Der Fall Djokovic:Rücksichtsloser Star, befremdlicher Nationalismus

Lesezeit: 5 min

Leser beklagen Novak Djokovics Egoismus, bejubeln die Unbeugsamkeit der australischen Justiz und stoßen sich daran, dass der Fall zur Staatsaffäre wurde.

Der Fall Djokovic: SZ-Zeichnung Michael Holtschulte

SZ-Zeichnung Michael Holtschulte

Zum Kommentar "Tennisprofi als Reizfigur" vom 17. Januar, zu "Showdown am Sonntag" vom 15./16. Januar, zu "Das lässt die Mehrheit wie Idioten aussehen" vom 14. Januar und weiteren Artikeln:

Nach eigenen Regeln

Das tagelange würdelose Schmierentheater um den Tennisstar Novak Djokovic hat mit der vom Obersten Gericht Australiens verfügten Ausweisung aus dem Land ein jähes Ende gefunden und letztlich nur Verlierer produziert. Es wäre für Millionen Australier eine schallende Ohrfeige gewesen, wenn ihm erlaubt worden wäre, in Melbourne antreten zu dürfen, nur weil er meinte, als wohl bester Tennisspieler der Welt eine Sonderrolle zu spielen.

Die Einreisebestimmungen nach Australien sind für alle Menschen gleich, egal ob Tennis-Nummer eins oder nicht, und der Respekt verbietet es, eine Starterlaubnis mit juristischen Tricks und Winkelzügen durch die Hintertür zu erstreiten. Der serbische Tennisspieler wollte ganz nach seinen eigenen Regeln spielen. Er hatte sich in die Idee verrannt, als Ungeimpfter an den Australian Open teilzunehmen, und hat jetzt durch seine kompromisslose Sturheit, gepaart mit rücksichtsloser Ignoranz, auf der ganzen Linie verloren.

Nach der Schmach von Melbourne sind die Ärgernisse für Novak Djokovic aber nicht vorbei. Er muss, ganz ungewohnt, aus der Ferne zuschauen, wie die Konkurrenz aufsteigt und Unmengen an Sympathien einfährt. Zudem wird er sicher noch lange und auf vielen Plätzen der Erde unter seinem Auftritt in Melbourne leiden. Das ist bitter, wäre ihm jedoch erspart geblieben, wenn er das Hickhack um seinen Impfstatus nicht so befeuert und bedingungslos auf seine Sonderrolle gepocht hätte.

Dietmar Helmers, Westerheim

Eine Entschuldigung wäre gut

Novak Djokovic ist ein großartiger Tennisspieler, und es ist anerkennenswert, dass er einen kleinen Teil seiner Millionen für wohltätige Zwecke spendet. Finanziell tut ihm das nicht weh, vermag aber sein fragwürdiges Image nicht entscheidend aufzuwerten. Dafür sind seine Eskapaden zu häufig. Dazu sein Gejammer, dass die Konkurrenten Rafael Nadal und Roger Federer von den Fans geliebt würden, während ihm auf dem Centre Court allenfalls distanzierter Respekt zuteil werde, wenn ihm nicht gar blanke Ablehnung entgegenschlage.

Nach Australien wollte er ungeimpft mit Sondergenehmigung einreisen. Er sei Genesener und am 16. Dezember positiv getestet worden. Allerdings wurde er zum fraglichen Zeitpunkt ohne Maske in der Öffentlichkeit gesehen, was zumindest fragwürdig ist. Bei seiner Einreise in Australien wurde er in einem Abschiebehotel festgesetzt. Ganz Serbien sah sich deshalb in seiner traditionell gepflegten, weltweiten Verfolgungswahrnehmung bestätigt, Papa Djokovic seinen Sohn wie Jesus verfolgt, seiner Menschenrechte beraubt und als Opfer aller bösen Mächte der Welt, die nichts anderes im Sinn hätten, als seinen Novak auf dem Weg zum besten Athleten aller Zeiten zu verhindern. Seine Familie stilisierte Djokovic zum Märtyrer hoch, die Mama vergießt Tränen, bricht nach einer kritischen Frage eine Pressekonferenz ab und stellt den Umgang der Australier mit ihrem Sohn über die Bombardierung Serbiens durch die Nato 1999. Vielleicht ein wenig zu hoch gehängt, das Ganze.

Djokovic sollte froh sein, in Australien nicht vor Publikum spielen zu müssen. Ein Pfeifkonzert wäre ihm sicher, und niemand könnte vorhersagen, wie der ungeliebte Champion reagieren würde, wenn das Publikum anhaltend seine Fehler beklatschen würde. Djokovic sollte Einsicht zeigen und sich entschuldigen. Und die Familie sollte sich beruhigen, und mit ihr ganz Serbien.

Josef Geier, Eging am See

Kein Vorbild und kein Messias

Anscheinend betrachten viele Serben Novak Djokovic als eine Art Messias, wie die Pressekonferenz seiner Familie in befremdlicher Art belegte. "Man habe ja bereits Jesus ans Kreuz genagelt, und nun versucht man es mit dem armen Novak", hieß es dort. Eine unfassbare Äußerung.

Sinnbildlich für solch nationalistisch eingestellte Staaten ist, dass diese Causa zur Staatsaffäre wurde, obwohl es um Sport geht. Regeln gelten für alle, auch für privilegierte Tennisspieler. Djokovic wird ohne Frage als eine Legende seines Sports in die Geschichte eingehen, charakterlich wird ihm dieser Status - wie in den vergangenen Monaten unter Beweis gestellt - wohl verwehrt bleiben. Bei allem Verständnis für das Nationalgefühl der Serben und ihren Nationalhelden ist es schon auffallend, wie unnachgiebig sie mit ihrer historisch festgehaltenen Schuld umgehen und sich oft als Opfer stilisieren. Es passt in diese Rhetorik, wenn der Präsident sagt, dass "ganz Serbien" hinter Djokovic steht. Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer hatte einmal sinngemäß angemerkt: Wenn man nichts habe, worauf man stolz sein könne, dann proklamiere man den dumpfen und bedeutungslosen Nationalstolz für sich.

Imad Amdouni, Diez

Lob für Australiens Justiz

Ich begrüße die Ausweisung von Novak Djokovic und dessen Nichtteilnahme an den Australian Open. Wer bei seinen Angaben zur Einreise lügt, hat sein Recht auf Einreise verwirkt. Wer seine Managerin als Sündenbock vorschiebt, Einreiseformulare unterschreibt und diese vorher nicht liest, ist ganz einfach dumm. In Australien gilt gleiches Recht für alle - auch für die Reichen und Schönen, die sich leider überall als eine besondere Spezies Mensch sehen. Ich hoffe, dass dieses Beispiel Schule macht und anderen Staaten und deren Justiz zum Vorbild wird.

Ein Hinweis an die Vertreter der EU in den Beitrittsverhandlungen mit Serbien: Wir brauchen in der EU nicht noch weitere Länder und Staatsoberhäupter, die bei der kleinsten Kleinigkeit nationalistische Saiten anschlagen und die Unabhängigkeit der Justiz anzweifeln beziehungsweise diese einschränken wollen, wie es höchste serbische Politiker getan haben. Mir persönlich reichen populistische und nationalistische Töne aus Polen und Ungarn voll und ganz. Solange solche Staaten nicht in der EU sind, sind sie meist lupenreine Demokraten. Serbiens Staatsoberhaupt lässt schon vor einem EU-Beitritt die Maske fallen.

Peter Aschmann, Großenlüder

Tennis-Ass brüskiert Fans

Novak Djokovic führt sich seit Jahren auf wie eine Diva, umgibt sich mit fragwürdigen Beratern, Mentalgurus und Alchimisten. Mitten in der Pandemie im Sommer 2020 veranstaltete er eine Wettkampfserie, nach der sich mehrere teilnehmende Profis mit Corona-Infektionen abmelden mussten, er selbst auch. Kurzum, er hat mit seiner unsäglichen Arroganz Leben riskiert, so als ob man das Virus mit einem Tennisschläger würde wegwedeln können. Was seine Vorstellung von Sportsgeist betrifft, lebt er wahrlich auf einem fernen Planeten. Er brüskiert und spaltet seine Fans, besonders in Australien.

Erst im Oktober war in Melbourne der letzte lange Lockdown zu Ende gegangen. Die Einwohner hatten keine Bewegungsfreiheit, und Australier, die sich außer Landes aufhielten, durften nicht nach Hause. Der Lockdown von insgesamt 262 Tagen war dort länger als in jeder anderen Stadt der Welt. Die Verweigerung der Regierung zur Einreise war eine logische und nachvollziehbare Konsequenz aus dieser Situation. Die Australier haben wahrlich viel mitgemacht.

Maria Böse, Fröndenberg

Wie konnte Djokovic fliegen?

In der Chronologie der Ereignisse um den Tennis-Weltranglistenersten vermisse ich Hinweise, wie Novak Djokovic überhaupt in die Flugzeuge von Emirates kam. Bekanntlich ist dies nur mit einem Impfnachweis möglich. Explizit schreibt die Airline den Nachweis eines "International COVID-19 Vaccination Certificate (ICVC)" vor. Hat also der Serbe hier schon getrickst? Dies gilt vor allem für seinen Flug nach Australien von Spanien aus (sein Zweitwohnsitz ist in Marbella). Spanische Medien melden, dass Djokovic kurz vor Silvester illegal eingereist sei und ihm nun auch dort Ärger droht.

Und wie war nach seinem Rauswurf der Rückflug mit Emirates am Sonntag möglich, nachdem die ganze Welt weiß, dass Djokovic ein Impfgegner ist? Alles sehr merkwürdig. Möglicherweise droht Djokovic weiteres Ungemach. Bei den French Open im Mai in Paris dürfen nach jetzigem Stand nur geimpfte Spieler teilnehmen. Muss man sich also um den mehrfachen Millionär sorgen?

Klaus Wiendl, Bad Wiessee

Nur auf eigenen Vorteil bedacht

Der Tennismillionär Novak Djokovic hat sich in allen Disziplinen - auch sportlich - disqualifiziert. Während die Australier in den verschiedenen Lockdowns große Opfer erdulden mussten, meint Djokovic, mit Lügen und Betrügen die Regeln, die für jeden Einreisenden gelten, brechen zu müssen. Wie menschenverachtend Djokovic ist, der ausschließlich auf seinen persönlichen Vorteil bedacht ist, können wir in der Chronologie des Einreisestreits nachlesen. Die Krönung ist, dass der nicht geimpfte Djokovic nach Bekanntgabe des positiven PCR-Testergebnisses unter anderem an einer Preisverleihung ohne Maske und Abstand in Belgrad teilnahm. Sowie einen Tag später ein Interview mit Fotoshooting absolvierte, als bestehe nicht die Pflicht zur Quarantäne.

Man kann den Australiern nur empfehlen, gegen einen solchen Tennismillionär eine lebenslange Eingangssperre zu verhängen. Zwischen Genie und Wahnsinn passt anscheinend kein Blatt Papier.

Klaus Jürgen Lewin, Bremen

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