Franziska Giffey:Von Kalkül und Verant­wortung

Wegen Plagiats­vorwürfen zu ihrer Promotion führt die Familien­ministerin den Doktortitel nicht mehr. Jetzt wird noch mal geprüft. Manche Leser finden das richtig, andere halten es für ein Manöver, um ihre Karriere zu behindern.

191. Sitzung des Deutschen Bundestages und Debatte Aktuell, 18.11.2020, Berlin, Franziska Giffey die Bundesministerin f

Familienministerin Franziska Giffey (SPD) muss sich erneut wegen ihrer Promotion verantworten. Das Prüfverfahren war eigentlich abgeschlossen.

(Foto: imago images/Political-Moments)

Zu "Frei drehende Skandale" vom 23. November, "War was?" und "Aktuelles Lexikon: Doktortitel" vom 17. November, "Giffey, die tragische Figur", 16. November:

Kritischer Blick aufs Verfahren

"Die Sache mit ihrer Doktorarbeit kocht wieder hoch", steht im Untertitel eines Artikels, der sich auf einer ganzen Seite mit Franziska Giffeys Doktorarbeit und den erneuten Plagiatsprüfungen durch die Freie Universität (FU) Berlin beschäftigt. Unkommentiert wird nebenbei erwähnt, dass Giffeys Doktorarbeit mit "magna cum laude" (sehr gut) bewertet worden sei. Diesem Artikel und auch dem "Aktuellen Lexikon" dazu fehlt ein kritischer Blick auf das Promotionsverfahren: Jeder Doktorand hat einen habilitierten Betreuer, der das Thema vergeben oder aufgrund seiner Kompetenz akzeptiert hat. Als Betreuer und als erster Gutachter der Doktorarbeit soll er die "Befähigung des Doktoranden zu selbständiger vertiefter wissenschaftlicher Arbeit" nachweisen. Das ist das wesentliche Ziel des Promotionsverfahrens.

Vor diesem Hintergrund muss ein vom "Doktorvater" vielleicht übersehenes Plagiat bewertet werden. Das gilt auch für alle weiteren Gutachter der Arbeit, die vom Promotionsausschuss im Benehmen mit dem Doktoranden bestellt worden sind. Schließlich liegt die Dissertation eine Zeit lang öffentlich aus, und der Doktorand muss seine Arbeit in einer mündlichen Disputation "verteidigen". Insgesamt also ein sehr tiefgründiges Verfahren!

Aus meiner früheren Tätigkeit als Universitätsprofessor sind mir daher Plagiatsfälle der vorliegenden Art nur schwer nachvollziehbar, obwohl ich weiß, dass die Verlagerung vom Buch zum Internet eine Copy-Paste-Kultur fördert, die sich zunehmend als Plagiarismus ausbreitet. Aber auch eine Universität ist keine sakrosankte Institution und muss sich fragen: "Was war?"

Prof. Dr. Konrad Löffelholz, Wiesbaden

Das Timing stimmt nachdenklich

Erst wurde die Dissertation von Franziska Giffey durch die zuständige Fakultät magna cum laude angenommen. Dann wurde in einem monatelangen Plagiats-Verfahren Frau Giffey durch das Präsidium eine Rüge erteilt, der Doktortitel aber nicht entzogen. Das Gremium wusste dabei offenbar nicht, was eine Rüge ist. Nachträglich (!) wurden dazu Gutachten bestellt - und jetzt die Rüge zurückgezogen, weil sie unter falschen Voraussetzungen erteilt worden war. Merkwürdig berührt bei alledem der Umstand, dass die Prüfungsverfahren zum Plagiats-Verdacht immer dann in Gang kamen, wenn Frau Giffey eine politische Aufstiegschance hatte, ehemals zum SPD-Parteivorsitz und jetzt zum Vorsitz der Berliner SPD und zur Kandidatur als Regierende Bürgermeisterin.

Hermann Braun, Bielefeld

Schavan oder Scheuer als Maß?

In der Haut der guten Frau Giffey möchte ich nicht stecken, wobei die Attacken gegen sie weniger aus Sorge um die Wissenschaft, als eher aus politischem Kalkül geritten werden. Und da Frau Giffey eine linke Politikerin ist, kommen die Anwürfe natürlich eher aus dem rechten Lager, und man erinnert sich gerne an die Situation bei Annette Schavan und Karl-Theodor zu Guttenberg. Beide haben nach der Aberkennung ihrer Doktorhüte ihre politischen Hüte, sprich Ministerposten, nehmen müssen. Bei Giffey ist die Lage aber augenscheinlich doch leicht anders: sie verzichtet auf ihren Doktortitel, bevor er ihr aberkannt ist (oder wird), und könnte Ministerin bleiben. Wie Andreas Scheuer. Zur Erinnerung: Scheuers Promotion in Prag geriet ins Zwielicht, Scheuer verzichtete auf den Titel und ist noch heute Minister. Das könnte die Messlatte für den Umgang mit Giffey sein.

Dr. Friedrich Brych, München

Neidisches Nachkarten

Wie mit der Bundesfamilienministerin Giffey in Berlin umgegangen wird, kann man auf gut Bairisch nur als Nachtarockerei (Nachkarten) bezeichnen. Nach Überprüfung ihrer Dissertation ist die FU Berlin zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Entzug ihres Doktortitels nicht angemessen ist, sondern eine Rüge ausreicht. Hierbei besteht ein breiter Beurteilungsspielraum. Und dies war laut Professor Battis auch zulässig. Das Verfahren war somit abgeschlossen mit der Folge der öffentlich-rechtlichen Bindungswirkung. Aber die Berliner CDU-Fraktion konnte es offensichtlich nicht ertragen, dass eine tüchtige und beliebte Politikerin ihren Doktortitel behalten durfte. Das jetzt wieder aufgenommene Prüfungsverfahren steht auf rechtlich wackeligen Beinen, es sei denn, die FU hat einen entsprechenden Vorbehalt gemacht, wovon aber nicht berichtet wurde. Man kann Frau Dr. Giffey nur gute Nerven wünschen, um dieses Mobbing zu überstehen.

Thomas Topp, München

Rücktritt wäre besser

Franziska Giffey kann entweder nicht sorgfältig wissenschaftlich arbeiten, oder sie hat bewusst plagiiert, beides auf jeden Fall, und das kann man gar nicht oft genug betonen, ziert eine Ministerin nicht. Ihr Ruf ist jetzt, Rückgabe des Doktortitels hin oder her, angeknackst für alle Zeiten, der Öffentlichkeit würden durch einen Rücktritt nur weitere unangenehme Promotions-Einzelheiten erspart.

Dr. Jens Brökelschen, Schwerte

Öffentliche Entschuldigung nötig

Wenn Franziska Giffey noch eine zweite politische Chance erhalten und nicht dem Schicksal von Personen wie etwa Karl-Theodor zu Guttenberg nacheifern will, dann müsste sie sich im nächsten Schritt bei ihrem Krisenmanagement in jedem Fall öffentlich entschuldigen. Schließlich diskreditieren Promotionen, die schon vom Thema her einen sehr zweifelhaften akademischen Forschungscharakter tragen und vornehmlich nur der eigenen Visitenkarte dienen, am Ende nicht nur den Autor, sondern vor allem den gesamten wissenschaftlichen Betrieb und damit ebenfalls viele idealistisch angetriebene Doktoranden, was äußerst unfair ist. Deshalb bedarf es nicht nur bei der Familienministerin eines Umdenkens, wobei es auch ein guter Anfang wäre, in Deutschland dem dänischen Vorbild zu folgen, wo aufgrund einer viel bescheideneren Mentalität unter den Eliten niemand auf die Idee käme, sich mit einem Doktortitel als Trophäe in Wahlkampagnen und auf Plakaten zu brüsten!

Rasmus Ph. Helt, Hamburg

Schüler erhielten eine Sechs

Auf der Plattform Vroni-Plag kann man Satz für Satz, Wort für Wort nachverfolgen, wo Frau Giffey in ihrer sogenannten Doktorarbeit nicht nur mehr als 200 Textstellen verschiedenster Quellen geklaut hat, sondern auch, wie sie mit großer Sorgfalt diese geklauten Textstellen grammatikalisch ein wenig verändert hat. Sie hat also vorsätzlich getäuscht. Schüler und Schülerinnen, die in der gymnasialen Oberstufe eine Facharbeit schreiben, erhalten für eine solche "Leistung" die Note "Ungenügend" - zum Teil mit harten Konsequenzen (eventuell Wiederholung eines Schuljahres; im schlimmsten Fall Entlassung aus der Oberstufe).

Wenn Frau Giffey erklärt, dass sie auf die Führung des Doktortitels verzichten wolle, unter anderem um "Schaden von meiner politischen Arbeit" abzuwenden, verharmlost sie den Sachverhalt meines Erachtens. Es geht hier um Diebstahl am geistigen Eigentum anderer. Die Rolle von Frau Giffeys Doktormutter bleibt im Moment noch völlig unklar. Hat sie das Pamphlet überhaupt gelesen? Oder wollte sie ihre Doktorandin ins offene Messer laufen lassen?

Manfred Pelzer, Jülich

Professoren sind schuld

Die eigentlich "Schuldigen" in solchen Verfahren sind die Betreuer dieser Arbeiten, also die Doktorväter oder -mütter. So eine beratende Begleitung einer wissenschaftlichen Arbeit macht, wenn man sie denn als pädagogische Aufgabe begreift, viel Mühe: Zusammen mit den Studierenden forscht man nach einem Thema, dann überwacht man die Gliederung, bespricht eventuelle Fehlerquellen und lässt sich im Laufe der Monate die jeweiligen Fassungen zeigen.

Dass sich bei einer gründlichen Vorgehensweise sehr bald herausstellt, wo bei einem Entwurf fremde und nicht zitierte Sätze und Absätze herumspuken, kennt jeder, der wissenschaftliche Elaborate auf Originalität überprüft hat. Studierende, die, wie auch viele Jugendliche an Gymnasien, den einfachsten und bequemsten Weg bei der Herstellung ihrer Arbeiten suchen, sind zum geringen Teil schuld an falschen Zitaten und abgefeilten Seiten. Es ist Aufgabe der gut bezahlten Professoren und Doktormütter, die Mängel der Arbeiten durch gründliches Studium zu entdecken und zu verhindern. Das ist mitzubedenken, wenn von Schlamperei und Schuld die Rede ist.

Dr. Irmgard Hierdeis, Dießen

Politik-Karriere ohne Promotion

Es war eher eine Art Trotzreaktion als ein kluger Schachzug von Frau Giffey, ihre politische Zukunft in die Hände der Professorenschaft der FU Berlin zu legen. Denn wie sie selbst später richtig bemerkte, ist das, was sie als Mensch und Politikerin ausmacht, und das, was sie kann und weiß, nicht von diesem Titel abhängig.

Indessen gibt diese sogenannte Exzellenzuniversität mit ihrem Gezänk ein jämmerliches Bild ab. Natürlich steht der wissenschaftliche Inhalt einer Promotion und äußerstenfalls ihre Widerlegung durch weitere Forschung immer zur Diskussion. Den formalen Rahmen einschließlich der Überprüfung eigenständiger Leistung muss die jeweilige Fakultät aber vor Erteilung der Promotion leisten. Wenn das Verfahren abgeschlossen und für gut befunden wurde, ist es als Tatsachenentscheidung hinzunehmen. Andernfalls muss sich diese Universität den Vorwurf gefallen lassen, dass sie unfähig ist, jemanden zu promovieren.

Damit ließe sich auch verhindern, dass selbsternannte Hüter der Wahrheit mit ihren Plagiatsplattformen aktiv in die Politik dieses Staates eingreifen, ohne dass überprüft werden kann, in wessen Auftrag und Interesse sie handeln. Solange diese Praktiken Bestand haben, muss man jedem jungen Menschen, der nur im Entferntesten daran denkt, in diesem Land politisch Karriere zu machen, dringend von einer Promotion abraten.

Dr. Rainer Götz, Moers

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen. Bei Veröffentlichung werden Vor- und Nachname sowie Wohnort benannt.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

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© SZ vom 26.11.2020
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