Gesundheitswesen:Erst der Profit, dann der Patient

Lesezeit: 4 min

Wie kann sichergestellt werden, dass in der Medizin gut versorgt wird, ohne dass der Kommerz alles diktiert? SZ-Leser haben da ein paar klare Wünsche.

Gesundheitswesen: SZ-Zeichnung: Karin Mihm

SZ-Zeichnung: Karin Mihm

Zu "Dieses System ist krank" vom 18. Februar:

Grundlegende Fehlentwicklung

Perfekt gewählt, das Adjektiv "krank" in der Überschrift dieses hervorragenden Artikels.

Mich überrascht, dass der Artikel im Feuilleton erscheint und nicht im Wirtschaftsteil. Geht es doch im Wesentlichen um Wirtschaft, Profit und BWL versus medizinische Fachkompetenz. Werner Bartens macht am Beispiel der negativen Entwicklung der Krankenhäuser in Deutschland indirekt auch aufmerksam auf eine grundsätzliche Fehlentwicklung in den Chefetagen großer Unternehmen. Dort setzen sich auf der CEO- oder Geschäftsführerebene immer häufiger Betriebswirte und Juristen durch anstatt der Entwickler und Visionäre mit Kernkompetenzen aus den jeweiligen Fachgebieten der Unternehmen.

Siegfried Kunz, Hohenlinden

Unselige SPD-Neuerungen

Man kann die Überschrift dieses Artikels nur mit "Ja" beantworten. Aber man sollte diejenigen benennen, die hierfür verantwortlich sind.

Es war die damalige SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt unter dem Kanzler Gerhard Schröder, die das Fallpauschalensystem im Jahr 2003 als "Wunderwaffe" gegen die Krankenhauskosten eingeführt hat - gegen den Rat der Experten aus der Praxis. Durch dieses System erfuhr die ohnehin schon bestehende Kommerzialisierung der öffentlichen Daseinsfürsorge im Klinikbereich einen weiteren Schub zum Nachteil der behandlungsbedürftigen Menschen. Und dieses angeblich aus Australien übernommene Fallpauschalensystem passt zu den umstrittenen Hartz-IV-Regelungen.

Die jetzige Bundesregierung sollte dieses unsinnige System wenigstens reformieren, wenn nicht ganz abschaffen.

Thomas Topp, München

Nächstenliebe, ein rares Gut

Sie schreiben in Ihrem interessanten und eigentlich alarmierenden Artikel: Die Krankenversorgung, zu der neben dem spröden Wort "Pflege" auch Nächstenliebe und etwas so Altmodisches wie Barmherzigkeit gehören, wird von Controller-Regimentern angeführt. In meiner langjährigen Kliniktätigkeit, auch in Ordenskrankenhäusern, habe ich erlebt, wie Ordensfrauen gegen geringes Entgelt gerade diese Tugenden der Nächstenliebe und Barmherzigkeit aufopferungsvoll gelebt haben. Oft waren sie auch nach Dienstschluss noch auf den Stationen und haben sich um ihre Kranken gekümmert oder zu Sterbenden ans Bett gesetzt.

Mit dem Aussterben der Krankenpflegeorden hierzulande wird auch das Klima in den Krankenhäusern und Kliniken ein Stück weit kälter werden.

Dr. med. Joachim Heisel, München

Aufgebauschte Probleme

Ihr Artikel ist insoweit bedauerlich, als tatsächlich in der Krankenhausmedizin bestehende Probleme so aufgebauscht werden, dass von einer an der Realität orientierten Beschreibung des Alltags im Krankenhaus nicht mehr die Rede sein kann. Vielmehr wird ein grässliches Bild gezeichnet, in dem die Gewinnerwartungen der Krankenhausträger eine vernünftige, den medizinischen Notwendigkeiten des Patienten angemessene Therapie unmöglich machen. Nähme der Leser Ihren Bericht ernst, könnte er sich nicht mehr vertrauensvoll in eine Krankenhausbehandlung begeben. Als ein lange Jahre im Krankenhaus tätiger Arzt weiß ich, dass die von Ihnen beschriebenen Probleme bestehen, dass sie aber bei der Versorgung schwer kranker Patienten noch immer eine untergeordnete Rolle spielen.

Prof. Dr. Rüdiger Liersch, Düsseldorf

Weg mit den Fallpauschalen

Herzlichen Dank an Werner Bartens, der mir aus dem Herzen spricht. Ich bin enttäuscht, dass sich das Gesundheitsministerium unter seiner neuen Leitung noch nicht der Frage angenommen hat, wie die Fallpauschalen für Krankenhausbehandlungen umgestaltet werden, um keine falschen Anreize für nicht sinnvolle Operationen zu bieten. Auch sind mir keine Überlegungen bekannt, wie die weitere Veräußerung von Krankenhäusern an private Träger gestoppt wird, die nur dem Shareholder Value dienen. Es muss alles getan werden, damit die jetzt noch im Krankenhaus Arbeitenden an ihrem Arbeitsplatz gehalten werden und wieder mehr Zeit für die Pflege und Zuwendung für den einzelnen Patienten haben. Ebenso ist eine gesonderte Vergütung der Ärzte für Gespräche mit ihren Patienten vorzusehen, da das Gespräch oftmals schon die halbe Heilung bedeutet. Barmherzigkeit ist nicht altmodisch, sondern höchst aktuell. Sie muss die Profitmaximierung ablösen, um wieder ein menschliches Miteinander zu ermöglichen.

Dieter Spengler, München

Allgegenwärtige Heuschrecken

Lob und Dank für Ihre Darstellung, das System ist krank. Schön wäre eine Ergänzung zum ambulanten Versorgungsbereich, der ebenfalls von "Heuschrecken" heimgesucht wird. Arztpraxen werden von privaten Investoren aufgekauft. Zunächst beginnend mit den radiologischen Praxen, Zahnarztpraxen und mit medizinischen Versorgungszentren spezialisierter Facharztgruppen wie zum Beispiel Neurologie.

Was könnten auch im ambulanten Versorgungsbereich die Folgen sein? Bereits jetzt besteht eine Überversorgung in Deutschland mit radiologischer Diagnostik. Zuletzt hat die Barmer Ersatzkasse in ihrem Report 2019 auf eine hohe Zahl von CT-Untersuchungen bei Reizdarmpatientinnen und -patienten hingewiesen, für die es in medizinischen Leitlinien keine Indikation gibt. Folge der Flucht aus dem Krankenhaus sind auch die Ärztinnen und Ärzte, die Quereinsteiger für das Fach Allgemeinmedizin werden.

Mehr Hausärztinnen und Hausärzte werden zwar benötigt, doch es ist ein Armutszeugnis unseres medizinischen Versorgungssystems, wenn hochspezialisierte Fachkräfte diesen Weg beschreiten, weil sie ein sinnvolles Tun suchen, das sie im Krankenhaus nicht mehr finden.

Dr. med. Iris Veit, Berlin

Gesund geworden

Selten habe ich in der SZ einen so polemischen Beitrag gelesen - was hat dieser im Feuilleton verloren? Ich war in den letzten zwei Jahren zu Operationen in zwei Krankenhäusern, einem privaten und einem "öffentlichen". Ich war sehr, sehr froh, in keinem anderen Gesundheitssystem gewesen zu sein!

Peter Schnepf, München

Ausbeutung

Diese Beschreibung der schädlichen Ökonomisierung des Gesundheitswesens ist überfällig. Danke dafür. Nur, warum erscheint das ohne Erwähnung der verantwortlichen politischen Akteure? Der jetzige Gesundheitsminister war lange Aufsichtsrat in mindestens einem Klinikkonsortium - und nicht nur er hat diesen Abbau von öffentlicher Infrastruktur betrieben. Was als Vorteil für "Verbraucher" ausgegeben wird, ist in Wahrheit ein Modell der Ausbeutung. Vermeintlicher, oft kurzfristiger Vorteil führt langfristig zum Nachteil für alle. Das betrifft im Besonderen die als Zwangsläufigkeiten dargestellten Verfahrensweisen im Gesundheitswesen, aber längst fast alle Bereiche der öffentlichen Grundversorgung. Dieses hochgelobte System laugt aus und macht krank.

Kai Hansen, Nürtingen

Zutreffende Kritik

Ich wollte mich für Ihren klugen, klarsichtigen Artikel bedanken. Ich arbeite als Kinderärztin inzwischen in der Praxis, unter anderem, weil ich das BWL-gesteuerte Fallpauschalen-System im Krankenhaus nicht mehr zu ertragen fand. Und ich muss leider sagen: Aus meiner Sicht ist jedes einzelne Wort Ihres Artikels wahr.

Lena Wirth, Berlin

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