen, die das Unrechts- und Schweige- und Vertuschungskartell über Jahrzehnte aufrechterhalten haben, aus eigener Tasche zahlen? Großmütig das Geld der Gläubigen zu opfern, muss den Zorn dieser Gläubigen wecken.

Bischöfe und Priester haben im Machtsystem Kirche mit Verschweigen und Verheimlichen die Verbrechen vertuscht; nur sehr wenige sind laut aufgestanden, um zu protestieren, wenn Täter nur an einen anderen Ort versetzt wurden. Deshalb, liebe Kleriker: Gründen Sie einen Fonds, in den jeder zum Beispiel zehn Prozent seines Gehaltes einzahlt. Das würde meines Erachtens viel zur Glaubwürdigkeit der Kirche beitragen.

Toni Görtz, Heinsberg

Seelsorge nötig, nicht nur Geld

Das mag ja jetzt richtig viel Geld sein, aber wird da wirklich richtig gehandelt? Es erinnert doch in unangenehmer Weise an jenes "Wenn das Geld im Kasten klingt ...". Fällt da den Super-Mega-Experten für Seelsorge nichts Besseres ein? Bei diesem Leid geht's doch wohl um Seelisches/Psychisches. Und da stehen viele Seelsorger nicht nur sehr "blank" da, sondern werden schon mal aggressiv, möglicherweise weil diese entsetzliche Inkompetenz in ihnen nagt.

Helmut Rasp, Landshut

Verzögerer machen sich schuldig

Ich begrüße es, dass die Bischöfe sich nicht davon abhalten lassen, weder von Rom noch von einigen Bischöfen wie Bischof Voderholzer und Kardinal Woelki, sich im Rahmen eines synodalen Weges auf einen Dialog zu Fragen von Macht in der Kirche, priesterliche Lebensform, Sexualmoral und Stellung der Frau in der Kirche einzulassen. Das ist angesichts des Bruchs zwischen der Lehre der Kirche und dem Lebensstil der Menschen überfällig. Auch ist es zu begrüßen, dass die Entschädigungszahlungen an die Opfer sexueller Gewalt erhöht werden sollen.

Allerdings offenbaren sich wieder einmal die Ohnmacht der deutschen Bischöfe und die Ohnmacht der Laien, wenn es darum geht, Grundsätzliches in der Kirche zu verändern. Diskutieren, Vorschläge machen, ja, aber mitbestimmen und mitentscheiden, da heißt es Nein. Das so ersehnte kraftvolle Zeichen der Kirche an die Öffentlichkeit findet damit nicht statt. Vielmehr bleibt der Eindruck bestehen und wird sogar bestätigt, dass das klerikale System der Kirche, bei dem die eigentliche Macht in Händen der Kleriker liegt, unangetastet bleibt, die so notwendige Aufteilung der Macht unter den Getauften - Männern und Frauen - in weite Entfernung gerückt ist. Dabei ist es das klerikale System, das entscheidend mitverantwortlich für das Ausmaß an sexualisierter Gewalt in der Kirche war und ist.

Ich befürchte daher, dass zum einen die Gläubigen weiter in Massen die Kirche verlassen werden, weil sie mit einer Organisation, die die Mehrheit ihrer Mitglieder, darunter vor allem die Frauen, bei der Mitbestimmung und in der Führung ausschließt, nichts mehr zu tun haben will. Zudem bleibt ungelöst, was ja die ganze Debatte angestoßen hat: Wie kann die sexualisierte Gewalt in der Kirche eingedämmt und verhindert werden.

Sexualisierte Gewalt und geistlicher Missbrauch finden weiterhin statt. Die Anzahl der Täter hat sich, so Harald Dreßing, der Leiter der MHG-Studie, nicht signifikant verringert. Dies würde sich ändern, wenn die klerikale Struktur aufgebrochen, das Pflichtzölibat abgeschafft, die negative Einstellung zu Homosexualität und homosexuellen Priestern aufgegeben, die Sexualität auch kirchlicherseits als Geschenk Gottes gesehen würde.

Kann man es vor diesem Hintergrund verantworten, darauf zu warten, bis gesamtkirchlich hier sich etwas verändert? Das kann man nicht. Man läuft vielmehr Gefahr, sich wieder mal - weil man etwas versäumt hat, weil man nicht gut genug hingesehen, weil wieder das klerikale System Vorrang hat - schuldig zu machen.

Wunibald Müller, ehem. Leiter desRecollectio-Hauses, San Francisco/USA

Gläubige in Debatte einbeziehen

Diese ständige Bevormundung durch den Vatikan ist eine Schande für die katholische Kirche. Viele werden sich erinnern, dass - mit dem Schwung des II. Vaticanums - von 1971 bis 1975 die "Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland" in Würzburg stattfand. In alle Beratungen wurden die Gläubigen einbezogen in den Diskurs über sich aus dem Konzil ergebende Fragen und Konsequenzen für die Kirche in Deutschland. Man könnte diese Beratungen auch als "synodalen Weg" bezeichnen. Was damals ging, muss auch heute gehen.

Der katholische Kirchenhistoriker und Leibniz-Preisträger Professor Hubert Wolf betonte am 29. 05. 2016 in einem Interview: "Ich sehe es einfach so, dass das Prinzip der Subsidiarität, das wir ja in der katholischen Soziallehre erfunden haben, wofür wir überall gelobt werden, im Staat, in Gesellschaft, von den Gewerkschaften, dass dieses Prinzip der Subsidiarität endlich mal in der Kirche selber angewendet wird", (...) "Probleme müssen dort gelöst werden, wo sie entstehen. Und die obere Ebene greift nur ein, wenn die untere es nicht schafft."

Dieter Staffehl, Münster