Jürgen Habermas:Der Krieg, philosophisch betrachtet

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Ist es gut, sich Zeit zu nehmen, um abzuwägen, oder sollte man lieber schnell handeln? Und ab wann gilt ein Land als Kriegspartei? Überhaupt: Kann man mit Russland noch verhandeln? All diese Fragen beschäftigen die SZ-Leser.

Jürgen Habermas: SZ-Zeichnung: Karin Mihm

SZ-Zeichnung: Karin Mihm

"Krieg und Empörung" vom 29. April:

Die Nato ist überlegen

Professor Jürgen Habermas' Folgerungen sind wenig hilfreich. Wie so oft, stellen Philosophen die richtigen Fragen und bleiben ratlos, wenn es um Antworten geht. Die Ukraine darf nicht verlieren, hofft Jürgen Habermas in seinem Schlusssatz. Aber sie hat schon viel verloren: Menschenleben, Infrastruktur und Territorium. Wie weit darf Putin gehen? Schauen wir zu, wenn Odessa das Schicksal von Mariupol erleidet und er einen Korridor nach Moldau okkupiert? Habermas analysiert ausgewogen und fair, aber wiegt sich in der Hoffnung, es möge eine Lösung geben. Wir flüchten uns in die Illusion, die Ukrainer, heroisch kämpfend, werden Putin an den Verhandlungstisch zwingen; flankiert von unseren Sanktionen und symbolischen Aktionen, wie dem Liefern von Geparden. Putins Generäle wissen, dass die Nato der russischen Armee überlegen ist; sie werden ihre Niederlage nicht herbeieskalieren. Je mehr wir erklären, was wir nicht tun werden, desto mehr unterstützen wir Putin bei der Verwirklichung seiner Vorstellungen. Er sollte Angst haben, nicht wir.

Karlheinz Fuchs, Tutzing

Der Vernunft mehr Raum geben

Wenn die Devise "Frieden schaffen ohne Waffen", die Deutschland mehr als 40 Jahre Wohlstand in einem friedlichen Europa (mit den Einschränkungen, die Habermas anführt: Stellvertreterkriege, US-Nato-Schutz) bescherte, angesichts eines territorialen Angriffskrieges in Mitteleuropa naiv und hilflos erscheinen mag, zeigt der Artikel, dass es in einer schwierig einzuordnenden Situation nicht richtig sein kann, wenn die Emotion, die durch Bilder, individuelle Schicksalsberichte und vereinfachendes Schwarz-Weiß-Denken rasch entfacht ist, die Vernunft, die zur Abwägung Zeit braucht, vor sich hertreibt. Deshalb sollte der sorgfältigen Abwägung, auch in den Medien, mehr Raum gegeben werden als Emotion und kurzfristiger Strategie.

Die sorgfältige Diskussion langfristiger Strategien, wie einer Stärkung des deutschen Militärhaushalts mit sorgfältiger Abwägung der Ertüchtigung zur Verteidigungsfähigkeit, macht Deutschland zu einem starken Partner in Europa.

Dr. Christiane Pfeiffer, Augsburg

Teil von etwas

Habermas' klugen Überlegungen möchte ich in einem Punkt widersprechen. Er sieht ausschließlich zwei sich gegenüberstehende Typen: diejenigen, die eine empathische, nationale Perspektive einnähmen, die "Sieg oder Niederlage" zur Folge habe. Und diejenigen, die einen Krieg gegen eine Atommacht für nicht gewinnbar hielten und eine postnationale Perspektive vertäten. Dieser Gegensatz vereinfacht, denn es ist möglich, mit Empathie für die Rechte eines souveränen Landes einzutreten und doch zu akzeptieren, dass es keine absolute, sondern nur eine durch Kompromisse erarbeitete Lösung geben kann.

Ein weiterer Punkt, von Habermas nicht thematisiert, ist die bittere Erkenntnis, dass die Relevanz vernunftgesteuerten Handelns seit März 2022 massiv an Macht verloren hat. Die Zugehörigkeit, das Gefühl, Teil von etwas zu sein, ist offenbar mächtiger als durch andere - selbst ökonomische - Interessen geleitete Prinzipien. Der Mensch ist ein "tribal animal", er will dabei sein, er schließt sich an, bildet emotionalisierte, handlungsstarke Gruppen. Ob friedlich im Fußballstadion oder unfriedlich im Donbass. Vernünftige Rede hat da keinen Zugriff.

Stefan Zednik, Berlin

Respekt für Kanzler Scholz

Professor Habermas hat recht: Die Selbstgewissheit, mit der die Kritiker Bundeskanzler Scholz Zögerlichkeit vorwerfen, wo Abwägen angesagt ist, stellt ein totales Missverständnis der Wirklichkeit dar. Denn die Erfüllung der verständlichen Bitte der Ukraine um Lieferung schwerer Waffen erfordert eine genaue Abwägung zwischen dem unmittelbaren Nutzen und dem längerfristigen Schaden. Der militärische Nutzen ist unbestreitbar, der geopolitische Schaden kann aber bis zu einer atomaren Auseinandersetzung führen.

Zudem beruht es auf der wenig realistischen Annahme, Putin werde gegebenenfalls eine militärische Niederlage hinnehmen. Es geht nicht um einen Sieg über Putin, sondern um die Verhinderung russischer Fremdherrschaft über die Ukraine. So verständlich die moralische Empörung des Westens ist: Im Mittelpunkt muss die Vermeidung weiteren Blutvergießens stehen. Die Zurückhaltung und die sorgfältige Abwägung von Scholz verdienen großen Respekt.

Dr. Jan P. Beckmann, Hagen

Überlegtes Abwägen kostet Leben

Warum ist nicht denkbar, dass Russland als Verlierer vom Feld geht? Die Atommacht Sowjetunion kam im Afghanistankrieg zum Schluss, nicht gewinnen zu können. Der erste Tschetschenienkrieg nahm aus russischer Sicht kein positives Ende. Das Argument, eine Atommacht wie Russland könne immer ABC-Waffen einsetzen, und deshalb nicht verlieren, könnte zu dem Schluss führen, allein die Androhung eines Atomeinsatzes müsse genügen, den Wünschen Russlands zu entsprechen.

Die Nachrüstungsdebatte der 80er-Jahre war von dem Gedanken geleitet, Frieden bewahren zu können. Man hielt uns die Idee der Abschreckung entgegen. Jetzt sehen wir, dass der Frieden nicht erhalten werden konnte - trotz Abschreckung und trotz Entspannungspolitik. Ist es denkbar, dass trotz gewaltiger Abschreckungsszenarien der Atommächte ein Atomkrieg geführt werden könnte? Wie müssten die russischen Militärs denken? Angenommen, sie greifen Lettland an, nachdem sie in der Ukraine gelernt haben, nicht verlieren zu können. Was dann? Besser nicht eingreifen, weil das einen Atomkrieg zur Folge haben könnte? Ist es eine Konversion, wenn Pazifisten (von gestern) heute nach Waffen für die Ukraine rufen? US-Außenminister Antony Blinken sagte in der Ukraine, die USA seien da, weil die Ukrainer sich mit allem, was sie kriegen können, gegen den Aggressor zur Wehr setzen. Wie hätte er argumentiert, wenn eine Atommacht den Krieg nicht verlieren könnte? Dass die Ukrainer bedenken sollten, welche Gefahr sie über die ganze Welt bringen könnten, nur weil sie sich nicht von russischem Militär überrennen lassen. Ja, die Ukraine darf den Krieg nicht verlieren, und Russland darf ihn nicht gewinnen. Und da hilft nur, die Mechanismen der Abschreckung als wirksam anzusehen und den russischen Entscheidern Rationalität zu unterstellen.

Und warum irritiert Habermas nicht die Selbstgewissheit und Selbstgerechtigkeit des Bundeskanzlers, der rationalisierend seine Furcht vor dem Kriegseintritt Deutschlands und dem Atomkrieg zu vertuschen versucht? Zurückhaltung und Reflexion sind Handlungen, die Zeit brauchen. Haben wir, hat die Ukraine diese Zeit? Es ist Krieg. Es ist nicht das Proseminar "Was wäre, wenn es einen Krieg gäbe". Wohlüberlegtes Abwägen kostet jetzt Leben. Eine Entscheidung vor Wochen gefällt, hätte Leben gerettet.

Jürgen Klüpfel, Großkarlbach

Grauzone als Schwelle zum Krieg

Es ist ein Krieg im Gange, bei dem für Prinzipienreiterei kein Platz mehr ist. Wenn es im Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages heißt, dass zur Waffenlieferung auch die Ausbildung an solchen Waffen gehört und dadurch "würde man den gesicherten Bereich der Nichtkriegsführung verlassen", so bedeutet das: Wenn Deutschland sich in diese Grauzone begibt, wird die Gefahr geschaffen, dass die andere Seite die Rechtslage anders sieht als beispielsweise ein Jurist der International Law Association, und deshalb Deutschland als kriegsführende Partei einstuft und daraus die misslichen Konsequenzen zieht. Denn Grauzonen eröffnen, wie das Gutachten feststellt und jeder Jurist weiß, "stets Möglichkeiten für rechtlich unterschiedliche Interpretationen und Bewertungen durch alle Beteiligten".

Welche Rechtsmeinung die objektiv richtige ist, falls es so etwas überhaupt gibt, wird nach Eintritt der Katastrophe völlig unwichtig sein. Die Opfer können allenfalls darauf hoffen, dass ihre Grabsteine die Inschrift tragen: "Der (oder die) Verstorbene war im Recht." Darf die Bundesregierung eine derartige Gefahr eingehen? Genügt es, dass spätere Historiker möglicherweise zu dem Schluss kommen, Putin war allein verantwortlich?

Aksel Ritter, Koblenz

Die Sprache der Waffen

Ausgerechnet der in diesem Jahr 80 Jahre alt werdende US-Präsident Joe Biden zeigt einem Jüngeren, Putin, die Zähne. Mit der milliardenschweren Unterstützung der Ukraine mittels schwerer Waffen. Auch der "bedeutendste Denker deutscher Zunge", Philosoph Jürgen Habermas, vermag mich nicht davon zu überzeugen, dass "abwägende Vernunft" einen Aggressor umstimmen kann. Mit Diplomatie, Vernunft und gutem Willen scheiterten nicht nur der französische Präsident Emmanuel Macron und Olaf Scholz am neobarocken Gesprächstisch, sondern zuletzt auch UN-Generalsekretär António Guterres, dem der russische Autokrat beim Kiew-Besuch Raketen um die Ohren feuerte. Kann Demütigung westlicher Politiker größer sein? Wie Schulbuben saßen Macron und Scholz Putin gegenüber, belogen. Der versteht keine andere Sprache als seine eigene: die Waffe. Das hat Biden verstanden.

Axel Spellenberg, Worpswede

Putins Denken ist wichtig

Jürgen Habermas zeigt sich als klug abwägender Denker in Zeiten Bild-medialer Inszenierung von Krieg und Frieden. Er verweist auf die wilde Spekulationen über die Person Putin und dessen Motivation für den Krieg. Die einen sehen in Putin den personifizierten Teufel, die anderen den geopolitischen Strategen. Habermas warnt, nur eine Seite zur Grundlage westlicher Interventionspolitik zu machen. Auch wenn sich Putins Rationalität westlichen Denkmustern verschließt, folgt er einer imperialen Logik, die eine gewisse Berechenbarkeit zulässt - und somit immer noch Raum für Verhandlungen lässt, die auf keinen Fall aufgegeben werden dürfen. Der britische Journalist Tim Marshall beschreibt diese: Aus russischer Sicht müsse man sich gegen den Westen rüsten, da es keine geografischen Schutzbarrieren gebe. Genauso ist es mit der Ukraine, die als weite Ebene übergangslos im Süden an Russland anschließt. Habermas nennt diese geopolitische Strategie "Neutralisierung eines Vorfeldes".

Diese "Spekulation" über die Motivation Putins hilft, um daraus Schlüsse zu ziehen, wie der Westen reagieren sollte. Wichtigster Grundsatz sollte sein, Putin so schnell wie möglich zu stoppen, sonst wird er auch in Zukunft die "Vorfelder" Russlands, etwa die Republik Moldau, zu neutralisieren versuchen. Hierzu gehört die Stärkung der Verteidigungskraft der Ukraine. Wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland müssen aufrechterhalten und ausgeweitet werden. Des Weiteren sollte der Rest an Rationalität, der Putins Denken zugrunde liegt, für weitere Verhandlungen genutzt werden, um das schlimmste aller Szenarien für die Welt abzuwenden.

Marco Kubacki, Rheinstetten

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